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4 hrgang
Wien, Donnerstag, 8. Jänner 1931 (19. Tebeth 5691)
Nummer 158
gromhetze in Wien
£ei&&ocfhen wüste antisemitische Ji&itation •— „Wie zm Zeit
destionistenfoongwesses . . “ — Jüdische Passanten weiden
insAiewt — die Mußenftreuztev ftedwotk^n die £eojpoldstadt
: £e&en wie noch in einem PtecfktstaatZ
SeWochen erleben wir in Oesterreich denselben
Remark-Rummel, den Deutschland in den Tagen vor
dem bjhmten Verbot mitgemacht hat. Die Oeffent-
lichkeitlie Presse beschäftigt sich mit nichts anderem;
das gadj Leben Oesterreichs und insbesondere Wiens
ist von fr Frage der Aufführung oder Nichtaufführung
eines Fi|s beeinflußt. Die Bevölkerung ist in zwei un¬
gleiche, jnander heftig bekämpfende Teile gespalten:
der gröjre steht auf den Standpunkt, daß. man ein
pazifistitjtes Filmwerk rieht verbieten dürfe, um so
weniger,|ls in Oesterrefh jede gesetzliche Handhabe
dazu fern der kleinere Versucht, die Aufführung dieses
angeblich üe Ehre der Rutschen Nation schmähenden
Films mit llen ungesftzlichen Mitteln zu hinter¬
treiben. : ie Frage, >p der Film «im Westen nichts
Neues» ai jeführt weden soll oder nicht, interessiert
uns vom j idisch-natj/nalen Standpunkt aus ziemlich
wenig. Ge iß erschdu uns, die wir friedliebende Men¬
schen sinef die He/e gegen ein Kunstwerk, das nie¬
mandem schadet, jemandes Ehre verletzt und nur
durch sehe schoJngslose Realistik den Krieg als
solchen virdammtiernunftwidrig. Was aber nicht nur
einem Juin, sintern überhaupt jedem objektiven
Menschen schon psolut unbegreiflich erscheinen muß,
sind diij sanderiyen Wege der nationalsozialistischen
Logik, die darijfglpfelt, daß man für die ganze Re-
marquiaüe die /den verantwortlich macht. Alle Wege
führen nach Rfi; und jede nationalsozialistische Ak¬
tion führt zurjrogrompropaganda. Rassenantisemiten
vom Zeichen Atolf Hitlers ist eben jeder Anlaß er¬
wünscht, um»» Juden dreinzuhauen — zuerst im ge¬
schriebenen fld gesprochenen Wort und dann in Wirk-
Die wiplichen Szenen, die sich Samstag abends
anläßlich fr ersten Aufführung des Remarque-Films
in der Umnoung des «Apollo» abspielten, hatten einen
unzweideJg aniisemiUschen Charakter. Jüdisch aus¬
sehende rasanten wurden insultiert, wörtlich und tät¬
lich besepupft; in einem Tempel wurden Fenster¬
scheiben Ungeschlagen; der brausende Ruf «Juda ver¬
recke!» pn notwendiges Pendant zu «Deutschland
erwach«») erschallte auf dem «Kriegsschauplätze».
Die einte Wochen andauernde Hetze der Hakenkreuz-
lerblätf («Dötz» und «Kampfruf») ist auf fruchtbaren
Bodengefallen. Remarque lebt in Deutschland und
LaeniJe in Amerika. Das macht nichts. Die sind zwar
fern, iber die Juden in Wien sind zum Greifen nah.
Denr/gibt es etwas einfacheres — für die national-
sozidlstische Ideologie wenigstens — als die Wiener
Jüdin dafür verantwortlich zu machen, daß ein de ut-
8 elf er Schriftsteller die Greuel des Krieges in elftem
beJhmt gewordenen Buche beschrieben und ein
arierikanischer Filmindustrieller — seiner Her-
kimt nach zufällig deutscher Jude — dieses Buch ver¬
fielt und dadurch der pazifistischen Bewegung ein
lertvolles Agitationsmittcl geschenkt hat? Auf die be-
fihmte Frage «Wer ist schuld?» ertönt heute johlend
und drohend aus dem nationalsozialistischen Lager die
populärste aller Antworten: «Dar Jud!» Was andere
«verbrochen» haben, wird eben «dar Jud» büssen
müssen.
