Nr. 40 Dl*a BlOCh S Iahr-an- XU
Centralorgsn für die gesammten Interessen des Iudenthums.
Wien- 8 . Ortobrr 1902 .
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Erscheint jeden Freitag.
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Brief-Adresse: Wien, IX/1» Verggafse SS.
Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift. Wien.
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A. k. Pofisparrssfen-Amk >
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Nr. 810.976.
Ledartion und Adminipratio»
wir»
IX/1, Verggassr Nr. 39.
Ttlophon Nr. 14.847.
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Inhalt: Leitartikel: „Jenseits des Meeres!" — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Für die
Juden Rumäniens. Jüdische Landwirthe. Ueber die Getreideversorgung Sachsens durch einen Juden. Die Wahl des Lord-Mayors
von London. Die Juden in der Dresdner Chronik. — Zeitfragen. — Correspondenzen: Aus der Plenarsitzung des
Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde Wien. Die Arbeitsscheu der Juden. Rumänische Auswanderer in Wien. Wien, Kutten¬
berg. Budapest. Sensationeller Proceß in Berlin. Bonn, Paris, Odessa. Das israelitische Hospital in Newark. Chicago. —
Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Chewra-Kadischa in Wien. Wien. Wiener-Neustadt, Reichenberg, Nagy-
Kanizsa, Petersburg, Temesvar, Paris. — Feuilleton: Bilder aus Sibirien. — Literatur. — Brieflasten. — Inserate.
Den geehrten Lesern, Gönnern und Freunden
wünschen wir aus Anlass des Jahreswechsels
riöTim n^ro
Die Redaction der
„ Oesterreichischen Wochenschrift“
c Br. Jos . 8 cBloeh .
„Jenseits des Meeres!"
„Das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht ver«
borgen und nicht fern. Es ist nicht im Himmel, daß ihr saget,
wer steige zum Himmel hinauf und hole es uns hernieder, es uns
zu verkünd:», daß wir es erfüllen. Und es ist nicht jenseits
des Meeres, daß ihr saget, wer ziehe für uns über das Meer
und bringe und verkünde es uns, daß wir es erfüllen. Sondern
ganz nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und deinem
Herzen es zu erfüllend (5. B. M. Cap. 30 B. 11—14.)
An dieses Wort erinnert Professor Dr. S. K a l i s ch e r
in einem Artikel über die amerikanische Note an Europa, und
er fügt die Frage hinzu:
„Ist es uns wirklich nahe, „das Buch der Lehre", wie es im
vorhergehenden Verse heißt, und womit „das Gebot" gemeint ist: „Wie
ein Einheimischer von euch soll auch der Fremdling sein, der bei euch
weilt, und du sollst ihn lieben wie dich selbst;" „Ein Gesetz soll sein
für den Einheimischen wie für den Fremden;- „Ein Gesetz und ein
Recht soll sein euch und dem Fremden;" „Ihr sollt den Fremden
lieben" — ist es nahe, oder ist es nicht doch vielmehr jenseits des
Meeres? Wird er die verrosteten Gewissen der alten Welt aufrütteln,
der Ruf, der aus der prachtvollen neuen Welt von jenseits des Meeres
herüberschallt, „die Grundsätze des internationalen
Rechts und der ewigen Gerechtigkeit" gegen die Ange¬
hörigen des Volksstammes, der zuerst diese Grundsätze — vor Jahr¬
tausenden bereits — verkündet hat, zur Geltung zu bringen? Wie es
auch kommen mag, die Note der Bereinigten Staaten an die Regierungen
Europas^wird ein historisches Dokument von ewiger Bedeutung bleiben.
DaS erlösende Wort gilt zunächst den geknechteten Juden Rmnäniens.
Aber es ist zugleich eine doppelte Anklage gegen ganz Europa. Nahezu
25 Jahre haben die Mächte, die den Berliner Vertrag von 1878 unter¬
zeichnet haben, die Verhöhnung von Seiten Rumäniens geduldet, daß
es 400.000 Juden, die seit Jahrhunderten im Lande wohnen, das ihr
Vaterland ist und für das sie in der Stunde der Gefahr Gut und
Blut hergegeben haben, die Me Pflichten der Staatsbürger erfüllen
und die nach den Bestimmungen jenes Vertrages gleiche Rechte mit
den übrigen Rumänen haben sollten, für „Fremde" erklärte, gegen
die man nun auf Grund dieser Fiction, im Gegensatz zu den oben
angeführten Geboten des Alten Testaments, das ja auch die Christen¬
heit als „die heilige Schrift" bezeichnet, die bedrückendsten „Gesetze"
ersonnen hat, um sie in physisches Elend und geistige Nacht zu stoßen,
um ihnen den Lebensodem abzuschneiden. Das hat das übrige Europa
geduldet, weil - und das ist der zweite, wenn auch nicht ausge¬
sprochene Punkt der Anklage, und tief traurig zu sagen — weil es
mußte, weil sein eigenes Gewissen nicht rein genug ist, um. wie es
die Vereinigten Staaten vermögen, im Namen der Menschlich¬
keit reden zu können und Rumänien auf die „Grundsätze des
internationalen Rechts und der ewigen Gerechtig¬
keit" hinzuweisen, ohne der Antwort gewärtig zu sein: „Kehret doch
vor eurer eigenen Thür!"
Man hat eingewendet, die Bereinigten Staaten seien zu
ihrer Note an die Unterzeichner des Berliner Vertrages nicht
berechtigt gewesen. Denn erstens hätten die Bereinigten Staaten
sich in europäische Verhältnisse nicht einzumischen, da die Republik
sich ihrerseits auf Grund der Monroedoctrin eine Einmischung
in Amerika verbäte. Und ganz gewiß seien die Bereinigten Staaten
aus dem Grunde unzuständig, da sie gar nicht zu den Unter¬
zeichnern des Berliner Vertrages gehören.
Darauf wird in der Berliner „Nation" geantwortet:
„Als wir mit Piraten in den Gewässern von Haiti kurzen
Proceß machten, hatten wir Recht, und die Bereinigten Staaten
bestritten uns nicht dieses Recht, und nun da die Bereinigten Staaten
von den rumänischen Zuständen in Mitleidenschaft gezogen zu
werden fürchten, find fie gleichfalls zum Einschreiten legitimirt
und dürfen ihre Stimme warnend erheben. Es geht kein Strich
durch den Atlantischen Ocean und es gebietet nicht die Monroe¬
doctrin, daß es den Leuten auf der einen Seite des Striches
gleichgiltig zu sein habe, was aus der andern Seite des Striches
sich ereignet. Die Monroedoctrin will etwas ganz Anderes; fie
will nicht, daß europäische Staaten fich in Amerika durch Er¬
werbung von Land und Leuten auch heute noch festsetzen, und
wir würden ernstlich zu erwägen haben, was zu thun sei, wenn
sich die Bereinigten Staaten aus dem europäischen Continent mit
bewaffneter Hand einnisten wollten; aber es handelt fich hier
um etwas durchaus Anderes.