Nr. l5
Dr. Gloch's Wochenschrift
Seite 287
Lorsr gsh. Vsisslitr krlsäa, krivate, geb. 23. Oktober 1887 in
Wien, XUL., Maxingstraße 2.
Tachau Alfred, Reisender, geb. 2. Dezember 1676 in Wien,
XVUL, Gersthoferstr.ße 47.
Wahle Therese, Hiifsarbeiterin, geb. 18. Oktober 1885 in Wien,
XV111., Herbecksiraße 55.
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Diese Woche wurden mehrere Auditoren beeidet. Als erster
kommt Dr. L. Es wurden die Vorbereitungen zum Schwure beim
Kruzifix getroffen. Da bemerkte Dr. L.: »Melde gehorsamst, bin
Jude.« Er leistet den Eid nach den jüdischen Vorschriften.
Als zweiter kommt Dr. 0. N. Der Oberst-Auditor hält es
nach seinem Äußeren für selbstverständlich, daß er Jude ist und
will ihn demgemäß nach jüdischen Vorschriften schwören lassen.
0. N.: »Melde gehorsamst, bin Katholik.«
Brünn. Einem seitens der hiesigen FliichtlingSkieise vielfach
gcänßeiten Wunsche entsprechend, sind dank den vielen Bemühungen
und L strebungen einiger hiesiger Frauen in den ersten beiden Pestch-
nachten Severubende veranstallet worden. I» einem schönen, ziemlich
großen Saale der jüdischen Volksküche fanden die Sederaber.de nnt>r
Beteiligung von 120 Personen statt. Infolge Nanmmangels mußte
man den Seder auf 2 mal einteilen. Alleinstehende, hier ohne Familie
wohnende Personen nahmen am Seder teil. Ein Herr aus her Buko¬
wina zitierte laut die Hagada. Seine Stimme war klar und deutlich,
sie klang aber so traurig und wehmütig wie die Stimme eines Ki ai kcn.
Der Leder war von den Flüchtlingen in glanzender Weise geseieit
worden. Trotz dem Glanze des Festes und trotz dem feierlichen
Charakter des Seders mangelte es nicht an rührenden Szenen. Hie
und da bemeikce man, w.e intelligente jungschöne Mädchen die Tränen
trockneten, schilnchzlen und weinten. Welcher Gedm ke hat diese Mädchen
so betiüvi? D e Erinnerung an der Heimat, an der Einsamkeit und
an den Angehörigen, die zu Hause verblieben sind und von den>n
jede Nachricht fehlt, hat auch m diesem so feierlichen Moment sie
traurig urrd betrübt gemocht. Auch ein junger Mann sagte mir, daß
ihm die Elinnernng an dem im vorigen Jahre in seinem Familien¬
kreise mit vollem Glanz und Feier veranstalretrn Seder solche W>h-
mut erregt, daß sich ihm die Tränen aus den Augen ergoßen. Der
Seder war ein uueiitbehrliches Bedürfnis, eine so humane und wohl¬
tätige Sache, ohne welche Hunderte von jungen Leuten gezwungen
wären, entweder fasten oder« im äußersten Falle Brot essen zu müssen.
Bei dieser Gelegenheit möge der aufrichtige und innigste Dank an
die sehr geehrte Frau Schnabel und Frau Dr. Rotier für ihre
unermüdliche wirkungSrolle Arbeit an das Zustandekommen
dieser Sederabende zum Ausdrucke gebracht werden. Diese edlen
Frauen stellten sich von allem Anfänge im Dienste dieser guten Sache
und haben nach Uebeiwindung aller Schwierigkeiten zur Vollendung
dieses wohltätigen Werkes beigetragen. I. Fis ch.
Straßnitz (Mähren). So wie in anderen mährischen
Orten Haben sich auch hier jüdische Flüchtlinge aus Ga¬
lizien ansässig gemacht — 13 Familien, bestehend ans
77 Köpfen — und gelang es der hiesigen Judengemeinde,
trotz aller. Hindernisse, für diese Flüchtlinge die staat¬
liche Unterstützung von 70 Heller pro Kopf durchzusetzen.
Um diese Aermsten der Armen vor Not zu schützen, hat
auch private Wohltätigkeit eingegrisfen, so haben in hoch¬
herziger Weise die Herren Theodor und Stefan von
Auspitz in Wien, als Inhaber der Firma Rohatetz-
Bisenser Zuckerfabriken Rudolf Auspitz & Co., diesen
Flüchtlingen für die Dauer chres Ausenthaltes in
Straßnitz eine monatliche Unterstützung von 200 Kronen
gewährt und pro März auch bereits zur Auszahlung
gelangen lassen, wofür chnen besonderer Dank gebührt.
Feuilleton.
Rerfreinbriicke ans Aegypten. *)
Von Dr. Josef M-'eses, Przenwsl.
I.
