Seife f
grammes, den sie erfüllen konnten. Was darüber hinaus
geschehen ist, das gibt eben dem Jahr 1933 seinen Stem¬
pel. Die so stolz auftretende Bewegung ist von einer er¬
staunlichen Ungeistigkeit. Ihr Terrorregime hat es fer¬
tig gebracht, das Kulturniveau des deutschen Volkes auf
die Zeit des 30jährigen Krieges zurückzuschrauben und
dies m i t v o 11 e m Willen undvoller Absicht.
Es wurde bisher in Deutschland zuviel gelernt. Das hört
auf und so bedeutet 1933 wirklich eine Wende, deren
Wucht und Eindringlichkeit aber zunächst nur die
Juden zu verspüren haben.
lieber sie ist e i n c Woge des Hasses, nein,
der Verachtung hinweggegangen, wie kaum je in
der Geschichte. Sie sind aus Schule, aus Wirtschaft und
sozialer Gemeinschaft mit brutalster Macht hinausge¬
worfen worden. Nie noch in der Geschichte der Völker
ist eine derartige Infamie geschehen: daß die gesamte
Kraft von 65 Millionen gegen eine Minderhe’it
von etwas mehr als einer halben Million
M e n s c b e n eingesetzt wurde. Und es wurde nach
allen Regeln der deutschen Kriegskunst vorgegangen.
Das wehrlosejudentum sollte auch ehrlos ge¬
macht werden. Aus der Rüstkammer der deutschen Ver¬
gangenheit wurde der gelbe Fleck hervorgeholt
und er ist am 1. April, demTagdesBoykotts,
neben dem Hakenkreuz das Symbol des «Dritten Rei¬
ches» geworden. Es ist nicht das Judentum, das ehrlos
geworden ist . , ,
Unmöglich scheint es, die Unsumme von Leid
und Not darzustellcn, die das Judentum
Deutschlands in diesem Jahr zu tragen hatte. Noch
unmöglicher aber ist es, die seelische Marter
zu schildern, die damit verbunden war. Tausende von
Männern aller Berufe sind aufs Pflaster geworfen wor¬
den. Gelehrte wurden vertrieben, mißhandelt, viele ge¬
mordet, viele in Konzentrationslager gesteckt. Ganze
Schichten sind entwurzelt worden, dem nackten Hunger
überantwortet, außer Gesetz und Recht gestellt. Kin¬
der sind seelisch mißhandelt worden; in den Schulen
gibt es für sie Ghetti, von allen Erleichterungen sind sie
ausgeschlossen worden und vielleicht wird es-4üf alle
Zukunft das hervorstechendste Merkmal diesethArt von
angewandter Feindschaft sein, daß man ln einer Schule
den «arischen» Kindern das Thema gab: «Unter¬
schied zwischen Juden und Menschen»,
daß in einer Schule an jüdischen Kindern die
Rassenmerkmale der Juden demonstriert wurden, daß
die jüdischen Schulkinder von den Gasschutz¬
übungen ausgeschlossen werden. Wie wachsen die
arischen, wie die jüdischen Kinder heran! Diese
Schändung wird niemals aus unserem Gedächtnis,
schwinden.
Dieser deutsche Antisemitismus Ist —
bis heute wenigstens — sui generis. Er ist einzig in
seiner Art, obgleich er sich aii v - Mühe gibt, es nicht zu
bleiben, sondern ein Lehramt a. zuüben. Der national¬
sozialistische Judenhaß ist aber nur eine Fortsetzung
des alten deutschen Judenhasses, eine
Fortsetzung mit anderen Mitteln. Er Ist,
wenn man das so nennen darf, eine Art Minderwer¬
tigkeitskomplex, entstanden aus dem bösen Ge¬
wissen. Diese neudeutsche Rassenwissenschaft sagt
sich: Wenn man uns das alles getan hätte, was man
seit je in Deutschland den Juden angetan hat, angefan¬
gen von den Kreuzzügen bis zur Xantener Ritualmord¬
geschichte, von den Edikten der Kaiser und Fürsten bis
zu dem Handbuch der Judenfrage und den «W eisen
v o n Z1 o n» — so würden wir all das tun und sinnen,
was wir den Juden nachtragen. In deutschen Ländern
ist Judenhaß so eingebürgert wie das Landsknechttum
und so war es nicht schwer, sich aus diesem Komplex
ein politischesSystemzu errichten, dessen ein¬
zige Politik der Pogrom und die geistige Ver-
krüppelungdesjüdischenNachwuchses
ist. Juden dürfen nicht studieren, nicht zur Landwirt¬
schaft oder zum Handwerk zugelassen werden, im Ge¬
schäftsleben werden sie eingeschränkt, aus ganzen Pro¬
vinzen vertrieben. Was mit ihnen geschehen soll, das hat
noch keinen dieser Gesetzgeber interessiert.
