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nicht untersucht worden; ob es sich hier bereits um eine Rückwirkung
des Kirchenbaues oder um eine immanente Entwicklungstendenz des
jüdischen Kultbaues handelt, bleibt dahingestellt.
In der Synagoge von Hammat bei Tiberias, die Slousch 1921 aus
gegraben hatte, ist die nach Jerusalem gerichtete Mauer — auch hier
ist es die Südmauer —■ bereits auf der Innenseite architektonisch be¬
tont. Eine Kleinarchitektur ist vor dieser Mauer entdeckt worden, die
den Hl. Schrein beherbergt haben dürfte. Am deutlichsten ist die Wand
lung aus der Stellung des Sitzes des Archisynagogen zu erkennen, denn
er steht hier nicht an der Nordwand, die der Westwand der delinischen
Synagoge entsprechen würde, sondern, wie schon in Chorasiin, an der
Südwand. Wie wenig der Sitz des Archisynagogen jetzt richtunggebend
ist, ist daraus ersichtlich, daß der Archisynagoge nicht mehr in der
Mittelachse des Raumes, sondern im NebenschifT sitzt (Fig. 4).
Der Hl. Schrein, nicht der Sitz des Vorstehers, beherrscht nun den
Raum. Von diesen Lösungen ist zu der von Beth Alfa nur noch ein Schritt.
Aus den Mitteilungen von E. L. Sukenik über diese Synagoge in
Encyclopaedia Judaiea. IV, Beth Alfa entnehmen wir, daß die Synagoge
von Norden nach Süden, also nach Jerusalem orientiert ist. daß sie
drei Portale auf der Nordseite (also nicht wie die Synagogen der frühe¬
ren Zeit) hat, und auf der Südseite, das heißt an der nach Jerusalem
ausgerichteten Wand, eine runde Apsis aufweist, die, wie er meint, den
Aron ha-Kodesch beherbergt hat. Eine später errichtete Bima steht an
der Ostseite, mehr nach Süden gerückt. Interessant wäre es zu wissen,
ob die Apsis an der Außenseite sichtbar war, was aus der Beschreibung
Sukeniks hervorzugehen scheint. Die Apsiden in den meisten christ¬
lichen Kirchen der gleichen Zeit in Palästina waren noch ummantelt.
Besonders wichtig im Sinne der Orientierung ist die Tatsache, daß das
Fußbodenmosaik in Beth Alfa nicht, wie in Naro, vom Platz des Archi¬
synagogen aus zu betrachten ist. sondern umgekehrt. Der in die Syn¬
agoge Eintretende schaut auf die südliche Schreinwand und übersieht
von seinem Platz aus gleichzeitig das Mosaik, und dieses Mosaik stellt
denn auch bezeichnenderweise einen Hl. Schrein dar, dem andere inter¬
essante Bilder von Süden nach Norden folgen.
So ist die Orientierung der Synagoge erst im Laufe der Jahr¬
hunderte durch Einsetzung des Hl. Schreines als Blickziel zu straffer
Vereinheitlichung gediehen, wenn wir allerdings die Bezeichnung
Orientierung als Ausrichtung nach dem Tempelplatz in Jerusalem ver¬
stehen, nicht aber ausschließlich als Ostung, wie sie in den Kirchen
meist durchgeführt wurde.