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Wien. Dienstag. 5. Februar 1824
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6. Mrsaag
Wilsons Lob.
—y. Wie», 5. Februar.
Ane neue
Fast in der gleichen Woche sind Lenin und Wilson
gestorben, zwei Männer, die einmal, im Zentrum kom¬
mender Wünsche und Hoffnungen standen und dann
nach kurzer Frist der Aufmerksamkeit der Mitwelt wieder
entzogen wurden. So unähnlich sie einander in Werde¬
gang, Weltanschauung und Lebenserfüüung waren, so
zeigt doch ihr endliches Schicksal einen gewissen Paral¬
lelismus. Beide hat der Krieg in das helle, kalte Licht
der Oefsentlichkeit gestellt, und beide konnten den Traum,
den sie geweckt, nicht ins. Leben führen. Lenin, der Theo¬
retiker der Revolution, wurde ihr Führer und Vollender.
Mber vor dem eisernen Gesetz der ökonomischen Logik
konnte seine Lehre nicht bestehen und er selbst mußte zu
ihrer Revision schreiten. Er wie Wilson hatten Krieg ge¬
führt, um den Weltfrieden zu erzwingen. Aber beide
wirkten in einer Welt, die den Krieg um des Krieges
willen liebte, die ihre Kräfte bis zum Fieberparoxysmus
ausgegeben hat. Lenin, der ihr Führer hätte sein sollen,
durchschritt das Labyrinth der Wirtschaftspolitik und.
kam schließlich vor die tote Wand. Wilson trat, ent¬
täuscht, verbittert, mit krankem Herzen in das Dunkel
des Privatlebens zurück.
Er war nach Washington und Lincoln der größte,
weil menschlichste Politiker, den Amerika hervorgÄracht
chatte. Washington erkämpfte der Union die Freiheit,
Lincoln machte der Sklavenschande ein Ende. Sie beide
beschränkten sich und ihr Wirken aus das Gebiet ihres
Staates. Wilson griff darüber hinaus. Er wollte der
Menschheit den Frieden bringen, setzte die ganze robuste,
unverbrauchte Kraft seines Staates für dieses Ziel ein
und scheiterte, weil er nicht gewußt hatte, Haß es in
Europa keine Wilsons gab, keine Männer, die Welt und
Menschheit als ein Ganzes betrachten; nicht einmal
Europäer, sondern nur Vertreter von Staaten, voll Haß
gegen den besiegten Feind, voll Mißtrauen gegenein¬
ander, voll vom Blutrausch des Schlachtfeldes. Dem
reinherzigen Universitätsprosessor standen Routiniers
der politischen Intrige gegenüber, an denen die Kraft
des klaren, unzweideutigen Wortes scheitern mußte. In
den vierzehn Punkten, die er am Grab Washingtons
verlas, hatte er der Welt eine Botschaft des Friedens
verkündet. Dieser magna charta antwortete der Vertrag
von Versailles. Nur den Gedanken des Völkerbundes
konnte Wilson retten.
Aber dieser Torso seiner großen Botschaft ist doch
lebenskräftiger gewesen, als die Diplomaten geglaubt
hatten, die lächelnd dem amerikanischen Idealisten diese
Konzession gemacht hatten. Unter den Händen der
patriotischen Kabinette wurde freilich auch dieses Zuge¬
ständnis immer weiter zugestutzt. Die Liga der
Nationen, die er hatte schassen wollen, wurde noch nicht
zustandegebracht. Aber auch der Bund, von dem vorerst
die besiegten Staaten ausgeschlossen blieben, ist doch
durch seine Existenz ein Instrument der Kriegsverhütung
geworden. Durch eine Reihe sehr wesentlicher Einschrän¬
kungen wurde versucht, die Zweckbestimmung Wilsons
zu durchkreuzen, aber doch konnte der Inhalt nicht ganz
'gefälscht werden und der Pazifismus zog Mut und Trost
aus der Tatsache, daß' die hurtige Diplomatenarbeit
das Werk in den Grundlinien hatte bestehen lassen
müssen. Der Völkerbund ist das einzige, leider heute das
letzte Mittel, den Einbruch der internationalen Anarchie
zu. verhindern, und es kann sich heute nur mehr darum
handeln, ihn zu verbessern und auszubauen. Der Haß,
mit dem der Völkerbund in der nationalistischen Presse
aller Staaten behandelt wird, gilt nicht in letzter Linie
den Bestrebungen, Deutschland und Rußland aus der
Macht ihrer Demagogen zu erlösen.