Auch sonst niemanden auf der Welt.
Die europäischen Staaten, die entsetzt auf dieses
deutsche System schauen, bringen für die Judenfrage
nur Mitleid und Teilnahme auf. Darüber hinaus Paß-
vorschriften und Emigrantenverordnungen. Es Ist, als
würde das jüdische Volk einen neuen Kursus ln
Zionismus durchmachen. Die politische Grundidee
des Zionismus erfährt eine leidvolle Bestätigung, die
vielleicht in diesem Umfang uns erspart geblieben wäre,
hätte man nicht Im Judentum str&flicherwelse an «Jen
WertderOrganisatlonundAgitation ver¬
gessen. 30 Jahre nationaler, zionistischer Erziehung der
Massen — wo stünde heute der politische Zions¬
gedanke! Und erlstbesonderslnDeutschland
vernachlässigt worden! Heute Ist es klar, daß nur ln
diesem politischen Zionsgedanken Rettung liegt.
Wir müssen ein Land auf der Welt besitzen, wo
wir frei und zukunftssicher leben können und ln dem wir
einMachtzentrum bilden können. Zur Errichtung
eines solchen Heims in Palästina sind die politischen
Voraussetzungen — deren Grundlage das Baseler Pro¬
gramm bildet_vom Völkerbund geschaffen wor¬
den. An Ihrer Durchführung hat aber, wie sich zeigt,
nur das jüdische Volk Interesse. Die anderen
Völker, England voran, überbieten sich m Vergeßlich-
DfB SUMME
Welzmann Ober die
London, 28. Dezember 1933. In der Jahreskonfe¬
renz der englisch-zionistischen Federation führte der
Präsident der Federation und Leiter des Jewish Agcncy-
Departemcnts zur Ansicdlung deutscher Juden in Pa¬
lästina, Dr. Cliaim W e i z in a n n, unter großer Span¬
nung der Zuhörerschaft u. a. aus:
Die Position der deutschen Judenheit wird in
mrzer Zeit auf die eine oder die andere Weise stab i-
i s i e r t sein. Aber man erinnere sich daran, daß auch
ie Position der russischen Judenheit «stabilisiert» war,
md zwar in der Weise, daß jährlich über 100.000 See¬
on auswnr orten. Man kann darum heute schwer
sagen, was M.e erwarteten «stabilen» Verhältnisse für
die deutsche Judenheit bedeuten werden. Heute strö¬
men immer noch deutsche Juden in beträchtlicher Zahl
nach Palästina; ein Drittel unserer gesamten Chaluz-
Elnwanderung geht aus Deutschland, und wenn man
die aus Deutschland kommenden Kapitalisten
und Touristen hinzuzählt.
so wandern Int Monatffdnrch-
schnitt über 1000 Personen aus
DesitTshiand In Palästina ein*
Heute gibt s ln Deutschland noch eine ansehnliche
Zahl Juden, die auf einem gewissen Standard leben
können; aber die Ersparnisse vieler Juden
sind bald erschöpft und mehrere von ihnen
haben bereits den Hunger-Standard erreicht.
Zahlreiche Geschäftsunternehmungen wurden «gleich¬
geschaltet», das bedeutet, daß deren jüdische Leiter und
Angestellte auf die Straße gesetzt wurden. Dieser
Prozeß geht stetigweiter und läßt noch kein
Ende absehen.
Vielleicht wird in fünf oder
sechs Jahren die Jüdische Ge«
nselnschaft ln Deutschland auf
die Hälfte Ihrer heutigen Zahl
herabgesunken sein
und einen Umfang erreicht haben, den die 60 Millionen
Deutschen vielleicht werden verdauen können. Man
kann annehmen, daß jährlich 15.000 bis 20.000 Seelen
aus Deutschland auswandern und die Hälfte von ihnen
nach Palästina gehen wird.
