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um die Nation und ihre Geschicke im Gegensatz zu an¬
dern Nationen , sondern um den Einzelnen , an den sich
die Weisheit wendet . Besonders die große Lehre von
der göttlichen Weltregierung , wie sie bald im Gegensatz
zur Einzelerfahrung , bald in llebereinstimmung mit ihr
zu stehen scheint , verfehlte nicht ihre tiefe Wirkung auf
fromme Geister und drängte diese zur subjektiven Verarbei¬
tung und Lösung der Widersprüche , die sich ihnen aus der
Annahme einer göttlichen Gerechtigkeit und der Beob¬
achtung der Lebensschicksale des Einzelnen ergaben . In
den Psalmen hat die religiöse Lyrik Israels ihre höchste
Vollendung erreicht . Unbeschadet des in denselben vor¬
herrschenden Gefühlsmoments bilden sie doch schon einen
Teil der didaktischen Poesie der Hebräer , insofern
gar manche in erhabener Diktion und ergreifenden Ak¬
zenten gehaltene Lieder subjektive Betrachtungen über
das menschliche Leben und Schaffen unter dem Gesichts¬
punkte der natürlichen und geschichtlichen Gottesoffen¬
barung anstellen . In den sogenannten Lehrpsalmen spie¬
gelt sich dieser eigentümliche Verschmelzungsprozeß lyri¬
scher und didaktischer Elemente . Je mehr indes der
menschliche Geist aus der naiven Anschauung des gläu¬
bigen Naturkindes heraustrat , desto unbefangener und
skeptischer erwog er Weltenlauf und Menschenschicksal :
an die Stelle subjektiver Gefühlsergüsse traten kritische
Bedenken , und die hebräische Dichtkunst kam aus dem
Gebiete plötzlich aufflammender , mit elementarer Ge¬
walt hervorbrechender Gemütserregungen in das ruhige
Fahrwasser der kalten , nüchternen Reflexion : Die reli¬
giöse Lyrik ging in die religiöse Didaktik über . Diese
erscheint zunächst in Form von kurzen Deukjprüchen
welche das Verhalten des Einzelnen in all ' den ver¬
schiedenen Situationen , die das Leben schafft , im Lichte
der Religion erörtern . Wie das Sprichwort der kurze
und knappe Ausdruck der Volksweisheit ist , so bietet diese
Art Kunstpoesie keine weitausgesponnenen Reflexionen
sondern nur das Endergebnis eifrigen Nachdenkens , ferttge
Resultate einer Lebensanschauung , deren Seele die Got¬
tesfurcht ist , aus welcher die wahre Weisheit heroor -
strahlt . Die hebräische Spruchdichtung ist zwar sehr alt ,
da sie ja schon von Salomo zu einem Literaturzweige er¬
hoben wurde , aber den Höhepunkt der religiösen
Didaktik bedeutet sie noch nicht . Diesen bezeichnet
erst jenes großartige Meisterwerk , welches in den Lite¬
raturen der Völker einzig dasieht . Das Buch Hiob
gilt anerkanntermaßen als die hervorragendste Schöpfung
der jüdischen Weisheitslehre . Moritz Carriere nennt es
das herrlichste Kunstwerk des hebräischen Geistes und
steht nicht an , es mit G . Vaur als das größte Ge¬
dicht von spezifisch - religiösem Inhalt aus vorchristlicher
Zeit dem größten der christlichen Welt : Der „ göttlichen
Komödie " von Dante an die Seite zu stellen . Beide
führen den Menschen durch Irrtum , Schuld und Leid
zur Wahrheit und Seligkeit : beide „ ruhen auf dem
Grunde einer unbefangenen religiösen Volksansicht und
beseitigen Zweifel und Verwirrungen durch das tiefere
Erfassen der ursprünglichen Wahrheit , durch persönliche
Aneignung derselben . " Cornill stellt Hiob gleichfalls mit
Dantes Commedia divina und Goethes „ Faust " zu¬
sammen . dessen „ Prolog im Himmel " bekanntlich viel¬
fach an den Anfang unseres Buches erinnert . Andere mo¬
derne Kommentatoren gehen in der Wertschätzung dieser
Dichtung noch weiter , indem sie ihr — wie z . B . Bickell -
den allerersten Platz unter den „ Gedichten der
Menschheit " anweisen , zu welchen selbst „ Parzival " und
die „ göttliche Komödie " nur sehr bedingt gerechnet wer¬
den können . Alle Eregeten sehen in dem Buche Hiob
den Höhepunkt der jüdischen Religion , was auch mit
einer im Talmud ausgesprochenen Ansicht übereinstimmt ,
wonach Moses Verfasser des Werkes ist ( Baba bathra
14b ) . Der erschütternde Eindruck , den einst ein Vortrag
« r . 6
über Hiob auf die Zuhörerschaft machte , wird uns von
den ulten Weisen folgendermaßen geschildert : R . Äkiba
predigte . einst zu Gonsaka in Medien über die Sint¬
fluterzählung und alle blieben ungerührt ; da lenkte er
seinen Vortrag auf die Geschichte Hiobs — und alle
weinten . bitterlich . ( Gen . rab . 33,5 ) . Als nach der Zer¬
störung des zweiten Tempels die Verfolgungen gegen
das jüdische Volk sich häuften , sah dieses in dem Buche
mit Vorliebe den Spiegel seiner eigenen Leiden .
