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Nr. 40
Die Welt ist eine Einheit, und wenn eine barbarische
Gesetzgebung Tausende aus ihrer Heimat treibt, die in Amerika
eine Zuflucht suchen, dann sind die Bereinigten Staaten wohl
befugt, auf diese Erscheinung hinzuweisen, die auch dem Lande
nicht gleichgiltig sein kann, das Auswanderer jeglicher Art,
Juden wie Christen, auszunehmen bereit ist, wenn sie durch den
natürlichen Gang der Entwicklung, wenn sie in freier E»l'
schließung den Wunsch hegen, die Vereinigten Staaten oufzu-
suchen; aber eine Zwangsexpatriirung muß natürlich ganz andere
Wirkungen haben.
Das Vorgehen der Vereinigten Staaten ist also politisch
wohl begründet, und wenn man die Politik beiseite schiebt und
nur an die Humanität denkt, so bedarf diese Note gewiß keiner
Rechtfertigung.
Man weiß bisher nur. daß England das Vorgehen der
Bereinigten Staaten zu unterstützen bereit ist. Das ist die Haltung
jenes England, das man zu vergeffen begann. Was werden d,e
anderen Mächte thun?
Erwägungen der Humanität fallen für Deutschland nicht
allein in das Gewicht. Allein Deutschland ist an der Gc-
sundung der rumänischen Zustände in hohem Grade aus fei r
materiellen Gründen interesfirt.
Man kann annehmen, daß über eine Milliarde Franken
rumänischer Staatsschulden in Deutschland unter -
gebracht sind. Nun sind die rumänischen wirthschaftlichen Ver¬
hältnisse schon an und für sich recht bedenkliche, und sie sind es
trotz einer guten Weizenernte, der freilich eine schlechte Mais¬
ernte gegenübersteht, auch in diesem Jahre geblieben. Drr rumä¬
nische Staat ist anit Schulden überlastet, und er muß noch
immer weiter Geld leihen. Schädigt Rumänien durch eine eng¬
herzige, wirthschaftliche Gesetzgebung seine finanzielle Entwicklung
und bleibt dre rumänische Politik eine derartige, daß durch
Interventionen und Reclamationen fremder Staaten das Ver¬
trauen zu dem Reiche an der unteren Donau mehr und mehr
schwindet, — es ist schon arg genug erschüttert — dann erleidet
der rumänische Credit unabwendbar einen schweren Schlag, und
die Rückwirkung wird sich für die deutschen Besitzer rumäurscher
Papiere immer stärker fühlbar machen."
Welche Folgen die rumänische Judenpolitrk für das eigene
Land zeitigt, zeigt sich in einigen Daten, welche der ^Rumänische
Lloyd" vom 24. Scptemver zusammengestellt hat. Da heißt es:
„Wie wir aus zuverläßlicher Quelle erfahren haben, sind seit
Beginn der Auswanderungsbewegung allein aus Bukarest etwa
1O.OOO Israeliten ausgewandert, abgesehen von der bedeutenden Anzahl
Auswanderer aus den übrigen Städten des Landes und hauptsächlich
aus denen der Moldau.
Bleiben wir bei der Zahl 10.000 der aus Bukarest Ausge¬
wanderten und versuchen wir es, den Schaden zu berechnen, welcher der
Stadt und dem Lande nur durch den Verlust dieser Zehntausend er¬
wächst, so werden wir nicht weiter nachzuweisen brauchen, welch' große
ökonomische Bedeutung die Auswanderungen für das Land haben.
Wir wollen annehmen, daß jeder Erwachsene — und die Aus¬
gewanderten sind doch Erwachsene — für seinen vollständigen Unterhalt,
d. h. für seine Kost, für Kleider, Wäsche und Schuhe, täglich einen
Franken benöthige, so sind dies 10.000 Franken per Tag. Die aus
Bukarest Ausgewanderten haben diesen Betrag selbstverständlich in
Bukarest ausgegeben, es verliert demnach die Stadt Bukarest täglich
10.000 Lei, d. i. in einem Monat 300.000, eventuell 310.000 Lei und
in einem Jahr 3,650.000 Lei.
