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DaS jüdische Kind, daS an der Thätigkcit dcS !
Vaters das Beispiel emsigen Schaffens nnd fleißigen !
Strebens im Erwerben vor Angen hat, cS empfängt !
von demselben Barer mit dieser Zählung die Lehre, !
daß Geld und Gut, Besitz und Gewinnst, Erwerb und !
Verdienst nicht um ihrer selbst, sondern nur zur Er- !
süllung seiner Höchsten sittlichen Lebensaufgabe erstrebt !
werden, daß der Besitz nicht Zweck, sondern Mittel,
daß das Materielle nur für den Dienst dcS Ideellen
jüdisch gewonnen werde. Der ״zählende Semite" prägt
also seinen Kindern die Wahrheit ein, daß mit der
Erreichung materieller Güter der Jude nicht am Ziele
gegönnt. Ich kann mich nicht darüber auSsprcchcn,
was diese Stunde mir gebracht hat. Ich fange an,
so Vieles in ganz anderem Lichte zu betrachten. Ich
bin gewöhnt worden, uns als die Freien und Auf-
geklärten und Sie, Sic verzeihen mir dieses Wort,
als die Beschränkten zu betrachten, unseren Gesichts-
kreis für den weiten und den Ihrigen für einen
ungemein engen zu halten. — Und jetzt — darf ich
Ihnen sagen, was mir durch den Sinn zieht? Ich
habe eS immer für einen seltsamen Gedanken gehalten,
den Lessing seine Nccha aussprcchen läßt; jetzt aber
seiner Wünsche, sondern erst am Anfänge seines Strebens
und Ringens nach jenen höheren idealen Gütern sich
befinde, die nur in ernster Arbeit geistiger nnd sittlicher
Selbstvollendnug zu erringen sind. Wir haben freilich
keinen Nationalboden mehr i!n Besitze. Allein diese
Bedeutting unserer Zählung kann nicht in Vergessenheit
gerathen, denn cS wird bei jeder Zählung ausdrücklich
ausgesprochen, daß von der ersten ״Garbe," dem ersten
״Omer" gezählt werde. Und nun wiederhole ich meine
Frage. Sind das Wahrheiten die sich bereits überlebt
haben? Sind das Erkenntnisse und Gesinnungen, die
bereits allgcineine Bethätigung auch nur bei den
״Gebildeten" unter den Völkern gefunden haben?
Sind daS Anschauungen dumpfer, dunkler, ״mittel-
alterlicher," uiedrigdcukendcr Zeiten, für die der gesetzeS-
treue, seine Kinder in diesem Sinne zählen lehrende
Jude seine Kinder gewinnt, oder sind nicht vielmehr
die herrschenden Gesinnungen der Gegenwart noch solche,
daß er sie vielmehr damit als Bürger künftiger, besserer
Jahrhunderte erzieht? Giebt eS einen schärferen Protest
gegen die Vergötterung des Geldes, eine schneidigere
Berurtheilung der Anbetung des goldenen Kalbes,
eint' eindringlichere Warnung vor den Umgarnungcn
jenes niedrigen, kaltherzigen, berechnenden Egoismus,
der leider noch immer der maßgebende ist in den Herzen,
selbst wo er mit den Lippen verleugnet wird, als eben
diese Zählung dcS ״zählenden Semiten?" — Und
bedenken Sie wohl, mein Fräulein, daS Kind des
gesetzcStreuen Juden empfängt dieselbe Lehre noch durch
eine ganze große Reihe von Gesetzen und religiösen
Uebungcn, und vor Allein, eS sieht sie von seinem
Vater durch Verziehtleistung auf Erwerb und Gewinnst
an Sabbath und Feiertagen, durch den Armen, der
grundsätzlich vor seiner Thür nicht weggewiesen wird
und durch jenen großen Kreis von Pflichterfüllungen,
die in dem Opfer materiellen Besitzes für ideelle Güter
bestehen, in unausgesetzter freudiger Pslichtthat ver-
wirklich!! —"
Sie unterbrach mich in sichtlicher Bewegung.
״Empfangen Sic tausend Dank. Wir sind gleich am
Ziele, und mir sind nur noch wenige Augenblicke hier
glaube ich zu verstehen, daß ein ungeahnt tiefer Sinn
in den Worten liegt: daß eS bei Weitem nicht so
mühsam sei, auf den Berg Sinai hinanfznsteigeu,
als herab." —
Da fuhren wir in den Bahnhof ein.
״Nochmals herzlichen Dank!" und mit einem halb
fragenden, halb bittenden ״Auf Wiedersehen!" war sie
verschwunden.
Auf Wiedersehen? Herrliches Kind jüdischer Ahnen!
Dein rascher, Heller Blick, dein tiefes Berstäudniß, dein
warmes für Hohes so empfängliches Herz, dein sinniges,
treffendes Wort — sie sind daS tausendjährige Erbthcil
früherer Geschlechter, das auch durch die stumpf ge-
wordenen Eltern ohne merkliche Trübung auf dich ge-
kommen ist! Welch' eine Enkelin Sara'S nnd Nebekka's
wäre in anderer Umgebung anS dir geworden!
Welche furchtbare Verantwortung ruht auf jenen
Männern, die in unseliger Verblendung mit dem sichern
Instinkte fanatischen Hasses gegen das Gottesgesetz an
der Verführung ganzer Geschlechter planmäßig und
systematisch gearbeitet haben und arbeiten uub den Abfall
ungezählter Tausende hosfunugsvoller Söhne und Töchter
des jüdischen Stammes auf dem Gewissen haben!
Ich habe sie wohl verstanden, die Frage, die dir
durch den erregten Sinn zog: Was denn nun daS
Neformjudenthum, in dem du aufgewachsen, eigentlich
an der Stelle dieser herrlichen Lehre den Seinen ;1!
bieten habe, bei welcher Gelegenheit und in welchem
Augenblicke wohl der reformjüdijchc Vater uub die
reformjüdische Mutter ihrem Kinde als Priester und
Priesterin ewiger Wahrheit, als Pfleger und Pflegerin
der heiligen Flamme der Gottesfurcht nnd des Strebens
nach dem Ideale dastche? Und ba gähnte dir eine
Leere entgegen, nur unterbrochen durch frivolen Spott
über alles ״Fromme", und du schrecktest zurück vor
dieser Oede und einen Augenblick empfandest du etwas
wie Neid auf jene Kinder, in deren Brust ewig daS
Bild ihres Vaters und ihrer Mutter fortleben kann
als freundlich milder Lehrer der Wahrheit und der
Pflicht, auf jene Kinder, die weit über die Zeit dcS
Beisammenseins in räumlicher Nähe oder in irdischer
Zeitlichkeit hinaus, soweit sie auch ihren Blick zurück-