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Dozent, Herr D 1 \ Moriz Löwilh, der sich unter Anderen j
ebenfalls um diese Stelle beworben hatte. ״Exzellenz", !
sprach der junge Gelehrte, ״ich habe mich um die Stelle j
beworben und halte cS auch für meine Pflicht, mich !
Ihnen vorzustcllen, obwohl ich weiß, daß meine Prä- ;
tcnsion eine völlig aussichtslose ist, zumal jetzt, in
einer Zeit, wo cS zwecklos erscheint, gegen die Macht
der Vorurthcile, gegen den Einfluß des Rassenhasses
anzukämpfen." Der Minister hörte den jungen Ge-
lehrten, dessen Qualifikation, dessen ernstes Streben,
dessen Fleiß und Thatigkeit ihn! wohl bekannt waren,
ruhig an, worauf er ihm antwortete: ״In gewisser
Beziehung ist es leider so; was jedoch mich betrifft,
mögen Sie überzeugt sein, daß ich in der Wissenschaft
keine konscssionellen Unterschiede kenne." Einige Tage
später brachte die ״Wiener Zeitung" in ihrem amt-
lichen Theile die Berufung des Dozenten Dr. Moriz
Löwith als Professor auf den Lehrstuhl für pathologische
Anatomie an der Universität zu Innsbruck.
W. Prag, 16 . September. Eine sich vor den
Gerichten abspiclende Geschichte, welche uns leider nicht
zur Ehre gereicht, erregt allgemeines Aussehen. An!
vergangenen Jom Kippur hat in der sich ihrer Auf-
klärung rühmenden Genieinde zn Außig sich das Un-
erhörte zngctragcn, daß einer der ״Andächtigen" während
der Abodah gcmüthlich die Zeitung aus der Tasche zog
und sich in deren Lektüre vertiefte. Er wurde hierüber
von einem Geineindeniitgliede hart angcsahrcn und
erhob deshalb wegen Berbalinjnric Klage. Die Nc-
präsentanz der israelitischen KultuSgemcinde hatte nämlich
auf gerichtliche Veranlassung die eiserne Stirn, ein
Gutachten dahin abzngeben, daß das Lesen einer Zeitung
im GottcShause nicht unanständig und die ostensible
ZeitungSlektürc dcS Klägers keineswegs geeignet sei,
ein Acrgerniß hervorzurusen. Die nicisten der den
Fortschritt huldigenden israelitischen Gemeinden würde
auch keinen Anstand daran nehmen, wie auch lhat-
sächlich cS dort gar nichts Seltenes sei, daß während
deS Gottesdienstes in den Tempeln Zeitungen gelesen
werden! Eine nette Gcmeindcrcpräseutanz, fürwahr!
In Folge dieser famosen Begutachtung wurde der Be-
klagte noch zu einer Geldstrafe vernrtheilt. Er appellirte
und die Sache kam nunmehr au das Leitmeritzcr
Gericht. Der Oberrabbincr Hirsch in Prag wurde
zur gutachtlichen Acnßernng veranläßt. Dieser nahm
aber nicht den hohen fortgeschrittenen Standpunkt der
Außiger Repräsentanz ein; und deshalb wurde der
Kläger mit seinen: Anspruch auf gerichtliche Genug-
thuung abgewicscn. Der Gerichtshof war der Ansicht,
daß der Beklagte mit Recht entrüstet gewesen und
deshalb keineswegs zu bestrafen sei, wenn er dem
eifrigen ZeitungSlcscr im GotteShause während des
Gottesdienstes zurechtgewicsen habe.
W. Prag, September. lieber das Wirken der
hiesigen Genleinde-ArmcnvcrwalLnng ist soeben ein Bericht
der Repräsentanz der KultnSgcmeinde erschienen, welchen
die folgenden Daten entnommen sind. Die Armenpflege
nmfaßt: 1) Geldnnterstützung; 2) das Armminstilut;
3) Joachim Wien'sche WohnnugSstiftung; 4) Brenn-
Materialien - Vertheilung; 5) Bikur Cholin: Anstalt;
6) Feiertags-Veiköstkgung anläßlich des Passahfcstcs,
sowie an Rüst- und AuSgaugSabende dcS Jomkipur;
7) unentgeltliche Mazzothvcrtheilung. Behufs Geld-
Unterstützung wurden bei der Arn:enko:nn:ission im
Jahre 1686 als Ergebniß der Jahresbeiträge von 4L
Gemeindenntgliedern, welche hierdurch gegen den HanS-
bettet geschützt sind, 2757 ff. 55 kr., an Pnrimspcnden
von 87 Parteien 1648 fl. 80 kr., an Nenjahrsfpcndcn
von 95 Parteien 1868 fi. 60 kr., an Spenden an-
läßlich freudiger Ereignisse von 20 Parteien 1161 fl.
an Spenden anläßlich von Sterbcfällcn von 17 Parteien
l 230 fl., an außerordentlichen Spenden von 12 Parteien
1445 fl., an Beitrag aus der KultuSgemcinde-Kassa
zur Armenunterstntzung 2000 fl., ferner ans der
Slistungenkassa, u. zw. Therese Wienerischen MiethzinS-
stiftung, Moses Edle von Portheim'sche Armenstiftnng
und Roscnberg'sche Stiftung 93 fl. 93 kr. zur Ver-
fügung gestellt, so daß die hier angeführten Spenden
nebst dem Saldo von: Jahre 1685 in Betrage von
51 fl 69 kr. und drei Netonrgabcu in: Betrage von
6 fl. 35 kr., au Eiuuahineu 12263 ft. 12 kr. ergeben.
Diesen stehen au Ausgaben gegenüber 3334 fl. 70 kr.
verabreicht in 1664 Beträgen au in Prag domizilircude
Arme ohne Unterschied der Zuständigkeit, darunter 74
permanente ZiuSuntcrstützuugeu ׳ , ferner 2455 st. 70 kr.
au 131 permanenten MonatSnnterstützugeu 1629 fl.
7 kr. in 476 Puriingaben, 1830 fl. 47 kr. in 582
NeujahrSgabeu, 93 ft. 93 kr. in StiftnugSverleihungen,
362 fl. 80 kr. in 344 Gaben a!r Durchreisende, 769 fl.
42 kr. in 3154 Gaben anläßlich von Veschneidungeu
und Hochzeiten, 935 fl. 16 kr. in 3295 Gaben an-
läßlich von Sterbcfällen und 180 fl. NegieauSlagen
znsamiuen !1591 fl. 25 kr. Für daö Armeninstitut
wurden in: Jahre 1686 2157 fl. eingenommen,
2137 fl. 27 kr. verausgabt, der PermögcnSstand be-
zisfert sich Ende 1666 auf 49766 fl. 61 י /•» kr. und
zwar 48996 fl. 81 י־/ ז fr. in Werth papieren und
769 fl. 80 kr. in Baarschaft; die Jntcresscu der Joachim
Wiewschcn WohnungSstiftimg betrugen 285 fl. 88 kr.,
dagegen wurden verausgabt 180 fl. 47'/2kr., die reinen
Aktiva betrugen Ende 1886 6532 fl. 69 kr. Bei der
BrennmaterialiemVerthcilung wurden in: Jahre 1886
1606 fl. 75 kr. eingenommen, inklusive der gesammelten
Beiträge von 922 fl. 75 kr., dagegen 1651 Meter-
Zentner Klodnocr Kohlen (der Meterzentner Per 66 kr.)
in: Betrage von 1419 fl. 86 kr. und 16 Meter Holz