Nr . 20
Seite 350 Dr . Blochs Wochenschrift .
Bei mir is zu spät , mei Lumpl " ) geht in Fransen obr wann
is cunol übertaucht hob , dann möcht ich sie bitten , guter Herr
Nachbar , daß sie für mein Seelenheil Fürbitt ' leisten sollen . "
Der Besuch seitens meines Vaters , seine Todesgedanken zu
zerstreuen , war nicht gelungen und jener beharrte dabei , daß
seine Zeit bald um sei und ihm der vorgebrachte Wunsch sehr
am Herzen liege . „ Gott wird ihnen ihre Gesundheit wieder
schenken " eutgegnete mein Vater , aber ich will auf ihr ernstes
Verlangen nicht mit losen Worten antworten . - Ja , ich werde
für Sie beten , doch bei uns Juden muß man zu solchem Be -
hufe den Namen des Bedachten und seiner Mutter wissen . Wenn
Sie also Gewicht darauf legen , sagen Sie mir genau wie Sie und
Ihre Mutter heißen . " Die Antwort lautete : Mein Taufname ist
Johann , der meiner in Gott ruhenden Mutter war Christine . "
Diese Drtten notierte mein Vater auf das erste Blatt des Buches
und als Leidenfrost wieder weggegangen war , genoß er mit
überirdischer Wonne die alles Leid stillende Lektüre in dem
zurückerstatteten Folianten .
Der Herbst war wieder ins Land gezogen und hielt seine
blutige Ernte im Kreise der Lungenleidenden . Auch unser
Nachbar war für die Sense reif und an einem regnerischen
Herbstnachmittage ertönte an der Bahre des entschlummerten
Leidenfrost der Totensang : ( Aroumdedsnutt . Durch die Gunst
wohltätiger Freunde und Angehöriger waren wir in der Wohnung
wieder geblieben und während draußen vor dem Tore der
Geistliche seine lateinischen Sterbelieder anstimmte , saß mein
Vater , in Tränen gebadet in der wieder möblierten Stube und
lernte in heißer Andacht Mischnajiß für : „ Johann ben Christine " .
Von Jahr zu Jahr am 15 . November , dem Jahrestage
unseres verstorbenen Nachbars , hat mein Vater sein Gebet
erneuert , wobei er uns Kindern betonte : „ Chaside TJmos boolam
jesch lohem chelek leolom habo . Die frommen guten Christen ,
wie der selige Leidenfrost war , haben ihren vollen Anteil an
dem Jenseits . Wir Kinder waren von diesem Ausspruche nicht
sHr erbaut . Wir bekamen so viel Prügel von den Christenknaben
auf dieser Welt , daß unS die verheißene Begegnung im Himmel
selbst mit den frommsten unter ihnen nicht ganz harmlos und
daher völlig überstüsfig erschien .
ptarato » .
Ernstes und Heiteres aus den Erinnerungen eines
Wiener Philharmonikers von Joseph Sulzer . Wien
und Leipzig 1910 . Verlag von I . Eisenstein & Co . , Wien IX / 3 .
Wenn man mit diesen Erinnerungen von Joseph Sulzer zu
Ende ist , dann hat man das Empfinden , mit einem interessanten , be¬
gabten und herzlichen Menschen , der für die guten und bösen Stunden
der Vergangenheit ein zärtliches Gedenken hat , eine wunderbare
Stnnde verplaudert zu haben . Und das ist wohl das Beste , was man
einem so rein persönlichen Buche nachsagen kann . Es sind keine
„ Memoiren " und diesen freundlichen Erinnerungen , die sich so an¬
spruchslös geben , fehlt Gott sei Dank die Pose des Bedeutungsvollen
gänzlich . Dafür aber lebt in diesem schlichten Geplauder der heimliche
Zauber , der Wien , die Mufikstadt , mit tausend Fäden umgibt und
unS diese Stadt so heimatvertraut und anziehend macht . Der nun
mehr als Sechzigjährige schiebt hier einmal den Vorhang einer
künstlerisch reichbewegten Vergangenheit zurück und längst verklungene
Namen der Lieblinge der öffentlichen Gunst , denen einmal eine ganze
Welt zu Füßen lag , klingen wieder : Die Renard , Adelina Patti ,
Rokitansky , Materna , Wilt , Sarasate , WiniawSki , die Lucca und wie
sie alle heißen , die uns das Gold ihrer Kehle und den Rausch der
Musik gaben . Er spielte Bruckner und sah deffen schüchterne Wunder¬
lichkeiten « Biele , denen die Musikgeschichte Unsterblichkeit sicherte , haben
ihren Dirigentenstab einmal oder mehrmals über ihn geschwungen ,
Verdi , Wagner , Johann Strauß , Brahms . Der Autor , der sich selbst
« pen ehrenvollen Platz in der Musikgeschichte Wiens erobert hat ,
bftibt aber bescheiden im Hintergründe — ein schöner Zug , den man
in „ Erinnerungen " sonst nicht zu treffen pflegt — imb beschäftigt
sich fast nur mit den anderen , die er einmal in unmittelbarer Nähe
bewundem und lieben durfte .
