Nr. 19.
Dr. Bloch’s
Jahrgang XI V.
Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudrnthums.
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Wien. 7. Mai 1897.
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Inhalt: Leitartikel: Der antisemitische Kinderkreuzzug. — Assimilation. — Das Schächtverbot vor dem Verwaltungsgerichtshofe. —
Worte und Thaten. — Qeffentliche Sitzung des Wiener israelitischen Cultusvorstandes. — Generalversammlung der Oesterreichisch-
Jsraelitischen Union. — Israelitische Tempelbezirke in Wien. — C o r r e s p o n d e n z e n: Wien, Budapest, Preßburg. Aussig,
Hohenau, Proßnitz, Prag, Szenitz, Berlin, Wiesbaden. — B e r m is ch t e s: Wien, Mährisch-Weißkirchen, Krakau, Prag, Ustrzyki,
Turnau, Kaaden. — Feuilleton: „Dessen Urtheil gerecht ist." — Briefkasten. — Inserate.
Der antisemitische Kinderkreuzzug.
Die neueste Heldenthat unserer Stadtraths-Antisemilen bedeutet
wohl das üppigste, das herrlichste Blatt in dem Lorbeerkranz, den sie
sich bisher gewunden haben. Ja wohl, es war die höchste Zeit, daß
der christliche Gedanke Marke Lueger zur Herrschaft gelaugte. Gott'
lob, daß es gerade unserer Generation vergönnt war, diese herrliche
Aera mitzumachen. Zu den vielen siegreichen Feldschlachten, in denen
der antisemitische Heerbann die Vernunft und die gute Sitte zu Boden
gerungen, den Anstand auf's Haupt geschlagen, die Moral in die
Flucht getrieben hat, gesellt sich eine neue.
Der antisemitische Kinderkreuzzug, der Kreuzzug gegen arme
jüdische Kinder ist eine der folgerichtigsten Actionen, die unter der
Aegide der dermaligen commuualen Machthaber durchgeführt wurden.
Zwar sind die Juden Steuerträger, zwar werden sie zu allen
öffentlichen Abgaben herangezogen, ihr Antheil an den Lallen der
Gesammtbevölkerung ist ein überaus beträchtlicher und die Lteuer-
cowmissäre vom Geiste Lueger's tragen dafür Sorge, daß die Juden¬
quote im Sinne Strobach'scher Gerechtigkeit ausgeglichen werde; aber
die kommunalen Aemter sind den Juden unzugänglich, israelitische
Bewerber um Lehrerstellen werden grundsätzlich von jeder Anstellung
und Beförderung ausgeschlossen.
Aber man muß das Uebel mit der Wurzel ausrotten. Und
wahrscheinlich weil es den antisemitischen Machthabern bereits zu
langweilig ist, sich täglich in denselben monotonen Verletzungen der
Staatsgrundgesetze zu gefallen, gehen die antisemitischen Stadträthe
daran, soweit es auf sie ankommt, dem Bildungstrieb der israelitischen
Jugend einen Riegel vorzuschieben.
Wenn man die Juden hindert, die Schulen zu besuchen und
sich Bildung anzueignen, dann werden sie nicht in spateren Jahren
mit schüchternem Finger an die Bureaupsorte der antisemitischen Macht¬
haber pochen, um vergeblich eine kleine, dürftig dotirte Anstellung zu
erbitten. Die christlich-sociale Bewegung ist aber nicht nur von
Lueger'schem Christemhum durchtränkt, sie ist auch social, getreu ihrem
Namen, gesalbt mit dem Oel des Strobach'schen Hausherrn-Socialis-
mus von den enteren Gründen, und darum sind es die armen Juden,
gegen die sich der Wiener Antisemitismus in erster Linie richtet, gegen
die Millionäre, die mit Zündhölzel hausiren; die werden von trunkenen
Spießern mißhandelt, und den Großcapitalisten, die in winkeligen
Nebengäßchen alte Kleider verkaufen, werden bei feierlichen Wahl¬
gelegenheiten ihre Fenster eingeschlagen und ihre Borräthe gestohlen.
Auch der antisemitische Kinderkreuzzug richtet sich gegen Kinder
der armen Juden. Wie wir erfahren, sind jene armen israelitischen
Schüler des Leopoldstädter Communal-, Real- und Obergymnasiums,
welche für das laufende Semester um die Schulgeldbefreiung einge¬
schritten waren, vom Stadtrathe abgewiesen worden, trotzdem
die Mittellosigkeit ihrer Eltern nachgewiesen und das Gesuch um die
Schulgeldbesreiung vom Lehrkörper wärmstens befürwortet wor¬
den war.
Recht so! das ist einmal ein Schuß in's Schwarze. Der
Nagel ist auf den Kopf getroffen, der Judennagel, und daß es der
Kopf unschuldiger, harmloser Kinder ist, das gibt der Sache noch eine
besondere, pikante Würze. Und jetzt erfährt man es, die Schulgeld¬
befreiungen sind keine socialpolitische Vorsicht, durch die der Gesetz¬
geber es vermeiden will, daß das Studium zum Monopol der Be¬
sitzenden, das Wissen zum Alleineigenthum der Reichen, die Bildung
zum Privileg der oberen Zehntausend werde. Nein, vom Schulgeld
wird an den communalen Schulen derjenige befreit, der den antisemi¬
tischen Stadträthen zu Gesicht steht. Nicht die fleißigsten, die sitt¬
samsten, die talentirtesten, sondern die nnbeschnittensten Schüler, sind
die würdigsten.
Um die Thaten unserer antisemitischen Stadtväter gebührend
zu charakterisiren, fehlt es leider in dem Wörterbuch der deutschen
Sprache an passenden Ausdrücken. Aber bemerkenswerth ist es, daß
derlei nur auf Wiener Boden gedeihen kann. Zwar bekämpfen sich
auch anderswo die Parteien, auch in anderen Städten tobt der Zwie¬
spalt der Principien, Prallen gegenseitige Anschauungen aneinander;
aber die Gassenbüberei zum Leitmotiv der Verwaltung zu erheben,
die Gerechtigkeit zum Watschenmann herabzuwürdigen, an dem jeder
antisemitische Sumper die Kruft seiner rohen Fäuste erproben kann,
, das war den Wiener Machthabern Vorbehalten.
Die armen Judenkinder sind niedergeworfen, zerschmettert,
decimirt, sie haben die Gewalt, die Machtvollkommenheit des anti¬
semitischen Stadtrathes kennen gelernt. Als sie weinend vor ihren
Lehrern standen, die ihnen selbst mit bebender Stimme das Aus-
weisuugsedict des Stadtrathes mittheilten, als sie schluchzten und
stammelten, daß sie ihre Studien aufgeben müßten,-da ihre Ellern
kaum das nackte Leben fristen könnten, da mag in diesen jugendlichen