Die Wiener Hakenkreuzler haben seinerzeit in ihren
Lorbeerkranz ein ihnen zu besonderem Ruhme gerei¬
chendes Blatt eingeflochten. Vor einigen Jahren fand
in Wien der Zionistenkongreß statt, und damals hat
das «deutsche Wien» auch protestiert. Allerdings muß
man in diesem Falle das «deutsche Wien» mit einigen
Hundert bewindjackten Hakenkreuzbuben identifizieren,
die auf der Ringstraße und vor dem Konzerthaus auf
f r jedj^h,^ iütüsche Passanten' ejperi kleinen '.Pogrom^
verüben versuchten. Di 2 damals verübten Heldentaten
spornen die Hakenkreuzler noch heute zu neuen, ähn¬
lichen Aktionen an. Auf diese «hehre» Vergangenheit
und jene «großen Tage» blicken sie heute noch mit
Stolz zurück und wünschen sehnlichst, sich anläßlich
der Aufführung des Remarque-Films ähnlichen Ruhm
erwerben zu können. «Wie zur Zeit des Zionistenkon¬
gresses soll das deutsche Wien sich gegen Judas Ty¬
rannei auflehnen!» So ungefähr lautet die Parole, in
deren Sinn der blutrünstige «Kampfruf» — bei wohl¬
wollender Neutralität des Pressestaatsanwalts — seit
Wochen die Ritter des Hakenkreuzes zu glorreichen
Taten auffordert. Wer sät, der erntet auch. Der Erfolg
ließ nicht lange auf sich warten. Die samstägigen De¬
monstrationen haben nur zu fünfzig Prozent einen
antiremarqueschen Charakter getragen. Die anderen
fünfzig Prozent waren antisemitisch.
Es soll aber noch besser werden. Die Krawalle Im
sechsten Bezirk waren nur ein Auftakt zur gro߬
zügigen Offensive, die die Herren Nationalsozialisten
für Mittwoch, den 7. und die kommenden Tage im
zweiten Bezirke planen. Die Serienaufführung des um¬
strittenen Films soll nämlich in einem Kino slattfinden,
das in einem jüdischen Bezirke liegt. Die Hitlerianer
haben Glück. Eine prächtige Gelegenheit, zwei Fliegen
mit einer Klappe zu erschlagen oder wenigstens er¬
schlagen zu wollen, bietet sich ihnen. Es verspricht
doch bedeutend mehr Erfolg, zu antijüdischen Kra¬
wallen aufzuhetzen, und nur nebenbei gegen ein der
Oeffentlichkeit noch unbekanntes Filmwerk zu demon¬
strieren, als nur gegen die Sozialdemokraten und
Herrn Remarque zu kämpfen. Die Hakenkreuzler wol¬
len in der Leopoldstadt «Spazierengehen». Sie wollen
den Juden «die Leopoldstadt verleiden». Sie wollen,
und das darf an dieser Stelle klipp und klar gesagt
werden, einen PogrominWlen.
So bekommt schließlich und endlich dieser ganze
kulturwidrige und ekelerregende Rummel einen ge¬
fährlichen antisemitischen Charakter. Noch mehr Oel
ins Feuer wurde dadurch gegossen, daß die Sozial¬
demokraten, wahrscheinlich aus Prestigegründen,
sich nicht dazu entschließen konnten, die Aufführung
des von ihrer Kinobetriebsgesellschaft gemieteten
Filmes in einen Arbeiterbezirk zu verlegen. Ein
politischer Kampf wird also hier auf Kosten der Juden
ausgetragen. Zwei streitende Parteien liegen sich in
den Haaren und die Juden sollen den Sündenbock ab¬
geben. Das kennen wir. Dies Bild ist uns bekannt.
Golus-Schicksal heißt es.
