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Dr. Vsoch's Wochensttzrist. Nr. 52
Synsgogen-GeMnge der Neuzeit.
Besprochen von Ober-Cantor Eugen Davidsohn, Teplitz.
Seitdem, die musikalischen Analphabeten aus den Reihen
der Cantoren doch allmählich schwinden und das gebildete Pub¬
licum im Tempel ebenso schlechte Musik ablehnt, wie man alles
Andere ablehnt, das eben nicht am rechten Platze sich befindet,
seitdem lichtet sich auch das Dunkel, in das der Synagogen¬
gesang gehüllt war. Der bekannte Ausspruch Heine's, „was zu
schlecht ist, um gesprochen zu werden, wird ge¬
sungen", erfährt, aus den früheren Synagogengesang ange¬
wendet, eine völlige Umkehrung. Was so schön war, um. ge¬
sprochen zu werden, hätte man besser nicht singen sollen. Dem
Wiener Ober-Cantor Sulzer, ruhmreichen Angedenkens, war es
beschieden, die lichten Gebilde unserer Gebete von musikalischem
Beiwerke zu trennen, dessen nursikalische Gliederung genau so
verkümmert war, wie Recht uud Freiheit der Israeliten im Ghetto.
Die erste ThäthgkESulzer's fällt in das erste Drittel
dieses Jahrhunderts. ' Nach dem Stadium, das zu jener Zeit in
musikalischer Kunst überhaupt schon erreicht war, erweist sich die
Einführung eines geregelten Synagogengesanges mithin schon als
eine Verzögerung. Für manchen unserer lieben Glaubensge¬
nossen, der ein umso aufdringlicheres Urtheil verbreitet, je tiefer
unter Null lein geistiger Standpunkt steht, hätte es allerdings
noch heute keines Sulzers bedurft und keiner Cantoren, die
dem großen Vorbilde folgen. Die Zeit hat Flügel und eilt vor¬
wärts. Daraus ergibt sich der Vortheil, daß, was der Vater
bemängelte, beansprucht ausdrücklich der Sohn und unterstützt
das Bestreben, dem Synagogengesang eine höhere Stufe einzu¬
räumen, damit er das ästhetische Gefühl eines gebildeten
Menschen nicht verletze und nicht als antikes Spielwerk („von
jener Zeit!") zum Ergötzen Einzelner werde. Wie aber in allen
Dingen, wird auch hier die Gewohnheit zur zweiter: Natur r:nd
durch häufiges Anhören viele Jahre hindurch gelangt Mancher
in die Versuchung,' den Synagogengesang erst dann für voll zu
erklären, wenn er das unmusikalische Gepräge wahrt
und dabei die Unarten, die den Spott bekannter, sehr be¬
rühmter Musiker hervorgerufen haben. Andererseits vermochte jj
ein Sulzer mit seiner abgeklärten, erhabenen Gestaltungskraft so
tiefen, packenden Eindruck auf Franz Liszt auszuüben, daß sich
das phantasiereiche Urtheil Liszt's über Sulzer als Cantor bis
zur Schwärmerei steigerte!
