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war, weil sie sich sonst gewisse Begriffe von Sittlichkeit
nicht erklären konnte, die den ״Ariern" durchaus fremd
sein sollen? Nun, seid klug wie die Schlange, wenn
ihr fromm wie die Taube euch gebt, dachte die ״Kreuz-
zeitnng". Sie nimmt eine unschuldige Taubcnnlicne
an und fragt in kindlicher Einfalt, welche ganz vergißt,
aus welchem Anlaß sie den Semiten in dem Graef-
schen Prozeß gesucht und gesunden hatte, in ihrer
Nr. 248 ganz verwundert: ist eS denn ein Verbrechen
oder eine Schande, ein Jude zu sein? Nein, Ver-
ehrteste, gewiß nicht! Aber gieb doch anch gesalligst
Antwort: ist es ein Verbrechen oder eine Schande,
kein Jude zu sein? Nun, so sprich doch den reinen
Ariern nicht ihre arische Abstammung ab! Das Schönste
ist aber, daß die ״Kreuzzeitung" zugiebt. Professor
Graef scheine ״nach näheren Erkundigungen" allerdings
zu jener altevangelischen Pastorcnsamilie zu gehören, —
aber — und dieses ist das Köstlichste — ״es ist That-
fache", daß — Frau Professor Graef von jüdischer
Abstammung sei! Diese Dame hat aber, wie männiglich
bekannt, mit dem Prozesse nicht das Mindeste zu thun.
insbesondere nicht mit den gewissen Anschannngen, die
darin zu Tage treten. So ist die ״Kreuzzeitung" mit
ihrer findigen Erklärung von dem Tropfen semitischen
Bluts abgeführt und der famose Hieb war in die Lust
geführt. Sie ist überhaupt in der Angabe der jüdischen
Konfession von Personen sehr bedeutend. In derselben
Nr. 248 berichtet sie nach dem ״Schl. M. Bl." aus
Lubliuitz, daß der ״jüdische" Kaufmann und Stadt-
rat(} Roth aus Gutteutag wegen Wuchers und Wechsel-
fälschuug zu fünf Jahren Zuchthaus verurt heilt sei.
Sehr schön und sehr lehrreich, daß wir nunmehr wissen,
daß man Kaufmann, Stadtrath, Jude und dennoch
ein Spitzbube sein könne. In derselben Nr. 248 finden
wir beispielsweise die famofc Entmündigungsgeschichte,
in welcher kein Jude eine Rolle spielt, — es wäre
doch auch höchst lehrreich zu erfahren, welcher Konfession
die Familie angehört, in deren Schooß dergleichen sich
ereignet. Es wird in derselben Nummer von diversen
Vergehen und Verbrechen berichtet, ohne daß die ״Kreuz-
zeitung" die Konfession der Uebelthäter mitzutheilen
für gut findet. Warum aber gerade bei einem jüdischen
Missethäter die Qualität der Konfession hervorheben?
Es wäre doch sehr instruktiv, hierüber eine klare,
wahre, unverklausulirte Belehrung zu erhalten.
R. München, 17. Oktober. München ist zwar
kein Tisza-Eßlar, aber doch ist vor einiger Zeit hier
ein Fall passirt, der uns ein wenig nach jenem kleinen
Städtchen hinversctzt. Vor einiger Zeit verschwand
nämlich plötzlich eine 17jährige Gärtnerstochter; man
vermuthete das Mädchen sei geraubt zu unsittlichen Zwecken.
Indessen hat sich nunmehr die Sache dahin geklart,
daß das Mädchen seinen Eltern entlaufen ist; äugen-
blicklich befindet cs sich wieder bei denselben. Doch
kam, bevor man Näheres über den Verbleib deS Mäd-
chens wußte, dem Vater ein Brief zu, nach welchem
das Mädchen von Israeliten geraubt worden sei,
um für israelitischse Knltuözweckc Christenblut zu
bekommen!!! — So geschehen in der Hauptstadt
Bayerns im Monat Oktober deS Jahres 1885. —
Die 18 in der Jahreszahl scheint גחמה zu sein.
R. München, 21. Oktober. In der heutigen
Plenarsitzung der Kammer der Abgeordneten wurde der
Antrag Gabler, wonach die Kammer S. M. den König
bitten soll, die Bevollmächtigten Bayerns beim Bundes-
rathe zu beauftragen, dahin zu wirken, daß a) die
ordinirtcn Geistlichen vom Militärdienste befreit seien,
b) daß die Kandidaten der katholischen und protestantischen
Theologie bereits nach sechswöchiger aktiver Dienstzeit
bei einem Infanterieregiment zur Reserve zu beurlauben
seien, mit 86 gegen 54 Stimmen angenommen. Wir
fragen mit dem Staatsminister Frcihern von Feilitzsch,
welcher sich im klebrigen gegen den Antrag'aussprach —:
warum sind im Anträge nicht anch die Rabbinats-
kandidaten aufgeführt, welche sich in der-gleichen Lage
befinden, wie die katholischen und protestantischen Kandi-
baten? — Sollte es vielleicht maßgebenden Persönlich-
feiten möglich sein, noch nachträglich in diesem Sinne
einen Zusatzantrag zu bewirken?
M. Würzburg, 23. Oktober. Der Redakteur
des ״ Frank. Volksbl." scheint keine Gelegcnheiit un-
benutzt vorübcrgehen zu lassen. So hat er, da er ja
wegen seiner SchwurgerichtSsitznng (das GerichtSgeaäude
liegt an der Domstraße) die Domstraße besuchen mußte,
anch gleich gefunden, daß es eine Schmach und Schande
sei, wenn jetzt in Würzburg in den Schauläden jüdischer
Optiker (an der Domstraße) die Photographie der aus
dem Skandalprozeß Graef bekannten Straßendirne
Bertha Rot her prangen. — Man sicht, daß der
Herr Redakteur es auf seinem Wege durch die Dom-
straße sehr eilig (!) hatte (Schwurgericht!!), sonst
hätte er auch bemerkt, daß gleiche Bilder in den Läden
eines christlichen Zigarrcnhändlcrs hängen. Uebrigens
hat er auch vergessen, die Konfession der Bertha Rother
anzuführen.
H. Würzburg, 18. Oktober. Vorgestern wurde
von dem unterfränkljchen Schwurgerichte der zeichnende
Redakteur des..Fränkischen Volköblattes", Schrift-
setzer Stumpf, wegen Beleidigung des deutschen
Kaisers zu 2 Monat 15 Tagen Gefängniß ver-
urtheilt. — Wir können uns trösten; das antisemitische
Hetzblatt verschont ja weder Majestät noch Würde
mit seinem Geifer. Also dürfen wir uns nicht be-
klagen. — UebrigenS gewinnt jo der Redakteur Muße,
neues Gift auszubrüten, das, wie wir sehen, ja nur
ihm selbst Schaden bringt.