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Dr. Vlvch's Wochenschrift.
Nr. 18
ruhiger, und endlich sagte er: „Liebe Mutter, wenn es sein muß,
so will ich mich nicht länger weigern, denn ich kann es nicht
ertragen, Deinen Kummer zu sehen; aber ich habe Augst — eine
wahre Todesangst".
Da nahm ich in aller Eile ein Leintuch und breitete auf
zwei Sesseln ein Lager, auf das ich meinen Sohn Benjamin
legte. Ich bedeckte ihn mit dem Leintuch und zündete zwei
Kerzen an, die ich zu seinen Häupten auf den Boden stellte. So
warteten wir; nach einiger Zeit hörte ich die Häscher draußen,
da stürzte ich zur Thür und riß sie mit einen lauten Schrei
aus. — — „Ihr seid zu spät gekommen, mein Sohn Benjamin
ist bei Tagesanbruch gestorben, sehet her, wie ich ihn aufgebahrt
habe, um ihn zu begraben! — — —" Und einer von den
beiden Männern — es waren zwei — sagte der Vorschrift
gemäß: „Gepriesen sei er, dessen Urtheil gerecht ist".
Dann ging er an mir vorbei — ich wagte es nicht, ihn
daran zu hindern — schritt zu den Sesseln hin und hob einen
Zipfel des Leintuches in die Höhe; darauf wandte er sich zu
seinem Gefährten und sagte: „Sie spricht die Wahrheit, wir sind
zu spät gekommen — er ist todt".
Er ging hinaus, und auf der Schwelle ergriff ich seine
Hand und drückte eine Silbermünze hinein dafür, daß er mich
nicht verrathen und meinen Sohn Benjamin gerettet hatte. Und
der Mann schaute mich mit großen Augen an und sagte nichts.
Dann sah ich ihnen nach, wie sie die Straße hinuntergingen
und dankte Gott für die Errettung. Rasch beschloß ich, daß ich
einen leeren Sarg aus dem Hause tragen lassen und meinen
Sohn Benjamin in seiner Kammer verborgen halten würde, bis
ich ihn sicher über die Grenze bringen könnte. Endlich, als die
Männer meinen Blicken entschwunden waren, flog ich zu dem
Knaben hin, riß die Decke fort und rief ihn, aber er schlief weiter,
von der Nachtwache erschöpft. Da rüttelte ich ihn und küßte ihn
auf den Mund, dabei fiel sein Kinn auf seine Brust, und ich
sah, was ich sah. Und der Sarg, der aus meinen Hause ge¬
tragen wurde, war nicht leer. Ja, „gesegnet sei er, dessen Urtheil
gerecht ist".
Aber was sehe ich? Ich sagte Dir, Du mögest weinen
und doch fließen Deine Thränen weniger reichlich um Dein Kind,
das noch nicht einmal entwöhnt war.- Und nun laß mich Dir
von meiner Tochter Esther erzählen, die unter dem Namen
Hadassah, die Myrthe, bekannt war, weil ihr Athem wie Duft
war und. ihr Antlitz Sommer und Winter blühte, und damals
war sie fünfzehn Jahre alt. Aller: Bewerbern, die sie um ihre
Hand baten, gab sie die Antwort: „Ich werde das Haus meiner
Mutter nicht verlassen, denn seit dem Tode meines Bruders
Benjamin ist Memand da, der Korn auf die Mühle bringt,
damit sie und die beiden Kleinen — damit meinte sie die beiden
Jüngsten, die Zwillinge — nicht hungern".
Unsere Beschäftigung bestand darin, daß wir Kräuter und
Gemüse zogen, die sie in den Stadthäusern verkaufte. Keiner
unter Allen aber, zahlte mit so freigebiger Hand, wie der Galach,
ein ftommer, alter Mann, der in der Furcht Gottes wandelte.
Doch er starb, und an seine Stelle kam ein junger Mann, ein
Wolf in Schafskleidern, der im Geheimen Uebles that. Und als
meine Tochter das dritte Mal in sein Haus gegangen war,
kehrte sie mit flammenden Augen zurück:
„Mutter, der Galach hat mich daran erinnert, daß ich ein
erwachsenes Mädchen bin".
Bon da ab trug ich ihm die Erzeugnisse unseres Feldes
hin. Ost erkundigte er sich mit erheuchelter Freundlichkeit nach
meiner Tochter, doch wußte ich sehr wohl, daß er keine guten
Absichten dabei hatte. Auch ging er nie an meinen Hause vor¬
über, ohne spähende Blicke durch das Thor zu werfen. Eines
Tages trat er ein und fragte: „Habt Ihr nicht zufällig mein
Schoßhündchen gesehen, das sich verirrt haben muß?" — Da
kam gerade meine Tochter herein und er fuhr fort: „Siehe da,
ich ging aus, einen Hund zu suchen, und statt dessen habe ich
eine Rose von Saron gefunden". Da antwortete sie rasch und
unüberlegt:
„Wen Ihr findet, die möchte lieber ein Hund, als eine
Rose von Saron sein."
Da biß er sich auf die Lippen, und indem er ihr voll in's
Gesicht sah, sagte er:
„So haben also auch die Rosen von Saron Dornen, die
stechen? Nichtsdestoweniger ist es ein Vergnügen, sie zu pflücken."
