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Mr. 1091
Wien/Sämstag, 11. Februar 1922
4. Jahrgang
nrfxa&£aa
: : Tschechen und Juden.
• «t. Wien, 11. Februar. ,.
/ Diei Frager Zeitung »N a r o d n i L i s t y“, das
6rganÄ^. : :pätiönal.demokratisehen. Kramarz-Partei, hat
in einer Artikelserie die Handelsbeziehungen zwischen.
der Tschecho-SIowakei und Jugoslawien besprochen
und festgestellt, daß die Vorherrschaft des deutschen
Elements im Wirtschaftsleben Jugoslawiens der tschecho¬
slowakischen Industrie schweren Schaden zufügt.. Als
Träger des deutschen Einflusses im jugoslawischen
Wirtschaftsleben werden neben anderen Faktoren auch
rh'e J u d e n. genannt. Das Blatt schreibt: „Die Deut¬
schen können vor allem mit einer starken Tradition
rechnen. Den Handel besorgen in den ehemals , zu
Oesterreich, gehörigen Teiiep Jugoslawiens die J uHon,
di e i Irrer ganz e n Tr a d i t io n n K c h,
ge ge n u n s Tsch e ch e n ei n gen omin e n-
s i n d, eine Voreingenommenheit, die auch aufjiigc-;
slawische greise überzugreifen droht.“ Mit. diesem
ebenso vielsagenden als kurzen Satz in einer ziemlich
langen Artikelserie ist für die „Naroani, Listy“. das
Judenthema erschöpft. Das Blatt findet es nicht der
Mühe wert, Beweise für seine Behauptung von der
Tschectienfemdiiehkeit der Juden Jugoslawiens .zu er¬
bringen, noch auch darüber zu sprechen, wie die Ur¬
sachen der Feindseligkeit, falls eine, solche wirklich
vorhanden sein sollte, zu beseitigen wären. Es stellt
einfach die Tschechenfeindüchkeit der jugoslawischen
Juden als längst erwiesene Tatsache, als Dogma* als
Tradition hin, und huldigt damit selbst der schlechtesten
und dümmsten aller Traditionen. Nämlich der Tradition der
Antisemiten im alten Oesterreich-Ungarn, die auch
iriimer giaübteh, ;die Judehfrage mit unerwiesenen Be¬
hauptungen gefälligen, feindseligen,
‘gedankenlosen Phrasen abtun zu können.
' Woher stammen die Informationen der „Narodni
Listy“ ? Sind sie vom jugoslawischen 'Berichterstatter
dfe Mibrih^Mig von TatsachehrnaDiai zu Idtderri.
Stammen sie aber aus amtlichen ;Que|ien, etwa aus
Berichten der tschecho-siowakischerf Gesandtschaft in
Belgrad, dann ist Vorsicht am Platze.
Der tschecho - slowakische Geschäftsträger in
Belgrad, Herr K all ! n a, ist als Gegner
der Juden bekannt und hat seine Gefühle bei keiner
Gelegenheit verhehlt. Herr Kallina mag der beste und
treueste Vertreter tschecho-slowakischer Interessen in
Belgrad sein, objektiver Beurteilung der Juden ist er
nicht fähig, Berichte über Juden und jüdische An¬
gelegenheiten, welche von ihm oder dem von ihm ge¬
leiteten Amt herrühren, bedürfen daher der sorgfältigsten
Ueberprüfung. Wer sie ungeprüft als maßgebend, für
das Verhältnis der Tschecho-Slowaken zu den Juden
inj allgemeinen und den jugoslawischen Juden im be¬
sonderen erachtet, begeht einen schweren Fehler.
Die Juden Jugoslawiens sind, wenn man von
Liber verschwindend kleinen Zahl absieht, National¬
juden. Sie sind treue Bürger ihres Staates und er¬
gebene Diener ihres Volkes, des jüdischen Volkes.
Keine Agenten oder Knechte irgendeiner anderen
Nation. Ais Natiörialjuden können und wollen sie nicht
in den Streit anderer Völker, sei es nun ein Streit auf
politischem oder wirtschaftlichem Gebiete, eingreifen.