In erster Reihe schuf Sulzer einen recitirenden Styl, der
das Wort uiü> seine Bedeutung durch entsprechende musi¬
kalische Declamation in seiner Bedeutung eben hervorhebt und
es nicht einer schönen Melodie um ihrer s e l b st willen unter¬
ordnet. Ein zweiter Reformator auf dem Gebiete des Syna¬
gogengesanges folgte, Lewandowski in Berlin. Er schlug weiche
Gemüthstöne an und gestaltete die Cantilene, gebundene, ton-
schöne Gesangsform, die sich der lyrischen Poesie in unserem Ge¬
betbuche accommodirt, Texten wie „Zadik katomor". Ein Dritter,
dessen Schaffen Verbreitung fand, ist Weintraub. Weintraub'sche
Manier hält das nationale Element fest und trägt den Stempel
der Virtuosität, soweit, der orientalische Charakter der Melodie
(fälschlich Polnischer Gesang genannt) vorwaltet. Alle
drei Meister erzogen Schüler, die nun eifrig daran gingen, die
Eigenart ihres Lehrers allein als unumstößlichen Styl für den Syna¬
gogengesang hinzustellen. Diese treffliche Eigenart, auf Alles
angewendet, wurde daher dem Synagogengesang zur Fessel und
hatte zur Folge, daß man durch einförmige Manier statt zu ver¬
bessern — verschlechterte. Was für die Dichtkunst gilt, gilt in
gleicher Weise für die Musik. Die Sentenz darf sich so und so
oft wiederholen, die Form aber muß dem jeweiligen Empfinden
einer Generation angepaßt sein, um erst in dieser erforderlicher:
Form eine ganze Wirkung zu erzielen. Genau so verhält es sich
mit dem musikalischen Schaffen. Der Grundcharakter der Melodie
soll nicht geändert werden, aber die äußere Form verlangt es
umso nachdrücklicher. Daher ist es unmöglich, selbst den tradi¬
tionellen Synagogengesang in gleicher Weise auszuführen, wie in
Zeiten, da der musikalische Geschmack von dem heutigen grund¬
verschieden war. Und da erwirbt sich ein gut unterrichteter
Fachmann, ob Cantor oder Chor-Dirigent, ein Verdienst, wenn
er der Neuzeit so Rechnung zu tragen versteht, daß traditionelle
Weisen, mit modernem Geschmack verwerthet, nicht nur im Gottes¬
dienst Platz finde», weil man auf die Tradition Rücksicht nimmt,
sondern weil ihnen durch die entsprechende Gestaltung die
Fähigkeit gewahrt wurde, anregend auf das Gemüth zu wirken.
Noch größer aber wird das Verdienst, wenn Neues auf can¬
toralem Gebiete geschaffen wird, ohne mit dem herkömm¬
lichen Styl zu brechen, und das leider gelingt den Wenigsten!
Viele der neueren Gesänge verdienen ebensowenig nur
in Synagogen beim Gottesdienste j a gesungen zu werden,
als außerhalb des Gottesdienstes nicht gesungen zu
werden. Mit solchem Schaffen thut man für den Gottes¬
dienst sehr wenig, gibt höchstens einem Cantor Gelegenheit,
mit einer gefälligen, schiw klingenden Composition den Beifall
seiner Zuhörer zu gewinnen. Obwohl für Anerkennung Jeder
empfänglich ist, so wird der ernste Fachmann erst dann Befrie-
digung finden, nicht wen:: er mit einer minderwerthigen, dafür
wirksamen Composition Gefallen erregt, sondern wenn er sich
vollständig in den Dienst der heiligen Sache stellen kann und
eiir ihr würdiges Material zu interpretiren in die Lage kommt.
Eine glänzende Ausnahme von all dem Unzweckmäßigen, das
trotzdem unablässig erscheint, bildet eine Sammlung von Syna-
gogen-Gesängen, die von Emanuel K i r s ch n e r, dem Ober-
cantor der israelitischen Gemeinde zu München, in neuester Zeit
veröfferrtlicht wurde.
