Sette m
Dr . Blochs Wochenschrift .
Nr . 5
werden und dann denke ich sicher an Sie . " — Nun halte
Dawid wenigstens seine Pflicht getan und konnte mit
ruhigem Gewissen ans Mittagessen denken . . .
Wie klein kam er sich jetzt vor , wenn er die Gassen
des Franz Josef - Quais passierte . Auf jedem Schritt traf
er Eeschäftsdiener mit Warenbündeln oder Praktikanten ,
die ihre Wege machten . Schwerbeladene Frachtwagen
rollten durch die Gassen . In den Großhandlungen hatte
bereits die Wintersaison begonnen und im Kontor und
Lager war alles in voller Tätigkeit . In den Musterzim -
mern wurden die neuen Warenproben geschnitten , Kom¬
missionen wurden zusammengestellt und expediert und in
den Verpacksräumen herrschte ein reges Treiben . . . . Alles
ging seinen geordneten Weg und Dawid kam sich vor wie
ausgestoßen aus dieser Welt der Geschäftigkeit .
Doch plötzlich konnte er zu träumen beginnen : Da
lief er nun aussichtslos durch die Straßen und zu Hause
wartete gewiß eine gute Nachricht aus ihn . Nun war er
wieder hoffnungsfreudiger und stellte sich vor , daß er
eine Stelle erhalten hatte . Er konnte selbständig han¬
deln . als wenn er sein eigener Herr wäre . Er kam den
garten Tag nicht zur Ruhe . Da waren so wichtige
Geschäfte abzuschließen : Das Telephon klingelte , der
Diener brachte Briefe und Depeschen , die erledigt wer¬
den mußten . Und immer neue Kunden kamen . —
Eines Tages las Dawid ein Inserat , das ihm ein
wenig Hoffnung gab . Eine Firma suchte einen Adressen¬
schreiber , der der polnischen Sprache mächtig war . Frohen
Mutes machte er sich auf den Weg .
Als Dawid das Haus betrat , sah er , daß die Stiegen
bis zum Eingang ins Bureau , das sich im zweiten Stock
befand , von Bewerbern belagert waren . Die jungen Leute
wurden nur einzeln vorgelassen und jeder hoffte , die
Stelle zu bekommen . Wie traurig wurde Dawid bei
diesem Anblick zu Mute . „ Mehr als fünfzig Menschen
warten hier auf einen kärglichen Verdienst , der kaum für
einen zum Leben ausreicht, " sagte er sich . Es schien ihm
beschämend , gleich wieder umzukehren , so tat er denn ,
als wenn ihn die freie Stelle und alle diese Menschen
überhaupt nichts angingen und ging in den dritten Stock
hinauf . Oben blieb er ein paar Minuten stehen und
eilte dann , ohne sich umzusehen , die Treppen hinunter . . .
Bald ging Dawid das Geld aus und er war auf den
Kredit seiner Freunde angewiesen . Wie unangenehm ihm
das war ! Nun war er soweit , daß er von der Gnade
Anderer leben mußte ! Er gönnte sich nicht das Geringste
und das Essen schmeckte ihm nicht . Er war jetzt auf das
Schlimmste gefaßt .
Doch es kam Hilfe , und zwar von einer Seite , von
der er es nicht erwartet hatte . Der Verein gab ihm Be¬
schäftigung . Die Gehilfenwahlen waren ausgeschrieben
und die sozialistischen Angestellten machten die äußersten
Anstrengungen , um die Krankenkasse zu erobern . Es
wurde eifrigst Propaganda gemacht und dazu gehörte ein
Heer von jungen Leuten , die Adressen schrieben und Druck¬
sorten verteilten .
Dawid war von ganzem Herzen bei der Sache und
tat mehr als seine Pflicht . Er ging von Geschäft zu
Geschäft , um Vertrauensmänner zu gewinnen und schrieb
dann halbe Nächte im Vereinslokal , das jetzt in eine
große Schreibstube umgewandelt wurde . Je näher der
Wahltag kam , desto mehr Arbeit gab es .
Die Nacht vor der Wahl schloß Dawid kein Auge .
Es mußten noch die letzten Dispositionen getroffen , die
Ordnerlisten angefertigt und die Stimmzettel verteilt
werden .
Schon bei Morgengrauen wurde eine kleine Schlacht
geliefert .
Die Christlich - Sozialen hatten einige Wochen vorher
alle Restaurants in der Nähe des Rathauses gemietet und
die sozialistischen Gehilfen hatten am Wahltag kein Agi -
tzltionslokal . Nun hieß es , dem Gegner ein Lokal mit
Gewalt entreißen und das ging leichter , als man es
sich gedacht hatte .
Es war ein heißer Tag und jeder hatte die Händs
vpll zu tun ; aber die Mühe der letzten Wochen war
nicht vergebens gewesen . Wenn auch Dawid mit Schmerz
daran denken mußte , daß die Beschäftigung nun zu Ende
sei , so hatte er doch wenigstens die Genugtuung , daß
es den sozialistischen Handlungsgehilfen gelungen war ,
ihre Kandidaten durchzusetzen .
( Fortsetzung folgt . )
Literat « » .
Die israelitische ungarische Literaturgesellschaft .