Das würde gegen den elementarsten Grundsatz des
nationaijüdischen Programms, welches Objektivität
allen Nationen gegenüber fordert, verstoßen. Welcher
Grund besteht für die Juden Jugoslawiens, mit
diesem Grundgedanken zu brechen und als Agenten
der Deutschen gegen die Tschechen zu arbeiten? Die
„Narodni Listy“ sehen Gespenster. Ihnen gilt der enge
Kreis von Assimilatidnsjuden, mit denen man es im
alten Oesterreich zu tun hatte, als Abbild des Gesämt-
judentums. Sie kennen einerseits die um das Prager
Kasino und die Wiener „Neue Freie Presse“ gescharten
deutschtümelnden Assimiianten, weiche freilich dem
deutschen Chauvinismus blind ergeben waren und sich
als Werkzeuge der Hetze gegen das Tschechenvolk mi߬
brauchen,ließen. Sie kennen auch in ihrer engeren Gefolg¬
schaft das Grilpplein tschechisch-jüdischer Assimiianten,
welche den deutschnationalen Israeliten in würdeloser
Hingabe und knechtseliger Demut nicht nachstehen.
Und nach diesen Exemplaren einer zürn Glücke fast
ausgestorbenen Art schätzt das Prager Blatt die Juden
aller Welt ein, als Individuen, die immer in irgend¬
feines Herrn Dienst gegen einen anderen schuften und
Intrigieren. Die Denkart der jugoslawischen Juden ist
natiönaljüdisch. Wenn die „Narodni Listy“ wissen
wollen, was das bedeutet, dann können sie in ihrer
nächsten Umgebung Belehrung finden. Sie brauchen
sreh nur an ihre führenden Staatsmänner, an den Präsi¬
denten Masaryk und an den Minister Benesch, zu wenden.
Diese Männer, welche das Wesen des National¬
judentums erkannt und ihre Stellung zum Judentum
nach dieser Erkenntnis eingerichtet haben, werden
ihnen sagen können, wie absurd es ist, in den Juden
filier Zonen Tschechenfeinde zu wittern.
Das Streikrecht der deutschen
Staatsbeamten.
Debatte im Reichstag«
Berlin, 10. Februar. (Wolff.) Der Reichstag trat heute
in die Besprechung der gestrigen Erklärung der Reichs-
regiteraflg ein. Reichsverkehrsminister Gröner erklärte,
daß sich Staatsbeamte, welche gegen • ihren ^Beamteheid
verstoßen, indem sie unberechtigt die Arbeit;niederlegen,
•eines, schweren Dienstvergehens schuldig 'mäehen. Die
DI 52 i p linarverf ahren würden /nach Gesetz
und Recht durchgeführt werden. Das DJ^teinkommen
während der Streiktage solle den Streiken/|t : abgezogen¬
werden. . •'
, Präsident L o e be'teilte hierauf mit, ; daß die r ti n-
;a b h ä n gige n S ozia Ide/mokra te n ein
Mißtrauensvot um beantr a.g.t hält e n,
daß seitens der K o m m u n i s t e n ein Antrag einge¬
gangen sei, die beschlagnahmten. S t r e i k- u n d G e-
w e r k s c h a f t s g e 1 d e r sofort freiztfeeben,: die vor¬
genommenen Verhaftungen aufzuheben und/ auch den/
Berliner Magistrat zu veranlassen, die aus,. Anlaß des
Berliner Streiks erfolgten M a ß rege I u n;g e n wieder
rückgängig zu machen. ,
Abgeordneter W.e 1 s (Sozialist) hob ,in ; seinen Aus- '
führungen hervor, daß die Weimarer Verfassung den Be¬
amten wohl das Koalitionsrecht, k e ! nesweg s ab er
d a s S t r e i k r e c h t zuerkennt. Nur Arbeit und-
Disziplin könnten Deutschland retten. ,:
Abgeordneter Dr. K ö f l e (Zentrum) erklärte, die
Zentrumsfraktion schließe si.ch dem Standpunkte des Reichs¬
kanzlers an. Seine Partei sei gegen den Antrag; den
Streikenden volle Amnestie zu gewähren. :
Abgeordneter B e r n d t (deutschnational) erklärt,
der Streik habe die Ohnmacht der sozial-
d e ra o k r a t i s c h e n G e w e r k S c h a f t e n er¬
wiesen. .Kein Mensch
kümmert. ; . ' "' :
Abgeordneter Scholz (Deutsche Volkspartei) führte
aus, in der Frage der Disziplinierung, der Beamten müsse
sich die Partei des Redners entschieden dagegen wenden,
daß die Disziplinierung der Vorgesetzten Dienststelle weg¬
genommen und auf ein anderes Kollegium übertragen werde,
das lediglich aus politischen Gründen entscheide.
