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5« Jahrgang
Wien, Donnerstag, 6. Jänner 1932 <28. Tebeth 5692)
Nummer 269
Lord Readings
Patäsiinabesuch
Politik
oder Demagogie?
Zur Warschauer Tagung der Revisionisten
Vorige Woche tagte in Warschau unter dem
üblichen Aufmarsch uniformierter Jungmänner die
Konferenz der polnischen Revisionisten. Ihre Bera¬
tungen und Beschlüsse, wenn sie auch keine einheit¬
liche Linie aufzuweisen haben, sollen und dürfen der
Aufmerksamkeit der zionistischen Oeffentlichkeit
nicht entgehen. Die Revisionisten haben uns im Laufe
der Jahre an so manche Extratouren , und Meinungs¬
änderungen gewöhnt, die Erklärungen jedoch ihrer
Führer Jabotinsky und Großmann bei der letzten Ta¬
gung in Warschau über die neue politische «Ein¬
stellung» des Revisionismus grenzen geradezu an
Sensation. Die Revisionisten, die durch den Beschluß
von Calais in eine organisatorische Sackgasse ge¬
raten sind, versuchen nun ein politisches Atout aus-
zuftpielen, das England gegenüber eine Schwenkung
Ober neunzig Grad bedeutet. Selbstverständlich darf
.man diese Schwenkung nicht allzu tragisch nehmen,
da dort, wo freie Bahn für politische Unverantwort-
Irchkeiten jahraus' jahrein gepredigt wird, jederzeit
dje Möglichkeit besteht, diese Bahn willkürlich zu
•Erlassen.
: .erinnert sich nicht an die berühmte Rede
Jabo.tinskys in Jerusalem? Wer erinnert sich nicht
an die plötzlich erwachte Liebe zu England, die so
weit führte, daß die revisionistischen Führer sich vor
einigen Jahren mit England durch die Schaffung eines
siebenten Dominions für die Ewigkeit verbinden
wollten?! Jahrelang wurde in die Gehirne der An¬
hänger das Motto eingehämmert, die Engländer
seien ein «feines Volk», die «herzensgerne» ohne jede
Schwierigkeit bereit wären, das großzionistische
. Programm durchzuführen — ja selbst zur Gänze zu
realisieren, aber — diese «bösen Machthaber» der
zionistischen Exekutive mit Chaim Weizmann an der
Spitze sind unfähige «Advokaten», die England die
Forderungen des jüdischen Volkes beizubringen und
deren Verwirklichung herbeizuführen nicht in der
Lage sind.
In frischer Erinnerung ist noch die heftige ora-
torische Attacke Jabotinskys und Genossen gegen
Weizmanns Standpunkt, daß wir vor allem unsere
wirtschaftlichen Positionen in Erez Israel aufbauen
müssen. Und nun erklären dieselben Führer urbl et
orbi, die Engländer seien kein «feines Volk». Sie ha¬
ben, im Gegenteil, während der ganzen bisherigen
Mandätsdauer alle unsere Bestrebungen zunichte ge¬
macht und das Vertrauen des jüdischen Volkes ein-
•gebtißt.
.... Jabotinsky und Großmann, die noch vor dem
Kongreß erklärten, daß nur die Politik der Exekutive,
die es nicht verstanden habe, unsere Sache vor Eng¬
land richtig zu vertreten, an dem Zusammenbruch
schuld sei, scheuen sich nicht, jetzt auch ihre eigene
politische Ohnmacht einzugestehen. Statt jedoch zu¬
zugeben, daß die Exekutive unter den schwierigsten
politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen unsere
Positionen verteidigte, begehen die revisionistischen
(Führer die UnVerantwortlichkeit, mit der bisherigen
poltischen Organisation zu brechen und gegen
EnglandSturm zu laufen. Sie müssen es
wohl wissen, daß hinter dieser Scharfmacherei nichts
mehr als pure Demagogie und großsprecherische
Gesten stecken und daß ein wüstes Geschimpfe vor
einer politisch unreifen Jugend unser politisches Pro¬
gramm nicht nur nicht um ein Jota vorwärts bringt,
sondern im Gegenteil, vor der großen Oeffentlichkeit
geradezu lächerlich macht. Wir sind jedoch seit dem
letzten Kongreß, auf dem Jabotinsky in theatralischer
Pose auf den Sessel sprang und seine Legitimation
zerriß, an effektvolle Auftritte der revisionistischen
Führer gewöhnt. Man nahm jedoch allgemein an, daß
sie nach der Wahl einer Exekutive, die auch mit den
Stimmen der Revisionisten gewählt wurde, doch zu-
mindesteineabwartende Haltung einnehmen würden.