So bedeutend diese Summe ist, so dürfte sie in Wirklichkeit
noch um Vieles übertroffen werden, da wir die niederste Summe an¬
genommen haben, die ein Erwachsener täglich für sich verausgaben
muß. Der Verlust für die Stadt stellt sich aber wesentlich anders,
wenn wir die ganze Geldcirculation in Betracht ziehen, die durch
10.000 Personen bewirkt wird und deren Verlust ein ökonomisch be¬
deutender Schaden für die Stadt ist. Durch die so bedeutende Ver¬
minderung der Bevölkerungszahl von Bukarest sind, wie dies unsere
Hausbesitzer nur zu sehr empfinden. Tausende von Wohnungen leer ge¬
blieben. Es entgeht demnach den Hausbesitzern die Hausmiethe, und
obwohl dieselben, durch den Wohnungsüberfluß gezwungen, mit den
Miethspreisen bedeutend herabgegangen sind, bleiben ihnen die Häuser
doch leer, einfach, weil Niemand da ist, der sie bewohnen könnte. Die
zehntausend Ausgewanderten benöthigen eben keine Wohnungen mehr.
Aber diese Zehntausend haben auch dem Schneider, dem Schuster, dem
Arzt und Apotheker, dem Kaufmann und Viktualienhändler zn ver¬
dienen gegeben, die heute alle einen Verlust ihrer Einnahmen zu
beklagen haben. Von den Ausgewanderten hat der Staat die Steuer
eingehoben, die Stadt ihre Gefälle! Eben Staat und Stadt müssen
heute auf die Einnahmen verzichten.
Wir brauchen unseren Lesern keine schwierige Rechenaufgabe
zur Lösung zu bieten, wenn wir sie bitten, sich berechnen zu wollen,
welchen Verlust allein die Stadt Bukarest durch die Auswanderung
von 10.000 Israeliten erleidet. Die Summe ist groß und wird deren
Abgang von der Stadt bitter empfunden. Wir bitten aber unsere
Leser, diese Rechnung etwas weiter auszudehnen, auf das ganze Land,
und es dürfte da eine ganz horrende Summe sich als Verlust ergeben,
den Rumänien infolge der Judenauswanderungen zu tragen hat. Wenn
wir als Grundlage auch hier nur einen Franken per Kopf annehmen,
so gäbe dies, wenn wir berechnen, daß aus ganz Rumänien bis jetzt
40.000 Israeliten ausgewandert sind, einen monatlichen Verlust von
4,^OO.OOO Lei und einen jährlichen Verlust von 14.600.000 Lei.
Rechnen wir noch dazu den Abgang von directen und indirecten
Steuern und den Verlust, den das Land dadurch erleidet, daß durch
den Abgang von 40.000 Seelen der Umlauf des rollenden Capitals
sich bedeutend vermindert, so müssen wir zu demselben Resultate ge¬
langen, daß die Judenauswanderungen dem Lande einen bedeutenden
materiellen Verlust gebracht haben, der für den Moment schwer oder
gar nicht wieder einzubringen ist."
In' dem „Bukarester Tagblatt" vom 25. September
heißt es :
Zu keiner Zeit waren sich die Juden so sehr ihrer mißlichen
Lage bewußt, als in dem Augenblicke, wo der Staat die unglückliche
Idee hatte, jene verschiedenen Schulgesetze und Reglenients zu schaffen,
welche den Eintritt fremder Kinder in die Staatsschulen durch Herab¬
setzung der zur Aufnahme bestimmten Schülerzahl auf ein äußerstes
Minimum reducirte und durch Einführung von Schultaxen vollends
erschwerte. Nichts hat die Juden so tief inS Herz getroffen, als die
Aussichtslosigkeit, ihre Kinder, für die sie mit Liebe und Selbstauf¬
opferung arbeiteten, der Wohlthaten des Unterrichtes und der Bildung
theilhaftig werden zu sehen. Denn das Ideal, das der Jude stets vor
Angen hat, ist, wenigstens seine Kinder durch die Aneignung einer ge¬
wissen Bildung zu einer besseren socialen Stellung emporsteigen
zu sehen.
