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gefordert und ;war werden in christlich-theologischen
Anstalten nur die Jünglinge, welche das vollständige
Gymnasium adsolvirt haben, in das Rabbiner: Seminar
ober, da dasselbe mit den oberen 4 Klanen des
Gymnasiums organisch verbunden ist, nur solche ans-
genommen, welche die \ n n t eren Gy m v a si a! tt assen adsolvirt
haben. Allgemeine Knltnrinteressen erfordern, das; die
ans der Icschiba kominenden Rabbinen außer den
erforderlichen theologischen Kenntnissen auch allgemeine
Bildung besitzen und der zu einem heilsamen Wirken
in unserem Batcrlande so wichtigen Nationalsprache
kundig sein sollen. Behufs Erreichung dieses Zieles
halte ich cs im wohlverstandenen Interesse der Israeliten,
hauptsächlich aber der Nabbinatstandidaten, ;n vcr-
ordnen, daß in Zukunft und ;war schon vom Schul-
jahrc 1883,81 ־ angcfangen, in der mit dem Ocssentlich-
keitsrechtc auSgestattcien Prcßbnrgcr (Nadd.-I Icschiba
als RabbinatSzöglinge nur solche Jünglinge anfgenommcn
werden sollen, welche ;nmindest die 4 untern Klassen
des Gymnasiums, der Nealschulc oder der Bürgerschule
mit Erfolg absolvirt und hierüber ein an öffentlicher
Anstalt erhaltenes Zeugnis; anfweiscn können. Ich
fordere Sie daher ans, hiervon dem Vorstände und
dem Rabbiner der Prcßbnrgcr orthodox-israelitischen
Gemeinde behnf Danachachtnng mit dem Beifügen ;n
verständigen, das; insofern diesem Erlaß ans welchem
Grunde immer nicht entsprochen würde, was aus'S
Strengste zu kontrolircn Sie hiermit angewiesen werden,
ich gezwungen wäre, a. h. OrlS die nothwendigcn Schritte
;ur Entziehung des OesfcntlichkeitSrechteS der Preßbnrger
Icschiba und Entziehung der W e I) rp fl ich!-B eg ü n st i g 11 n g
der dortigen Nabbinatö Kandidaten zu thnn. Schließlich
fordere ich Sie auf. die behufs Kontrolle nothwendigcn
Verfügungen seinerzeit zu treffen und mir über das
Resnltat Ihres der Rothwcndigkeit entsprechenden Vor-
gehcnS Bericht zu erstatten.
Budapest, den 3a Mai 1883.
Tr.'fort m. p."
W. 8. Juni. Dem hiesigen Ez-Hadaath-
Verein wurden dieser Tage zwanzig Dukaten von dem
Vorstände der Wiener Gemeinde überwiesen, welche
ursprünglich unserm Herrn Oberrabbiner M. Hirsch
als Honorar für eine Leistung übersendet, aber von
diesem mit dein Bemerken refüsirt waren, man möge
solche eventuell dem gedachten Vereine zur Unterstützung
bedürftiger Talmndjnngcr zur Verfügung stellen.
AV. Wna^Nt'ustcrdtl, (Ungarn) 8. Juni. Es
dürfte für Ihren Leserkreis nicht ohne Interesse sein,
von einer Strafgerichtsverhandlnng zu erfahren, die
sich kiirzlich in der unweit von hier liegenden KomitatS-
!ladt ^renesin abspiclte. Eine Frau ward der Diebs-
Hehlerei angeklagt: Staatsanwalt (Szegö). Vcrtheidigcr
-Heinrich Frankl), so wie die Dclignentin waren
! sämmtlich jüdischen Glaubens. Der Staatanwalt,
I als ״Kathegor", vertrat mit aller Objektivität die
i t a l m n d i s ch e M e i n n n g: .. N i ch t die M a u S ,
! s andern batfVod) ist der Dieb." (Kid lisch in 56 b :c.)
| Der Vertheidiger stellte sich auf den Standpunkt der
; an der genannten Stelle ausgesprochenen Gegenrede:
! ״Wenn die Maus nichts gethan Hütte, das
׳ L o ch lvn r d c und könnte ui chts t h u n; ״ er betonte
' ferner den Umstand, daß cS ja nicht erwiesen sei, daß
! die Angeklagte gewußt habe, cS sei das ihr verkaufte
! Objekt gestoblcn. Der Gerichtshof schloß sich der
j Meinung des Letzteren an und sprach im Sinne des
! ״SinegorS" die Beklagte frei. ES berührt sehr angenehm,
; daß zwei israelitische höhere Beamten in so würdiger
: Weise am Forum, jeder in seiner Sphäre, das strenge
I Recht vertreten, und die nngetheiltc Achtung sich und
; wohl auch dem Stamm, dein sie angehörcn, erwerben.
Beider Ansichten sind in dem Gutachten Zemaeh-Zedek
(Nr. 36) klar entwickelt.
Frankreich.
! ׳***■ l O. Juni. Unsere Feinde selbst ge-
; stehen ; 1 t, das; wir Inden in acht wcltbürgerlicher
; Menschenbrüdcrlichkcit uns überall am leichtesten
; akklimatisiren und in loyalster Weise für die Interessen
; eines jeden Landes fühlen, das uns gastfrenudlichc
i Ausnahme gewährt. Schon unser Beruf als Priester-
! reich, den wir für die ganze Welt erfüllen, macht uns
! frei von jeder engherzigen Abschlicßnng. Unsere Religion
! erkennt ja auch den braven Richtjnden Anthcil an dein
von uns allen angcstrcblcn Ziele des einigen Lebens
zu. Was unsere Gegner aber ; 1 ! häufig vergessen und
verkennen, das ist die Innigkeit und Anhänglichkeit,
mit der unsere Glaubensgenossen neben dieser Welt-
bürgertreuc auch den PatriotisinuS für das spezielle
Land, dessen Bürger sie sind, zu wahren wissen und
stets beweisen. Sie hätten sehen sollen, mit welcher
Andacht in der hiesigen Synagoge.der russisch-polnischen
Inden am Tage der .Krönung des russischen Kaisers
für das Wohl Rußlands gebetet wurde, eines Staates,
der seine jüdischen Landcskindcr namentlich in der letzten
Zeit wahrlich nicht verzärtelt hat. Der Rabbiner
Hanschna Heschel Lewien bol seine bedeutende Ge-
lehrsamkcit und Beredtsainkeit ans, um in seiner
Gerncinde diese Gesinnung zu erhalten. Er forderte
sie auf, den Patriotismus stets in Thaten zu bcktmden
sowie durch eine musterhafte Lebensweise aller Mitglieder
der jüdifch-rnssischen Gemeinde dem russischen Vater-
; lande zu zeigen, daß seine jüdischen Bürger ihm im
Auslände Ehre zu machen wissen, und daß die Ver-
; folgnngen der Inden Seitens des russischen Pöbels
| ohne jede Rechtfertigung sind. Unsere Glaubensgenossen
j in Frankreich würden sich dann reichlich für die Opfer