K i r s ch n e r schuf Compositionen, die in jedem Tacte
und jeder Zeile den gediegenen Cantor und den vorzüglichen
Musiker erkennen lassen. Sein Schaffer: ist das Schaffen eir:es
ernsten Mannes, der für der: Gottesdien st schuf mit weih¬
voller Stimmung und als Componist seinen eigenen Weg geht,
somit als eine Individualität für sich betrachtet werden
muß. Die Gesänge, die Kirschner geschrieben, rechnen allerdings
mit zwei Voraussetzungen. Die edle, vornehme Gesangsweise muß
dem Cantor geläufig sein, um mit dem Tone das zu verkünden,
was an seelischen: Ausdruck durch kunstvolle musikalische Behand¬
lung gemeint ist. Solche Vortragsweise bedingen Nr. 5 und 6
der Partitur. Wie das verklärende Bewußtsein, Wort für Wort
des Betenden begleitet, so schwebt in sanften Klängen die domi-
nirende Orgelstimme über der Singstimme; bald aber verzichtet
der Componist auf die rein gesangliche Wirkung und wählt in¬
mitten der Cantilene den Sprechgesang für die glaubensstarke
Versicherung, die in den Worten »od j’nuwun b’shewo« und noch
weiter die rührend schöne Poesie des »Zadik katomor« in kräf¬
tigeren Accenten ausklingen läßt. In diesen beiden Compositionen
Nr. 5 und 6 schafft nicht blos der vortreffliche Musiker, sondern
ein musikalischer Poet, der die schönen Laute einer edlen Seele
zu offenbaren weiß. In Nr. 7 behandelt der Componist denselben
Text in herköuunlicher Art und ahmt die Weife unserer alten
Borbeter nach. Aber auch da soll der musikalisch vornehme Ton
gewahrt werden, und all' die Schnörkeleien, aus der Rococo-Zeit
Händel's herrührend, werden instrumental'im Orgelsatze wieder¬
gegeben. Die Passagen aber, die, von der Singstimme ausgefiihrt,
heute als schon nicht mehr zeitgemäß theilweise betrachtet werden,
wirken im Orgelsatze, geschickt harmonisirt, geradezu interessant.
Der traditionelle Charakter wird also betont, ohne daß der
Cantor einem Strudel von Coloraturen das Wort preiszu¬
geben nöthig hat. Die Coloratur in unserem altjüdifchen Gesang
war ja doch nur Manier und that der sinngemäßen
Vortragsweise des Textes oft genug Abbruch!
In der prächtigen Verschmelzung des Traditionellen und
Modernen, durch Orgel und Singstimme leistet aber Kirschner
das Beste in den Numnrern 11—15, den 5 Bearbeitungen des
»xv'sclionru«-Textes. Hier ist die eigentliche Domäne des Com-
pouisten; hie Cantor, hie Musiker, möchte man wohl sagen. Die
goldene Mittelstraße eingeschlagen zu haben zwischen alten
„Chasones" und total moderner Gesangsform, das weist dem
Synagogengesang neue Bahnen und begründet den Styl für die
Zukunft. Bon den fünf Nummern, die erste leitet in einen: ein¬
zigen Tacte sofort die ganze Stimmung des Folgenden ein und
da waltet soviel religiöser Ernst, da bringt es die Gesangsstimme
zu so schönen Wirkungen, dazwischen bringt die Orgel die alte
traditionelle Weife in Erinnerung, so daß man nicht dieEmpfin-
dung hat, das Ganze soll nicht musikalischen Effect
machen, sondern soll der beredte Ausdruck eines gottergebenen
frommen Gemüthes sein. Darauf folgt der Jubelruf des »Adon
olom«. Mit breiter Melodie nnd reicher Fülle von Harmonie
erreicht der Componist in diesen Hymnen u. A. auch im »Tow
l’hodos die begeisterte Stimmung, die den Texten mit siegender
Gewalt entströmt. Die Vorzüge anderer Componisten, farbenreiche
Stimmführung und hervorragende Klangschönheit durch vortreff¬
liche Combination, werden nach der Begabung, die aus Kirschner's
Schaffen spricht, wohl selbstverständlich. Kirschner ist der Mann
am Betpulte und das Cantorale findet in ihm eine außerordent¬
liche, gestaltende Kraft; von da aus findet er aber auch die
mächtige Steigerung zum Massengesang und weist dem Chore
große und wirkungsvolle Aufgaben zu. Wo jüdische Herzen sich
in: Gebete Gott zuwenden, werden diese neuen „Synagogen-
Gesänge" zu Andacht wecken. und berufen sein, die begeisterte
Tonsprache eines Sch’iiach Zibbur zu werden.
Herausgeber u. verantw. Redakteur r Dr. Josef S. Bloch.