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Inhalt : Leitartikel: Dokumente zum Judenmord in Schitomir. — Ein Kassabuch der Wiener Judenschaft. — Karoline Gompertz-
Bettelheim. — Strohdachs Nachfolger. — Die große jüdische Stiftung in Dessau. — Korrespondenzen: Zionistische Partei¬
leitung. Zur Frage des Hausiergesetzes. Verein zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender. Verein zur
Versorgung.hilfsbedürftiger israelitischer Waisen. Die Juden im Ackerbau. Eine Protestversammlung gegen die Fremden-Bill.
New-Iork. — Vermischtes: Die XXXII. ordentliche Generalversammlung der Israelitischen Allianz zu Wien. Wiener Schacht¬
verbot. Wien, Baden, Agram, Budapest, Neu-Raußnitz, Lobositz, Straßnitz, Pribram, Prag, Rozsahegy. — Feuilleton: Aus
finstern Zeiten. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate.
Dolmrnrnte zum Iudenmord i« Schitomir.
„Mich wundert es nur, daß der Himmel über Europa
sich nicht aus Scham über den russischen Absolutismus gerötet
hat. Mich wundert es, daß es in Europa noch Juden gibt, die
nicht fluchen, die vor Schmerz bei den Nachrichten über diese
Mordtaten nicht weinen, daß es hier in Europa noch Freunde
und Verbündete des russischen Selbstherrschertums gibt. Das
eine weiß ich: dieser schreckliche Schandfleck, der die Blätter der
russischen Geschichte besudelt, kann durch nichts ausgelöscht
werden und wird in alle Ewigkeit dort nicht verschwinden. . . .
Die Politik der russischen Regierung in der Judenfrage ist der
Gipfel der Niederträchtigkeit, Verräterei und Bestialität."
So schrieb unlängst Professor M. v. Reusner in
einem Artikel in der „Zeit":
Daß die Judenschlächtereien von der Re¬
gierung selber planmäßig organisiert werden, leidet jetzt
gar keinen Zweifel.
Als der Krieg ausgebrochen war, sagte ein sehr gut
unterrichteter russischer Patriot, ein harter Gegner der russischen
Juden zu einem Mitarbeiter des „Kleinen Journal" spöttisch:
„Der Krieg ist kein Unglück für Rußland, wenn es auch dabei
Unglück haben sollte. Aber er ist eine Katastrophe für die
Juden. Man wird so viele man nur kann als Kanonenfutter
verwenden und die anderen für Krieg und Niederlagen ver¬
antwortlich machen. Man wird sie plündern und erschlagen,
wenn die Japaner siegen, um dem patriotischen Schmerze Luft
zu machen, und man wird ihnen die Häuser über dem Kopfe
anzünden, wenn man Freudenfeuer wegen etwaiger Siege be¬
nötigen sollte. Die Kriegssteuern wird sich der Muschik bei
ihnen holen wollen, und der Obrigkeit wird das weit sympathischer
sein, als wenn sie einen rechtgläubigen Russen durch den
Pfändungskommissär von Haus und Hof vertreiben müßte.
Noch schlimmer wird es ihnen aber gehen, wenn der Frieden
wieder geschlossen wird. Das zurückkehrende Heer wird sich an
ihnen für die Unbill, die Entbehrungen im Felde schadlos
halten wollen." — Ja, was wäre denn dann für die russischen
Juden die Rettung? — „Wenn sie nicht mehr leben würden
oder wenigstens nicht in Rußland", war die prompte Antwort.
Und als dann die revolutionäre Bewegung ausbrach, meinte
derselbe Kenner der Höhen und Tiefen seines Vaterlandes:
„Jetzt sind die Juden verloren. Stellen sie sich in die Reihen
der Revolutionäre, so erwürgt sie die Regierung, weil sie Hoch¬
verräter sind, und bleiben sie zu Hause, so ermorden sie die an¬
dern, weil sie die „gute Sache" verraten.
Nach diesem Rezept verfährt die russische Regierung und
versaßt ihre offiziellen „Berichte". Wir haben bereits in der
vorigen Nummer auf die „Erklärung" der Petersburger Re¬
gierung hingewiesen und notieren sie nochmals wörtlich als
ein wichtiges historisches Dokument:
„Daß die Zahl der Opfer bei den Unruhen in
Schitomir verhältnismäßig gering ist, ist den energischen
Maßnahmen zuzuschreiben, die die Regierung zur Unter¬
drückung und zur Verhütung von Unruhen ergriffen hat.
Bereits seit dem 21. April haben die Juden in Schitomir
eine herausfordernde Haltung an den Tag
gelegt; so gebrauchten sie zum Beispiel das Bild
des Kaisers als Ziel für Schießübungen.
Dem Ministerium des Innern, so fährt das Blatt
fort, liegt eine Reihe von Berichten über von Juden
auf der Straße gegen Christen verübte tätliche Beleidi¬
gungen vor. Am 25. April wurde in Schitomir ein
Aufruf des Wolhynischen Komitees der sozialrevolutionären
Partei verbreitet, worin eine Judenhetze angekündigt wurde.
Die Verantwortung hierfür falle der Verwaltung am
Orte zu, wodurch ein Teil der Bevölkerung gegen den
anderen aufgereizt sei. Das oben erwähnte herausfordernde
Betragen der von der revolutionären Propaganda «be¬
einflußten Juden habe nicht nur die Maßnahmen der
Verwaltung gegen die Unruhen beeinträchtigt, sondern
sogar Konflikte geschaffen. Um solche unmöglich zu machen,
habe der Minister des Innern den Gouverneuren vorge¬
schrieben, neben energischen Maßnahmen auch dem gut¬
gesinnten Teil der Judennahezulegen, daß
sie im Interesse der jüdischen Massen
ihre in den politischen Kampf hinein¬
gezogenen Glaubensgenossen vor einer
Feindschaft erzeugenden herausfordernden Haltung gegen
die Christen warnen mögen."
Daß die Schergen des Zaren hier faustdicke Lügen in
Europa verbreiten wollen, war sofort klar. In Rußland trüben