In Versailles war Wilson isoliert worden. Seine
Mitarbeiter aus Amerika waren die ersten, die ihn ver¬
ließen und dem Einfluß Clemenceaus und der Rache¬
rufer unterlagen. Ihre Stimmung übertrug sich aus
die OesfentlickLeit der Bereinigten Staaten. Dort wurde
gerade wegen der Verstümmelung des Völkerbund-
gedankens das ganze Friedenswerk verworfen. Ein hef¬
tiger Kampf gegen Wilson entstand, der ihn auch dort
vereinsamt zeigte. Verbittert kam der Präsident zurück.
Er war in Herz und Mark getroffen und konnte sich
nicht mehr erholen. Aber der Völkerbund, sein Wert,
überlebt den Märtyrer der Idee, den Kämpfer für den
großen Frieden. ..
England greift aktiv ei«. — Der Kabmettsrat in London. — Die
Regierung lehnt RotstandsEnngen ab.
(Eigendienst der „WienerMorgenzeitung".)
London, 4. Februar. Die englische Regierung er¬
örterte heute in einer Kabinettssihung die Mög¬
lichkeit der Einberufung einer neuen Kon¬
ferenz über die Reparationsfrage und befaßte
sich auch mit dem Arbeitsl-s.en- und Wohnungs¬
problem. Die Gewerkschaften des Baugewerbes ver¬
langen von der Regierung eine umfassende WohnnngS-
politik.
Der britische Botschafter in Paris Lord E r e w e
ist heute in L o n d o n eingetroffe«. Man glaubt, daß er der
Ueberbringer sehr wichtiger französischer Bor¬
schlageist.
Dienstag wird das Parlament wichtige Regie¬
rung serklarnngen über die Bekämpfung der Ar¬
beitslosigkeit anhören. Vorläufig wird mitgeteilt,
daß die Regierung entgegen den Absichten der Baldwin-
Regierung es ablehnt, zum Zwecke der Beschäftigung der
Arbeitslosen eine Serie leichter Kreuzer zu baue«.
Die ersten Standeserhöhungen wurden
bereits vorgenommen.. Sie betreffen die Ernennung Sir
Didneh Olivie r s, Sekretär f Lr I»dien, Bri-
; ' ' '\v ; ->,. -f*. . V'. ’’ .’
Die neue russische Regierung.
Moskau, 3. Februar. (Rufs. Tel.-Ag.) Die von der neu¬
gewählten Zentralexekutive der Sowjetunion gewählte
Unionvegierung setzt sich wie folgt zusammen: Präsident des
Rates der Volkskommissare Rykow, Stellvertreter und
gleichzeitiger Vorsitzender des Rates der Arbeit und Bev-
tvidigun-g Käme ne w, Aeußeves T schits cherin, Krieg
Trotz!y, Außenhandel K r a s si n, Verkehr Rudsudak,
Post Sm-i t Jt o w, Inspektion Kujbhschow, Arbeit
Schmidt, Ernährung Brujdjauow, Finanzen
Scholnikow, Präsident des Obersten Vollswirtschafts-
vates Dscherschinski.
Hinter verschlossenen Türen.
Mailand, 4. Februar. (Tel. d. „Wr. Movgeirzeitung")
Me der Mosümer Korrespondent des sortiere della Sera"
meldet, fand di« Wahl RykowS zum Präsidenten der
DoWkomintifläve hinter verschlossenen Türen
statt. Der italienische Gewährsmann meint, die Wahl ver¬
diene im Ausland günstig ausgenommen zu werden, da
Rykow die neue MrtschaftsPoMk des Leninschen Regimes
eingekeitet habe. Die Wiederwahl Trotzkys wird als Beweis
der Versöhnung der verschiedenen Strömungen bezeichnet.
Wichtig ist die Wiodevtvahl Dscherschinskis, der zwar
Chef äs Dienstes bleibt, aber auch die Organisation
der Industrie durchzusühven hat.
Die Unterzeichnung des ita-lienisch-russlschen
Vertrages verschoben.
Rom, 4. Februar. (Tel, d. „Wr. MorgenzeÄnng".) Die
Hrvterzoichnung be& italienisch-russischen Han¬
dels-- und Schiffähvtsvertrages mußte in letzter Stunde ver¬
schoben werden, weil die Durchsicht des Textes nicht
rechtzeitig beendigt werden konnte.
Die ,^rkbuna" schreibt zur Verschiebung der Unter¬
zeichnung des italienisch-russischen Vertrages, die Forde¬
rung der russischen Regierung, den Text emzusehen, habe
überrascht. Es liege der Verdacht nahe, daß es sich um eines,
der V e r f chlepPu ngsma n öder handle, die in den
Verhandlungen mit Rußland so oft zu beklagen gewesen
. seien. Es sei - das' erste Mal in der Geschichte Mtevnatio-
naler Verhandlungen, daß eine Großmacht im Augenblick
dev Unterzeichnung eines Vertrages Znrücktvete.
Dev Nachfolger Lenins.