So spielte er noch eine Zeit lang in beleidigender Weise
mit dem Worte. Und das war nicht das einzige Mal, denn nach¬
her kam er oft in's Haus und ich hatte nicht den Muth, ihm
den Eintritt zu verwehren; auch ersuchte ich Esther, falls sie
nicht rechtzeitig aus dem Zimmer eilen könne, ihm höflich zu be¬
gegnen und List mit List zu erwidern. Aber was konnten zwei
Frauen gegen einen Mann ausrichteu, der mit Satan im Bunde
war? Und als meine Tochter verschwand, geradeso wie ein Stein,
der in einen Brunnen fällt, selbst dann kam er noch und ver¬
langte sie zu sehen; als ich ihm sagte, daß sie nicht hier sei,
da verlachte er mich in meiner Verzweiflung und sprach:
„Ihr habt sie aus Angst vor mir versteckt und das ist
sehr ungerecht von Euch, denn ich bin ein Mann Gottes und
ich würde keinem lebenden Wesen ein Leid anthun."
Das sagte er mit solcher Verstellung, daß ich lange Zeit
vom Zweifel gequält wurde, ob seine Unwissenheit nur erheuchelt,
oder ob sie echt war; gleichzeitig erkundigte ich mich eifrig in
der Umgebung und bat die Fischer acht zu haben, wenn sie im
Flusse fischten. Die Zeit verging ohne jedwede Nachricht.
Aber nach einigen Wochen kam der Priester zu mir
und sagte:
„Ihr habt recht gehabt, Eure Tochter zu beweinen; ich
bin heute aus Warschau zurückgekehrt, wo ich die Rose von
Saron im Schmutze der Gosse beim Lichte der Laterne gesehen
habe. Ihr Name wird zehn Meilen im Umkreis in jeder Schenke
genannt."
Nun wußte ich, daß er gelogen hatte, denn in Warschau
auf dem alten Friedhofe liegt ihr Vater begraben und sie hätte
es nie gewagt, Böses zu thun an einem Orte, wo seine Seele
sie heimsuchen konnte. Nun wußte ich, daß der Priester bei
ihrem Verschwinden die Hand im Spiele hatte. (Forts, folgt.)
Briefkasten.
M. N. Dr. Lueger lavirt noch offenbar.
Ä. B. Es ist in der That seltsam, daß mau die Kirche zu
solchen „Festivitäten" verwendet. Der Ausdruck „Lueger rc. rc. haben
ihr Erscheinen zugesagt" paßte viel besser, wenn von einem Concert¬
iaal oder einem Theater die Rede ist.
A. Die Illumination zeigte nur, wie dunkel es in
Wien ist.
Dr. G. H. „^uäiatur 6t altera xar8"— ist unsere Losung.
M. L—g. Vor Allem die Wahrheit! Auch wenn es sich um
einen Gegner handelt.
O—r. Die Sache ist die: Vergani kann nicht schreiben —
aber er schreibt doch.
Wilhelm Berger: Zu wenig sachliches Material.
Arthur G. Das „Vaterland" arbeitet jetzt hauptsächlich in
— ungarischem Antisemitismus.
H. Z—ly. Die Schönerianer fühlen sich eben besser in
Dresden. Warum sie nicht gleich dort bleiben? Das wissen wir
freilich nicht.
H. B. Frau Bertha Schneider will eben in Allem die
würdige Gattin des berühmten Mechanikers sein.
I. A. in Aufpitz: Der 10. Mai 1894-war Donnerstag der
4. Jjar 5654.
H. 200: Abonnement bis 30. December eingetragen. —
Wir sind an der Sache vollständig unschuldig
„Wiener Rundschau." (Herausgeber Rudolf Strauß.
Redaction und Administration: Wien, VIII/1, Georgsgasse 4).
Die elfte Nummer dieser vornehmen literarischen Halbmonats¬
schrift bringt meisterhafte Novellen des berühmten norwegischen
Romanciers Jonas L i e und des Parisers Maurice L e b l a n c,
feingestimmte Verse von E v e r s, M o n t e s q u i o u und Paul
Alt h o f, sowie einen interessanten Aufsatz Dr. Moriz N e ck er 's
über „Alfred v. Berger's Studien und Kritiken". Den weiteren
Inhalt bilden essayistische Beiträge von Alfred Neu m a n n
über Th. Th. Heine, R. I a c o b s e n über „Ermete Zacconi",
Dr. Paul W e i s e n g r ü n „Gegen die Emancipation des
Weibes", Hermann Menkes über I. P. Jacobsen. Am Schluffe
finden sich eingehende Theater-, Kunst- und Buchreferate.
Wie». (N o r d l a n d r e i s e.) Das internationale Reise¬
bureau Schenker & C o., Wien, veranstaltet eine Gesellschafts¬
reise nach Dänemark, Schweden und Norwegen, einschließend eine
achttägige Fahrt nach dem Nordcap, mit erstclassigem Tonristen-
Dampfer. Abfahrt von Wien 24. Juni; Dauer 40. Tage. Pro-
specte gratis und franco im obgenannten Bureau.
Herausgeber u. verantw. Redacteur: Dr. Josef G. Bloch. — Druck v. L. Beck & Sohn, Wien, VHI., Lercheuselderstr. 46.