Doch weit gefehlt! Dieselben großsprecherischen
Verfechter des «Herzischen Zionismus» gingen in
Am 26. Dezember besuchten Lord und Lady Rea-
ding die jüdische Kolonie Dagania. Die Kolonisten von
Dagania bereiteten den Gästen einen ehrenden Emp¬
fang, dem fast alle jüdischen Siedler im Jordan-Tale
beiwohnten. Lord Reading hielt an die Siedler eine
Ansprache, in der er erklärte: Das jüdische National¬
heim, das sich bisher so gut entwickelt hat, wird auch
in Zukunft immer kräftig gedeihen. Die jüdischen Ko¬
lonisten und auch ihre Kinder werden sich der Sicher¬
heit erfreuen, die sie vollauf verdienen.
Das Mitglied der Exekutive der Jewish Agency,
Dr. Chaim Arlosoroff, der sich ebenfalls in Dagania
einfand, hieß Lord und Lady Reading im Namen der
Jewish Agency willkommen. Joseph Baratz, der im
Namen der palästinensischen Arbeiterorganisation
(Histadruth haowdim) sprach, beklagte es, daß heute
noch keine Sicherheit dafür bestehe, daß däs jüdische
: Werk in Palästina fortgefübrt werden könne, ohne die
Furcht, daß .es untermirilerf und Äqgriffert ausgesetzt
werde. Mit diesen Ausführungen, spielte Bdlatl äilf öte
auf der jüngst in Jerusalem stattgefunden Moslem-
Konferenz gegen die Juden geführte Hetze an.
Von Dagania begaben sich Lord und Lady Rea¬
ding nach dem Balfour-Wald, wo jeder von Ihnen eine
Kiefer pflanzte. Diesem feierlichen Akte wohnten Pin-
chas Ruthenberg und vom Hauptbureau des Keren
Kajemeth in Jerusalem, Epstein und Weitz bei.
Lord und Lady Reading begaben sich hierauf
nach Haifa, wo am 27. Dezember im Imperial Chemical
Building anläßlich des ersten Jahrzeittages für Lord
Melchett ein Gedenkgottesdienst abgehalten wurde.
Lord Reading hielt die Gedenkrede auf Lord Melchett
und sagte, Lord Melchett war es, der ihn, Reading,
inspiriert habe, für Palästina zu arbeiten. «Ohne diese
Inspiration», schloß Reading, «hätte Ich nicht den zehn¬
ten Teil dessen für Palästina getan, das ich jetzt tue.»
Ansprache Lord Readings an Führer
des (ischuw in Palästina
Im Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds zu
Jerusalem fand am 30. Dezember nachmittags ein
Empfang für Lord Reading statt, dem die Mitglieder
der Exekutive der Jewish Agency, die Mitglieder des
Waad Leuml, die Direktoren des Keren Hajessod und
des Keren Kajemeth und andere Führer des Jischuw
beiwohnten. Dr. Arlosoroff im Namen der Exekutive
der Jewish Agency, M. M. Usslschkin im Namen des
Keren Kajemeth und Ben Zwi im Namen des Waad
Leumi hielten Ansprachen an Lord Reading, in denen
sie darüber Klage führten, daß der Aufbau des jüdi¬
schen Nationalheims infolge der Non-cooperation sei¬
tens der britischen Administration behindert sei.