Reichskanzler Dr. W i r t h ergriff hierauf das Wort
und sägte ; Das Ziel der Regierung war, den Eisenbahner*'
streik/ der in politisches Fahrwasser zu geraten drohte?
zu beenden. Dieses, Ziel konnte sie nicht erreichen;
indem '.sie von vorneirerein erklärte; sie wolle mit*
irgendwelchen Vertretern der \ Reichsgewerkschaftf
- nichts zu tun haben. Die Frage der A m n e s' t i e ist vom
uns von Anfang an in dem Sinn entschiedea worden, daß!
' es -nicht zulässig sei, eine Amnestie grundsätzlich auszu-
, sprechen. Es liegt der Regierung - fern, eine Politik 1 der
Rache, der Vergeltung im großen an den irregeleiteten
Beamten zu verfolgen; Die t e c h n i s'c h e N o t h i Ife
muß so organisiert werden, daß.: Sie (nach der äußersten;
: Linken gewendet) niemals ? mehr Gelegenheit bekommen?'
Ifiren armen Brüdern das Leben ;unmöglich zu'machen.
Abgeordneter D!t tm a n n (Unabh. Soz.) wies darauf
hin, daß der“ Vorstand der Reichsgewerkschaft der Eisen--
' bahner in seiner Mehrheit aus Volksparteilern und Deutsch-'
nationalen;,bestehe. Die H u n ge rge h all t e der mitt-i
leren und unteren Beamten hätten in allen Verwaltungen; ’
?die größte Erregung erzeugt. ‘ ;
Hierauf wurde die Sltzüng geschlossdn;
MMMerrsn. '
Berlin, 10. Februar. (Wölff;) Als in der. heutige«'
Sitzung des Reichstages der Unabhängige fSpriälis^
D i 11 m a n n sich in scharfen Worten gegen den Reichs¬
verkehrsminister Groener wandte und verlangte, daß.
dieser schleunigst verschwinde,, erinnerte er auch an den<
Ausspruch Groeners: „Ein Hundsfott, der streikt,“ und fügt
hinzu: „Ein Hundsfott, der einen Eisen-
b.a hner maßregelt, Herr Ge n e r a 11“ Bei
.diesen Worten erhob sich im Hause großer L ä r mj
Von den Abgeordneten der Rechten wurde ein Ordnungsruf
verlangt - L Von den Kommunisten, vund den. -Unab hängige n- r
kamen erregte. Gegenrufe. Der Lärm steigerte sich noch,/;
als Vizepräsident Dr. Dietrich die Abgeordneten der
Linken erfolgslos noch aufforderte, ihre Plätze ein¬
zunehmen. Plötzlich rief Dr. Dietrich: „Die Sitzung ist
geschlossen 1 Nächste Sitzung morgen um 1 Uhr.“ Die Un¬
abhängigen und Kommunisten begleiteten die Worte' des
Vizepräsidenten mit schallendem Gelächter.
Englischer 10-Millionen^Pfund-
Kredit für die Tschecho¬
slowakei.
Prag, 10. Februar. (P.*Z.) Das
Abendblatt der „Tribuna“ erfährt aus
London, daß die Verhandlungen über
den Kredit an die Tsehecho-Slowakei
a h ge schlossen worden sind. Nach
einer inoffiziellen Meldung wird Eng¬
land der Tschecho-SIowakei einen
Kredit von 100 M Hl Ion enP Sund
Sterling gewähren, obzwar es
sich ursprünglich um einen solchen in
der Höhe von 5 Millionen Pfund Ster¬
ling gehandelt hat. An die Prager
kompetenten Stellen ist eine Bestäti¬
gung über einen höheren Kredit noch
nicht eingelangt.