Tn brov rGn ircs . Tn * 6 nra sagt der Talmud ( Bava bathra
15a ) : „ Hiob hat nie existiert , sondern das Buch ist ein
„ Maschal " , eine Parabel , wenn auch in etwas er¬
weiterter Form . Hiob ist kein einzelner Mensch , mei¬
nen unsere Alten , Hiob ist das Menschengeschlecht , dar¬
gestellt als Märtyrer auf dieser Erde . Ein gottbegnade¬
ter Dichtergenius hat vom menschlichen Elend , vom jam¬
mervollen Aufschrei und von rührender Klage , von ver¬
zweifelten Anklagen gegen Gott und dumpfer Resignation
ein so riesengroßes Bild geschaffen , daß es sich
wie Himmel st ürmend ausnimmt . Nach der furchtbaren
Niederwerfung des bärkochbaischen Aufstandes benutzte
R . Mett das Buch zu seinen Trostvorträgen ( Ierus .
Chag . Abschn . 2 ) und entwickelte aus demselben die herr¬
lichsten Lehren . — So erscholl zu allen Zeiten und in allen
Zungen das Lob dieses dramatischen Gedichtes , während
die praktische Wertschätzung stets im umgekehrten
Verhältnis zu seinem Ruhme stand . Die Zahl seiner Leser
dürfte nämlich auch heute , sehr gering gegenüber denen
sein , welche die Geistesprodutte eines Homer oder So¬
phokles , Dante oder Milton , Schiller oder Goethe be¬
wundern . Worin liegt die Ursache dieser auffallenden
Erscheinung ? Offenbar in der uns alle befremdenden
Tatsache , daß das Buch Hiob von der Schule ge¬
radezu vernachlässigt wird . Freilich gehört dieses
Buch unstreitig zu den schwierigsten und deshalb auch
von den wenigsten verstandenen Büchern der . heiligen
Schrift , allein umso mehr wäre es heilige Pflicht des
Religionslehrers , durch eine planmäßige Auswahl der zur
Lektüre geeigneten Stücke und ihre methodische Behand¬
lung die Schule zur Benutzung dieses köstlichen Geisles¬
schatzes zu befähigen . Bereitet doch auch das Studium
der Psalmen und Propheten , die sogar im U r t e x t ge¬
lesen werden , den Schülern oft große Schwierigkeiten ,
deren Ueberwindung pädagogischen Takt und das Einsetzen
seiner Persönlichkeit vom Lehrer verlangt . Dessenunge¬
achtet hat sich hinsichtlich des Umfanges und der Behand¬
lung der aus Psalter und Prophetenreden auszuwählenden
Stücke eine Art von Kanon herausgebildet , wenn auch
im einzelnen die Meinungen der Fachgenossen ausein¬
andergehen mögen . Ueber die religiös - didaktische Erploi -
tierung des Buches Hiob auf der Oberstufe hingegen
scheint eine klare Ansicht überhaupt noch nicht vorhanden
zu sein . Viele halten es wegen mancher darin enthal¬
tener heterödoxer ( irrgläubiger ) Aeußerungen Hiobs für
ungeeignet , den Schülern als Lektüre dargeboten zu wer¬
den . Schon der Talmud hält die Angriffe des frommen
Dulders auf die göttliche Gerechtigkeit , sowie die Leug¬
nung der Vergeltungslehre für Blasphemien . Der Ausruf
Hiobs : „ Die Erde ist nun einmal in die Hand des Frev¬
lers gegeben , darum verdeckt er das Gesicht ihrer Rich¬
ter " ( 9 , 24 ) wird scharf getadelt und dieser selbst zu
einem Sünder gestempelt , der „ die Schüssel Umstürzen "
( tb bv myp - penP avu rcpa ) , h . h . die Weltordnung ftörrr ,
vom Glauben an Gottes Walten nichts übrig lassen wollte
( Bgba Bathra 16 ä ) . R . Garnaliel I . ( stärb 52 p . Ehr . )
wollte . das Buch Hiob als Lektüre für das Volk nicht
zulassen und kassierte eine Übersetzung desselben ( Sab¬
bat 115 a ) . Weil Hiob in keckem Tone Gott meistern
wollte , wurde sein Name im Gebete nicht genannt : wie
man sagt : Gott Abrahams , Isaaks und Iäkobs , so
hätte man auch gesagt : Gott Hiobs ( Pesikta r . 47 , 190 a ) .
Dr . Blochs Wochenschrift .