Ein heißer, schöner Sommertag im Monat Juli
sendete seine sengenden Strahlen aus das müde, sonn¬
verbrannte Erdreich unseres lieben Küstenlandes, als der
„Baron Beck" seine Anker lichtete und den spiegelglatten,
märchenhaft verträumten, ruhigen Hafen von Triest per¬
ließ. Alles schlief. Selbst die Luft und der Wind und die
*) Redciktionsverhältnisse halber verspätet abgedntckt.
schwingenbegabten Segler der überirdischen Lufrftröme.
Der schläfrige Mittag überzog alles mit dem glühen¬
den Ooem oer Müotgteir uno der Ermattung. Matt
sanken tvir, die festländischen, aus dem Noroen her¬
geeilten Meer sichrer in die zahlreichen, überall zum gast-
tichen Entpsange bereitgestetlten Stichle und so mancher
mctte ein. Allem ein Wesen träumte nicht, sondern er¬
wachs gerade in diesem Augenblicke allgemeiner Er-
fchlasfuilg alles menschlichen Wesens zu starker Tat, zu
neuem Leben. Es war eben der Herr „Baron". Gleich-
fani auf ausgebreiieten, weithin ins blaue Naß aus-
geftreckren Mächtigen Armen trug er uns alle in ein
fernes Land. Das einstige, längst begrabene Reich der
Pharaonen hat es uns angetan. Die riesenhaften Gräber
seiner Könige und Mächtigen, die buntbemalten Reste
alter Dempel zogen uns mächtig an. Wandte sich ja
unser innerer Buck seit der frühesten Jugend nach jenen
Trümmern gewesener Größe und Kunst. Die Jahrtau¬
sende langen Phasen der griechisch-römischen, sowie der
araopchen Herrschaft und scultur sind einer dünnen
Scheidewand gleich mit dem Zauberfinger unserer durch
die Sehnsucht beflügelten PhantaJe weggezogen und ent¬
fernt worden. Nun sind wir endlich ausgezogen, tim
unseren blassen Vorstellungen und Ahnungen Leib und
Leben zu verleihen, sie zu beleben, mir Glanz und Farbe
ansznftatten. Was wir- geträumt, wonach wir uns ge¬
sehnt haben, nun sollten tvir es erleben. Diesem hehren
Ziel strebten wir unverwandten Blickes zu. In unserer
weihevollen Stimmung wurden wir gleichsam gestört
durch die abwechselnden, unermeßlich reizvollen Bilder
der dalmatinischen Inseln und Küstenlandschaften. Das
sinnliche Auge wurde gar allzuoft unlösbar gefesselt durch
das tiefe, lachende Blau murmelnder Gewässer da unten
und durch die helleuchtenden, unzählbaren, sternenhellen
Lichtquellen da droben. .Alles um uns freute sich und
lachte uns entgegen. Das Himmelsgewölbe verhüllte mit
keinem Wölkchen sein heiteres Antlitz, das Meer grollte
uns nicht und verzog nicht seine Stirne in Falten. Lang-
sant und allmählich rafften wir uns auf, angehaucht
vom frischen Lrbenshauch des grenzenlosen Wassergejildes,
aus der schwer auf unserem Gemüt lastenden Schwüle.
Helle Freude, ein Gefühl der Erleich.ernng, ich möchte sagen
der Ernüchterung bemächtigte sich unser, als tvir nach
fünftägiger, vergnügter Seefahrt auf den sagenumwobe¬
neil Boden dieses alten Landes unseren Fuß setzten.
Wir erinnern uns, wie vor Jahrtausenden das idealste
Gemüt unter den schönheitstrunkenen Griechen ebenfalls
in dieses alte Land auszog, um seine Seele zu bereichern.
Allerdings hat Plato eher sein Wissen, seine Weisheit,
bereichern, seine Wissensbegierde dort am Born der noch
nicht abgestorbenen ägyptischen Priestertradition befrie¬
digen wollen. Wie ganz anders wir. Was dort zu holen
war an Kenntnissen und an Weisheit, wir glauben es
heute schon zu besitzen, eigentlich durch die Vermittlung
derer, die vor uns gelebt, gedacht und gelehrt haben,
längst besessen und gar überflügelt zu haben. Um es gleich
aufrichtig offen heraus zu sagen, wir bekennen: die
Kraft, die uns hintrieb in jenes Land der einstigen Macht
und Wissenschaft, nicht die Wißbegierde im eigentlichen
Sinne ist sie, Neugierde und Schaulust ist ihr wahrer
Name. Erfahren möchten wir es, was einst gewesen,
womöglich auch wie es gewesen. In den großen Haufen
am Rande der großen nordasrikanischen Sandwüste
erwarten wir nicht das kleinste Körnchen Wahrheit zu
entdecken. Wir suchen es auch dort nicht mehr.
Der Glaube, welcher vor Jahrtausenden die Besucher
des fruchtbaren Niltales beseelte und zu diesen Fahrten
anspornte, ist hin, wir besitzen ihn nicht mehr. Was
an ägyptischer, priesterlicher Geheimweisheit in den durch
unermüdlichen Fleiß und Scharfsinn auf Stein und Pa¬
pyrus endgiltig entzifferten Texten sich bis auf unsere