Ob es zu einem Verbote des Filmes kommen wird
oder nicht, wissen wir zurzeit, da wir diese Zeilen in
Druck legen, noch nicht. Für Oesterreich ist diese
ganze Angelegenheit auf jeden Fa?: beschämend; für
uns Juden die Wiener Remarquiade symptomatisch.
Ein Verbot würde eine Verbeugung vor einer Gruppe
krawallierender Terroristen bedeuten und diese Ver¬
beugung wäre kaum mit den Prinzipien eines moder¬
nen Rechtstaates in Einklang zu bringen; kein Ver¬
bot würde leider höchstwahrscheinlich zu antisemiti¬
schen Tumulten in der Leopoldstadt führen. Sind im
Falle der Aufführung des Films die Regierung und
die Sicherheitsbehörden auch fest entschlossen, Hab
und Gut der jüdischen Bevölkerung vor einem ver¬
hetzten Pöbel zu schützen? Sind sie bereit, alles
Nötige zu veranlassen, um jeden Schaden, jeden
Ueberfall auf Juden von vornherein unmöglich zu
machen? Wer die Verhältnisse kennt, wer bemerkt hat,
wie klein die Zahl der randalierenden Hakenkreuzler
am Samstag war, weiß, daß dies keinesfalls schwierig
wäre. Allerdings müßte man sich entschließen, etwas
energischer gegen wildgewordene Hitlerianer vorzu¬
gehen. An Mitteln fehlt es bestimmt nicht.
Sollte der Film verboten werden, würde dies ein
Beweis dafür sein, daß das Recht dem Terror weicht.
Sollte es nicht zu einem Verbote kommen, wird es
Sich zeigen, ob wir noch in einem Rechtstaat leben
oder von der Gnade und Ungnade der Hakenkreuzler
abhängig sind.
Jabotinsky komm! nach Wien
Wie wir erfahren, wird Wladimir Jabo¬
tinsky am 15. d. M. im Großen Konzerthaussaa!
sprechen.
Wird der Kongreß verschoben
werden?
London, 4. Jänner. (J. T. A.) Die ursprüng¬
lich für Montag, den 12. Jänner, ein berufene
Aktionskomiteesitzuug wurde auf Mittwoch, den
14. Jänner verschoben. Das Aktionskomitee wird
sich in geschlossener Sitzung außer mit der
kritischen Finanzlage der Zionistischen Organi¬
sation auch mit der Frage einer Verschiebung
des Kongreßtermines zu befassen haben.
Die in Palästina ansässigen Mitglieder des
Zionistischen Aktionskomitees haben am Frei¬
tag, den 2. Jänner, in Jerusalem eine Vorbe¬
sprechung abgehalten, in der die Frage einer
eventuellen Verschiebung des Kongreß tevinines
erörtert wurde. Dieses Problem fand verschie¬
dene Beurteilung. Während die Vertreter der
Arbeiterparteien sich gegen die Abhaltung des
Kongresses im Februar aussprachen, traten die
Allgemeinen Zionisten, allerdings nicht mit be¬
sonderem Nachdruck, für die Einhaltung des
festgesetzten Termins ein. Die Meinung inner¬
halb der Reihen des Misrachi war geteilt. Der
linke Flügel schlug eine Verschiebung der
Aktionskomiteesitzung bis zum Abschluß der
Verhandlungen zwischen Regierung und Jewish
Agency und des Kongreßtermines bis nach
Pessach vor, damit die Kampagne für den Palä¬
stinafonds nicht unterbrochen werde.
Auch die Gruppe der amerikanischen Nicht¬
zionisten um Felix M. Warburg ist der Ansicht,
eine Tagung des Councils der Jewish Agency
im Februar würde die Sammlungen für Palä¬
stina ungünstig beeinflussen. Gegen die Abhal¬
tung des Kongresses im Februar haben sich
ferner die Mitglieder der Exekutive der Zioni¬
stischen Organisation Amerikas Henrietta Szold
und Louis Lipsky ausgesprochen, während di*
zionistische Organisation Amerikas als solche
bisher zu der Frage noch nicht Stellung genom¬
men hat.