Waren nun die vexatorischen Maßregeln, welche unter dem
Vorwände des Raummangels gegen die fremden Schüler ergriffen
wurden — als ob die Kinder von im Lande geborenen Juden als
Fremde zu betrachten sind — waren diese Maßregeln von irgend
ernem Standpunkte gerecht? Lassen wir diesbezüglich den Universitäts-
Professor Nicolae Jorga sprechen, einen Mann, welcher sich
durch seine heftigenAngriffe gegen die Juden
zu wiederholtenmalen sehr bemerkbar ge¬
macht hat:
„Als unsere Schulen nach allen modernen Ansprüchen einge¬
richtet wurden" — sagt Herr Professor Jorga in einem vor einigen
Tagen erschienenen Artikel in d>-r „Epoca" — „hat sich Niemand so
sehr beeilt, seine Kinder in die Schule zu schicken, als der Jude. Die'
ärmsten unter den Juden haben kein Opfer gescheut, um ihren Kindern
eine bessere Zukunft vorzubereiten. Und diese jüdischen Schüler haben
in den meisten Fällen die für sie von ihren Eltern ertragenen Ent¬
behrungen besser zu belohnen gewußt, als ihre christlichen Mitschüler.
Als Schüler und Professor bin ich noch keinem jüdischen Schüler be¬
gegnet, welcher aus bösem Willen, Faulheit oder Verdorbenheit seine
Zert vergeudet hätte, wie so viele der Unserigen, besonders aus den
„guten Classen", es zu thun belieben. Ich kenne viele jüdische Schüler,
welche Grund gehabt hätten, zu verzweifeln, und die Bücher, welche
sie nicht verstanden, wegzuwerfen. Aber sie thaten es nicht: sie waren
im Gegentheil Hartnäckig, sie saßen nächtelang über die tobten Buch¬
staben gebückt, um ihren Sinn zu errathen, und sie haben es schlie߬
lich so weit gebracht, daß sie durch ihre Ausdauer die Prüfungen er¬
oberten. Es gab immer jüdische Prä mianten, viel¬
leicht auch von Zeit zu Zeit Corrigenden, von Repetenten aber ist mir
nichts bekannt. Die am wenigsten Begabten unter meinen jüdischen
Schulcollegen sind heute, nach einem heroischen Kampf gegen sich
selbst, Aerzte, Ingenieure oder haben sich anderen freien Berufsarten
zugewendet . . Es gibt unter diesen solche, welche uns hassen. Es
gibt aber auch andere — und ihre Zahl ist groß — welche in Folge
des Aufenthaltes in den rumänischen Schulen und den damals ge¬
knüpften Freundschaften, sowie deren täglichen Verkehr mit der rumä¬
nischen Gesellschaft, eine aufrichtige Sympathie für das Land und das
rumänische Volk gefaßt haben. Ich scheue mich nicht, zu er¬
klären, daß diesenLeuten, welche wir noch mehr
assimiliren und für uns gewinnen könnten,
ein großes Uurecht zugefügt wir d."
Als noch dazu die Krisis ausbrach und es dem Juden nicht
möglich war, das Nöthige für sich und seine Kinder zu gewinnen, da
regle es sich mächtig in ihm, auszuwandern und Länder aufzusuchen,
wo ihm nicht nur Gelegenheit geboten wird, zu arbeiten und zu exi-
viren, sondern auch seinen Kindern die großen Errungenschaften der
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu Theil werden zu lassen.
Die massenhafte Auswanderung der Juden hat die ameri¬
kanische Intervention provocirt; diesem Schritte soll sich jetzt auch
England angeschloffen haben. Es wird wohl schwer gehen, daß die
rumänische Regierung nicht auf die Jnformationsnote der Mächte ant¬
wortet. Sie wird die Auswanderung mit der großen wirthschaftlichen
Krisis in Rumänien motiviren. Wie aber wird sie die Thatsache er¬
klären, daß zahllose Kinder von im Lande geborenen Juden nicht in
die Staatsschulen ausgenommen werden? Wie die systematische Um¬
gehung des Art. 44 des Berliner Vertrages?
Wahrlich, die Situation gibt viel zu denken, und nicht so sehr
vom politischen als vom menschlichen Standpunkte wäre es zu wünschen,