Deutsch-polnische Verhandlungen.
Genf, 10. Februar. (Wolff.) Der Beginn der
deutsch-polnischen Verhandlungen wird ^uf Montag
den 13. d. M. verschoben worden. Morgen werden
die beiderseitigen Bevollmächtigten Besprechungen mit
dem Präsidenten Calo n der haben* Oeffentliche
Sitzungen sind nicht geplant
Die Mission Jussuf Kemals.
Konstantinopel, 10. Februar. (Havas.) Aus An¬
gora wird gemeldet, die nationalistische Mission
unter Führung des Kommissärs für auswärtige An¬
gelegenheiten Jussuf Kemal sei heute nach 1
Konsfantinopel abgereist, wo sie Samstag eintreffeiv
werde. Die Mission habe offiziösen Charakter. Ihre
Aufgabe werde darin bestehen, die notwendigen Grund¬
lagen für die Aufstellung der kemalistischen Forde-.'
rangen zu untersuchen. Sie werde sich nach Paria
begeben und dort bleiben, solange die Verhandlungen
über die Orientfragen dauern werden.
Die Wilnaer Frage.
Kowno, 9. Februar. (Wolff.) In der Antwortnote
des polnischen Ministers des Aeußern S k i r m u n 1
auf die Note der litauischen Regierung, heißt es, der
Minister glaube, daß Litauen eine baldige Anknüpfung
freundschaftlicher Beziehungen nicht wünsche und des¬
halb unannehmbare Bedingungen ge¬
stellt habe. Polen schlage zunächst eine baldige Er¬
örterung allgemeiner taktischer Fragen vor, um eine
gegenseitige* Annäherung zu ermöglichen. Derartige
Verhandlungen würden für die Erörterung der Wilnaer
Frage kein Hindernis bilden und stimmten mit Vor¬
schlägen des Völkerbundes überein.
Die litauische Regierung betrachtet die Antwort
Skirmunts als negativ.
Sie werden ihnen aber auch sagen können, daß
es nicht nur absurd und abgeschmackt, sondern auch
gefährlich ist, mit den Juden so zu sprechen, wie es
anno dazumal Mode war. Die Juden verlangen mit
Recht, so behandelt zu werden wie alle anderen
Völker, sie verlangen, daß man Beweise erbringt, wenn
man sie irgendwie beschuldigt Die Art, wie die „Narodni
Listy“ in einem nachlässig hingeworfenen Satze gegen
die Juden eines fremden Landes eine schimpfliche Ver¬
dächtigung ausstreuen und damit gleichzeitig die
Stimmung gegen die Juden des eigenen Landes ver¬
giften, verdient energische Zurückweisung. Wenn es
den „Narodni Listy“ wertvoller scheint, die Interessen
ihres jungen Staates zu wahren als den antisemitischen
Gelüsten gewisser nationalistischer Kreise Rechnung zu
tragen, dann werden sie mit dieser Methode der Be¬
richterstattung in jüdischen Angelegenheiten brechen
müssen, ganz gründlich dann, wenn es sich um die Juden
eines Landes handelt, in welchem die Tschecho-Slowaken
arbeiten wollen. Die jugoslawischen Juden stehen dem
tschechischen Volke vorurteilslos gegenüber und wollen
gerne mit ihm arbeiten, wie mit allen anderen Völkern.
Sie haben aber weder Grund noch Lust, beleidigendes
Mißtrauen und wegwerfende Behandlung mit Dank und*
verdoppeltem Wohlwollen zu quittieren. Vielleicht gibt
ein Umstand den Herren von den „Narodni List/“
Stoff zum Nachdenken: Ihr Artikel ist von den Pro-
pagandablättem für den deutschen Handel im Aus¬
lande reproduziert worden und speziell der feimose
Satz über die jugoslawischen Juden war unter¬
strichen» ■
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