Lord Reading erwiderte auf die Begrüßungen mit
einer Ansprache, in der er ungefähr ausführte: Ich
kenne genau die Schwierigkeiten, unter denen Sie zu
arbeiten haben, ich will diese Schwierigkeiten nicht
verkleinern, wenn sie auch in einem gewissen Maße
Calais daran, die grandioseste Schöpfung Herzls, die
Organisation, zu zertrümmern, und den Schekel, der
für Herzl Symbol und Legitimation eines auf dem
Wege zur Staatlichkeit befindlichen Volkes war, als
ein non valeur zu erklären. Jabotinsky schüttelte mit
derselben erfrischenden Geste England ab, wie er den
Schekel ablehnte. Allerdings sichert er sich den
Rückzug, indem er erklärt, man werde sich noch über¬
legen, ob man vor dem nächsten Kongreß Schekalim
kaufen werde oder nicht. Mit anderen Worten: Wer¬
den viele Schekalim abgesetzt werden und die Revi¬
sionisten in entsprechender Stärke zum Kongreß ein¬
ziehen, dann wird es wohl heißen: revisionistischer
Sieg! Werden jedoch die Revisionisten, wie voraus¬
zusehen ist, Gefahr laufen, mit Pauken und Trom-
überbetont werden. Was heute in Palästina erreicht ist,
ist das Ergebnis großgedachter Aktionen, ungeheurer
Energie und vielfacher Anstrengungen. Entwicklung
und Fortschritt Palästinas sind in einem hohen Maße
das Ergebnis jüdischer Arbeit. Es ist wahr, daß auch
die Araber Fortschritte gemacht haben, aber auch
diese Fortschritte . haben ihren Anstoß durch dat
jüdische Werk erhalten: die einheimische Bevölkerung
folgte dem Beispiel der eingewanderten Juden und
arbeitete auch ihrerseits an der Entwicklung des Lan¬
des mit. Der zukünftige Fortschritt wird vielleicht nicht
so rapide vor sich gehen, wie der in den ersten Jahren
erzielte, aber das eine ist sicher: das Werk wird weiter
fortschreiten. Die von den Juden geschaffenen Werte
und die von den Juden in Palästina erworbenen
Rechte, schloß Lord; Reading, sind zu sehr gefestigt,
als daß sie noch fehlschlagen könnten. Was aber die
Rechte der Araber betrifft, so werden diese von
niemand bedroht und es besteht deshalb kein Grund»
' daß picht Juden. und. Araber harmonisch Zusammen¬
arbeiten. 1
Lord Reading Ehrenbürger von Tel-Aviv
Die Bevölkerung von Tel-Aviv bereitete dem
früheren britischen Außenminister und einstigen Vize¬
könig von Indien, Lord Reading, bei seinem Besuche
ln der Stadt einen Empfang, wie er bisher nur Lord
Balfour und Baron Edmond de Rothschild bei ihrem
Besuch in Tel-Aviv zuteil geworden ist. Durch eia
dichtes Spalier von Menschen, dfc den Gast begeistert
begrüßten, wurde Lord Reading in das Stadthaus ge¬
leitet, wo ihm Bürgermeister Mayer Dizengoff mit¬
teilte, daß der Stadtrat ihn zum Ehrenbürger der Stadt
ernannt hat. Lord Reading ist damit nach Lord Balfour,
Baron Edmond de Rothschild, Sir Herbert Samuel,
Prof. Albert Einstein, Samuel Untermayer und Achad
Haam der siebente Ehrenbürger der jüdischen Stadt
Tel-Aviv.
Lord Reading dankte bewegt für den ihm bereite¬
ten Empfang und sagte unter anderem: Als »ch heute
die jüdische Stadt Tel-Aviv erblickte, übermannte mich
ein. Gefühl der Begeisterung, wie ich es bis heute bei
mir noch nicht kannte. Ich gewann die Erkenntnis von
der großen Freiheitsliebe der Juden. Ich lernte die Un¬
abhängigkeit ihres Denkens schätzen und ihr Be¬
streben, ihre Kinder zu freien und unabhängigen Men¬
schen zu erziehen.
Ohne mich in politischen Auslassungen ergehen zu
wollen, erklärte Lord Reading, will Ich nur feststellen,
daß der britische Arm weit reicht und das Jüdischt
Nationalheim, wie es in der Balfour-Deklaration ver¬
kündet worden ist, für England ein nicht unwichtiges
Unternehmen bedeutet. England wird an der Politik
des Nationalheims festhalten. Die Juden in Palästina
haben Anspruch auf eine absolute Garantie für Sicher¬
heit ihres Lebens und Eigentums.
peten durchzufallen, dann haben sie eben die Parole
ausgegehen, daß sie an dem Schekelverkauf des¬
interessiert sind. Ebenso desinteressiert
ist nach Qroßmans und Jabotinsky#
Ausführungen in Warschau der Revi¬
sionismus an der ganzen zionisti¬
schen Organisation. Dagegen gilt es mit
aller Vehemenz aufzutreten, wenn die Schöpfung
Herzls nicht zum Spielball unverantwortlicher Dema¬
gogen werden soll, die bei jeder Gelegenheit die
Disziplin, die sie in den eigenen engen Kreisen so
hochhalten, in der großen zionistischen Organisatio*
seit Jahr und Tag untergraben. Man muß endlich det
Mut aufbringen, für die Ganzheit und U n v e r«
s « h r t h «i t unserer Organisation «inzutreien, 4ft