Der neue Präsident des Obersten Wirtschaftsvatcs,
Rykow, ist r u s s i s ch e r Abstammung aus einer
Bauernfamilie, und hat höhere Bildung genossen.
Er war ein langjähriger Freund Lenins und trat zum
ersten Male im Jahre 1917 im Moskauer Sowjet
gege n Kerenski aus. Er gehörte zu den Gründern des
Obersten Wirtschaftsrates und hatte bei der
- VevsoWMg der Roten ZlMee große VMmchky. Seit
gadegenerals Thomso«, Sekretär für Luftschiff«
fahrt »nd Sidney Arnolds, Unterstaatsseikretar für
dir K o l o n i e n, zu Peers von England.
„Ames" enthüllen die ungarischen Srevrl.
(Eigendienst, der Miener Morgenzeitung".)
London, 4. Februar. „Times" kündige» an, daß
sie in der nächsten Woche mit einer Veröffentlichung
wichtiger Enthüllungen über die Ereignisse
in Ungar» in den letzten Jahre« beginnen
werden.
Sagland und Rnßland.
(Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".)
Moskau, 4. Februar. Die Anerkennung der Föderation
der Sowjetstaten durch England erweckte im Kongreß der
Sowjets großen Widerhall. Sie wird -als ei« Zeichen von
großer historischer Wichtigkeit gewertet. Es wurde ein Be¬
schluß des Kongresses angenommen, der die Zusammenarbeit
mit dem englischen Voll begrüßt, die Friedensliebe
der Sowjetregierung ausspricht und die englisch-russische Zu¬
sammenarbeit als stetige Sorge-der Regierung- bezeichnet,
Ende,192t tautfcte er auf Wunsch Lenins Air fernem S t e U*
Vertreter ernannt. Damals zählte er 40 Jahre. Er
leidet angeblich an einer Kehlkopskrankheit.
Lossow «ad Kahr sehe«?
(Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".)
München, 4. Februar. Obwohl die Meldungen von
einem bevorstehenden Rücktritt des Generals Lossow amt¬
lich bestritten werden, wird in gut unterrichteten Kreisen
versichert, daß Lossow gehen muß. Ebenso scheint für Kahr
und S e i s e r die Stunde des Abschieds geschlagen zu haben.
Gewisse Kreise wollen zwar die drei Genannten um jeden
Preis halten, da in dem bevorstehenden Hitler-Prozeß
die Aussagen Kahrs,' Lossows und Seifers, wenn sie noch
im Amte sind, weit weniger deutlich sein würden als wenn
sie als Privatpersonen aussagen würden. Doch scheint gerade
dieser Umstand in prominenten Kreisen der ba hrischen
Bolkspartei die Bemühungen, den Rücktritt Kahrs
uüd Lossows herbeizusühren, zu verstärken; überdies
wäre vor allem durch dtzn Rücktritt Lossows die Mög¬
lichkeit gegeben, den Konflikt zwischen der bayrischen
nnd der Reichsregierung zu lösen. Angeblich soll
unter diesem Gesichtspunkte zwischen dem Reichskanz¬
ler und dem Ministerpräsidenten v. Knilling ge¬
legentlich ihrer Zusammenkunft in Homburg ein
U e b e r e i n k o m m e n zustande gekommen fein, .
Ser amerikanische Petroleumskandal.
London, 4. Februar. Das Räuberische Bureau melde)
au4 Washington: Fall, der heute trotz des Protestes
seiner juristischen und ärztlichen Ratgeber vor dem -Unter¬
suchungsausschuß des Senats erschienen ist, hat es. rundweg
abgelehnt, irgend eine Frage in Angelögenheit der
Petwleumverpachtungen oder seiner Beziehungen zur
Sinclair-Gruppe zu beantlvorten. Er erklärte,
erstens habe der Untersuchungsausschuß seine Besnguis ver¬
loren und zweitens würde seine Antwort nwglichevweisc
das Gerichtsverfahren schädigen.
Me jetzt bekannt geworden ist, hat schon vor .längewr
Zeit eine Anzahl Marineoffiziere in höheren Stel¬
lungen gegen die Verpachtung der der Marine gehörigen
Petwleumländereien an die Sinclair-Gruppe pro¬
testiert, ' aber dieser Protest wurde stillschwei¬
gend zu den Akten gelegt. .Der Senalsausschuß
hatte davon Kenntnis erhalten, aber es war ihm n n m ö g-
lich, etwas zu unternehmen. Die Verha-ndlungen des
Untersuchungsausschusses sind wegen des Ab¬
lebens des Expväsidenten Wilson aus einige Tage unter¬
brochen. V _ ....
Beniselos' Nachfolger.
London. 4. Februar. Das Reutersche Bureau meldet aus
Athen, Justizmimster Kaifandaris sei zum neuen Minister¬
präsidenten ansersehrn,