Ei « Zufall will es , daß diese Veröffentlichung mit dem fünfzig ,
jährigen Jubiläum der Philharmoniker zusammenfällt und eigentlich
enthält - ar « h sie in großen Zügen den Entwicklungsgang der Phil¬
harmonischen . - Gleichzeitig aber bringen uns diese Erinnerungen allen
. großen musikalischen Ereigniffen der letzten fünfzig Jahre in Wien
menschlich näher . Die „ klefne Schrift hat daher gleiches Interesse für
^ " ) - Lunge . "
den Musikfreund wie für den Musikkenner und wer etwas recht Liebes
und Herzliches lesen und dabei den Umriß der Entwicklung des musi¬
kalischen Wien in seiner Glanzperiode kennen lernen will , möge sich
diese „ Erinnerungen " ansehen . Thekla Blech - Merwin .
Neue Bücher .
Palästina . Monatsschrift für die wirtschaftliche Erschließung
Palästinas . VII . Jahrgang , 1910 . Ausgabe A . Nr . 4 und 5 . München ,
Westermühlstr . 19/IV . Inhalt : Beiträge zur Geschichte der Besiedelung
Palästinas durch Juden . — Rischon - le - Zion . — Eine Frage betreffs
des Ausdruckes „ Erez Israel " . — Der vierte Geschäftsbericht des
„ Bezalel " . — Die jüdische Einwanderung nach Palästina . — Motor¬
fahrräder und Automobile in Arabien . — Die Schaffung einer natur -
wiffenschaftlichen technischen Bibliothek in Palästina . — Aus dem
Jahresbericht der „ Chewewe Zion " . — Bodenreform in Alt - und
Neu - Jsrael . — Verband jüdischer Frauen für Kulturarbeit . — Ein
neues Kulturinstitut für Palästina . — Anthropologische Untersuchungen
an zentralastatischen Juden . Vergangenheit , Gegenwart und Zukunft
Mesopotamiens . — Aus den Kolonien . — Vermischtes . — Allerlei .
— Literatur .
Zeitschrift für Demographie und Statistik der Inden .
Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden . Berlin 6 2 . An
der Spandauerbrücke 15 . Begründet von Dr . Arthur Nuppin . Redigiert
von Dr . Brunno Blau . VI . Jahrgang , Heft Nr . 5 , Mai ! 9lO . Inhalt :
I . Abhandlungen : Dr . Rudolf Wassermann , München . Die Ent¬
wicklung der jüdischen Bevölkerung in der Provinz Posen und das
Ostmarkenproblem . Dr . oec . publ . Jakob Segall , Berlin . Die Vitali¬
tät der jüdischen Geborenen . — II . Statistisches Archiv : Etat
der Berliner jüdischen Gemeinde . Zur jüdischen Einwanderung nach
Palästina . — Ehrlich : Die Aufgaben der Sozialpolitik im öster¬
reichischen Osten , insbesondere in der Bukowina , mit besonderer Be¬
leuchtung der Juden - und Bauernfrage . — Funk : Die Entstehung
des Talmuds Guggenheim . Die Entwicklung des Krankenkassenwesens
in der israel . Kultusgemeinde zu Offenbach a . M . — Adler : Von
Ghetto zu Ghetto . — Trietsch : Palästina Handbuch 1910 .
Theodor Roosevelt : Staats - und Lebenskunst .
Aus seinen Reden und Botschaften ausgewählt von Dr . Max
Kullnick , Preis 3 Mk . , geb . 4 Mk . Zweite Auflage . 1910 .
Verlag von Karl Curtius , Berlin .
S . A . Horodetzky : Rabbi Nachman von
B razlaw . Beitrag zur Geschichte der jüdischen Mystik .
Berlin 1910 . Verlag von M . Poppelauer .
Israel Nobel , Rabbiner in Filehne ( Posen ) ,
Gedenkblätter für Oberrabbiner Salomon
K u t n a . Im Aufträge von Freunden und Schülern des Ver¬
ewigten . Mit dem Bildnis des Verewigten . Selbstverlag des
Herausgebers , Fi lehne , 1910 .
B . Lewin , Tachkemoni . Literarisch - wissenschaftliches
Jahrbuch des Vereines jüdischer gesetzestreuer Studenten .
„ Teschkemoni " in Bern . Bern , 1910 .
Briefkasten
Fr . F . B . Wir haben die Angelegenheit der kompetenten
Stelle zur weiteren Verfügung übergeben .
Jsak S . in Podwoloczyska . Der II . Juni 1650 war Diens¬
tag der 1 . Tamus 5610 .
Rabb Dr . R . G . in K . Wir bitten um Geduld .
H . Eibschütz , Sereth . Die von Ihnen erwähnten und näher
bezeichneten Speuoenausweise werden den Zwecken der Chewra -
Kadischa zugewendet . Der Mädchen - Unterstiitzungsverein , über dessen
Feierlichkeit die „ Österreichische Wochenschrift ^ in letzter Nummer be¬
richtet hat , ist selbstverständlich ein jüdischer Verein .
„ Unbestimmt " . Dr . Z a m e n h o f ist ein jüdischer Arzt ,
lebt derzeit in Warschau . Otto L i l i e n t h a l ist als Christ geboren .
M . Frühling , Schriftsteller in Wien . Wir ersuchen um An¬
gabe Ihrer Adresse .
Zur gefälligen Beachtung !
Wir e rsuchen diejenigen unserer Abonnenten , welche
noch mit der Abonnementsgebühr im Rückstände sind ,
die zur Einhehnng derselben von uns versendeten Post¬
aufträge gefälligst honorieren zn wollen .
Die Administration .