( Irraellta magyar irodalmi tärsulat . )
Seitdem in diesen Blättern ein ausführlicheres Referat über die
Tätigkeit dieser vor anderthalb Dezennien gegründeten Gesellschaft
erschienen ist , sind wieder einige Jahre verstrichen , ohne daß die
deutsche jüdische Presse von ihrer Existenz und ihrem Wirken Notiz
genommen hatte . Und gerade in letzterer Zeit hat dieser junge Verein
zufolge des endlich auch bei uns allenthalben erwachenden , jüdischen
Bewußtseins und Gemeingeistes einen recht erfreulichen Aufschwung
genommen . Neben dem Erstehen und Erstarken einiger anderer jüdischen
Kultus - und Humanitäts - Institutionen , wie zum Beipiel Kulturfond ,
Kulturverein , Patronageverein , Ferienkolonie - Verein hat sich in diesem
Zeitraum die Mitgliederzahl der Literaturgesellschast von 1066 auf
2460 erhöht und vor einigen Wochen an dieser selbst noch so jungen
Pflanzung sogar ein kräftiger Seitentrieb angesetzt : Der jüdische
Museumverein , der , vorläufig noch unter der Patronanz des Literatur¬
vereines stehend , berufen ist , sich bald auf eigenen Füßen fo - tzu -
bewegen . Mit der numerischen Erstarkung der Gesellschaft entfaltet
sich unter der Fürsorge des Präsidenten Baron Josef Hatvany -
Deutsch und unter der rührigen und umsichtigen Redaktion des
Sekretärs Dr . Josef B a n o c z i auch die literarische Tätigkeit ihrer
Mitarbeiter , wie dies auch die dieser Tage erschienenen zwei stattlichen
Bände beweisen , welche als Gratisbezüge der Mitglieder für das
Jahr 1910 herausgegeben wurden . Der eine Band ist das Jahrbuch ,
der andere der I . Band einer Anthologie hebräischer Dichtungen in
trefflicher ungarischer Uebersetzung von dem jungen Gelehrten Professor
Dr . Josef Patai . Das Werk füllt , sowie alle parallel mit den
Jahrbüchern erscheinenden , literarischen Ausgaben der Gesellschaft , eine
fühlbare Lücke in unserer nationalen Literatur aus . Vor drei Jahren
wurde das Merkchen : Raschis Leben und Wirken von Dr . Julius
Wellesz , Rabbiner in Nagybicese , herausgegeben . Dem folgte im
Jahre 1907 als letzter Band der vollständigen Bibelübersetzung der
Teil : Hagiographen . Damit wurde die erste von Inden übersetzte
ungarische Bibel fertiggestellt , nachdem seit 70 Jahren zu verschiedenen
Malen vergeblich der Anlauf dazu genommen worden . In den Jahren
1908 und 1909 gab die Literaturgesellschaft bie aus zwei Bänden be¬
steh ende Geschichte der jüdischen Literatur heraus , deren Verfasser
Rabbiner Dr . Armin Kccskemeti ist . Außerdem ließ die Gesellschaft
auch die von ihr preisgekrönte Jugendschrift : Die vier Jünglinge ,
drucken und an die Mitglieder versenden . Verfasser derselben ist Sig -
MessaroS , ein junger Dorflehrer .
Das Jahrbuch für 1910 enthält folgende interessante Arbeiten :
Seminar - Professor Dr . L . Blau : Eine jüdische
Militär - Kolonie an der egyptisch - nub ischen
Grenze vor 2500 Jahren .
Professor Dr . Bernhard Heller : Legenden von den
übermütigen Reichen .
Rabbiner Dr . Bela Bernsteiu ; Teilnahme von Juden
an den Freiheitsbewegungen im Jahre 1848 .
Universitätsprofessor Dr . Heinrich Marscoli : Freimaurer
und Juden .
Professor Dr . Berthold Kohlbach : Thierschutz im
Judentum .
Dr . Julius Weiszburg : Mystizismus im Judentum
Dr . Berthold Fabo : Josef Tyroler .
Rabbiner Dr . Eduard Neumann : Die konfessionelle
Organisation der österreichischen Juden .
Ludwig Lakatos : Ungarische jüdische Musiker .
Rabbiner Dr . Bela Vajda : Die Juden und ihr
Vaterland .
Professor Leopold Poloczy : Die Berliner Juden .
Universitätsprofessor Dr . Alexander Bernat : Spinoza .
Rabbiner Dr . Ludwig Venetianer : Jüdische Spuren in
den rö mi sch - kath o lis ch en Z ere mo nie n .
Zwischen diesen wissenschaftlichen Arbeiten eingestreut bringt
das Jahrbuch schöne Dichtungen von Heinrich Lenkei , Dr . - Alexander
Feiest , Dr . Josef Patai , Dr . Arnold Kiß und Geza Szilagyi .
Da die „ Wochenichrift " noch jedes Jahr den Inhalt dieser Jahr¬
bücher mitgeteilt hat und nur im vorigen Jahre die Inhaltsangabe
des Jahrganges 1909 weggeblieben ist , so teilen wir der Vollständig¬
keit halber nachfolgend auch den Inhalt des vorjährigen Bandes mit :
Rabbiner Dr . Franz Löwy : Gedankenfreiheit im
Talmud .