Wenn der Central British Fund und andere für
Palästina-Siedlung bestimmte außerordentliche Fonds
Palästina-Abfttilumi
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und Reisegepäckversicherungen. Auskünfte jeder
Art über Palästina.
_Jlfaerias^
mutsch* Judanfra«
jährlich etwa 150.000 Pfund aufbringen, könnte man
— nach Dr. R u p p i n s Berechnungen — jährlich rund
6000 deutsch-jüdische Emigranten allein mit Hilfe
dieser Fonds in Palästina ansiedeln. Ein großer Teil
dieses Geldes würde in Form von Dariehensrückzahlun-
gen zurückfließen; dies würde nicht nur Hilfe, sondern
definitiven Aufbau bedeuten. Die Londoner Konferenz
hat die Aufbringung
eines Fonds von zwei Millionen Pfund für die
deutschen Juden
proklamiert. Wird dieser Fonds aufgebracht und wird
die Hälfte desselben für Palästina-Arbeit, die andere
Hälfte für Seßhaftmachung deutscher Juden in anderen
Ländern verwendet, — sollte demnach Palästina in
den nächsten drei Jahren über eine Million Pfund für
diesen Zweck verfügen können, so bin ich in der Lage,
schlüssig zu beweisen, daß Palästina in den nächsten
drei Jahren 35.000 Menschen wird aufnehmen können*
Frankreich erklärte sich außerstande, die auf*
genommenen 25.000 Flüchtlinge wirklich zu absorbie¬
ren, hingegen kann das Jüdische Nationalhelm tausende
und abertausende Menschen aufnehmen.
»In Mutten Hans Ist Immer Fiats* 14
Wenn wir für das Siedlungswerk in Palästina
300.000 Pfund im Jahre zur Verfügung haben, könnte
das Land jährlich 10.000 Menschen absorbieren. Eine
Schwierigkeit besteht: Was sollen wir mit den aus
Deutschland kommenden Angehörigen des Mittel¬
standes anfangen? Sie sind weniger anpassungs¬
fähig als zum Beispiel die polnischen und russischen
Juden. Sie in der Industrie oder in den Orangenpiantagen
unterzubringen, beansprucht Zeit. Wir probieren jetzt
den folgenden Plan aus: Ein Mittelstandsemigrant er¬
wirbt ein Dunam Boden in einer Gartenvorstadt samt
Haus für etwa 400 Pfund. Es bleiben Ihm noch 600
Pfund für Aufbau seiner Existenz. Wir haben uns das
Vorkaufsrecht auf Boden für mindestens 400 solcher
Familien gesichert und ferner einen Plan Industrieller
Entwicklung festgelegt, der Fortschritte macht
Wesentlich ist vor allem Bodenerwerb durch
den Jüdischen Nationalfonds, um ein Anschwellen der
Preise zu verhindern; dann Schaffung von Krediten fttf
Gewerbetreibende und für Personen mit eigenen Mil*
teln, die etwas unternehmen. Diese Arbeit muß
von einer Industrie-Bank
geleitet werden. Wir dürfen dabei nicht vergessen, daß
nicht nur deutsche, sondern auch polnische und ru*
mänische Juden an die Tore Palästinas pochen.
Ein als phantastisch zu bezeichnender Wettbewerb
anderer Territorien gegen Palästina ist auf einmal ent¬
standen, zum Beispiel Angola, Neue Ugandas sollen in
Konkurrenz zu Palästina treten. Zur Lösung der Juden¬
frage ist aber mehr nötig, als ein leerer Raum: eine
geistige Kraft ist nötig. Und welche geistige Kraft wird
Juden veranlassen, nach Angola zu gehen? Wir arbei¬
ten in Palästina wie bisher, und unsere Arbeit dort kann
nicht mehr fehlschlagen.
Harry Sacher, früher Mitglied der Exekutive der
Jewish Agency, jetzt im Zuweisungs-Komitee des Cen¬
tral British Fund, sagte u. a.: Die deutsche Regierung
betrachtet die Judenfrage immer noch als wenig wich¬
tig, wenn sie sich ihrer auch als eines Hauptpropa¬
gandainstrumentes bedient. Wir wollen die deutschen
kelt. Darum ist es jüdische Pflicht, den Völker¬
bund an Ehre und Gewissen immerfort zu
erinnern und durch Errichtung politischer Organe in
allen Hauptstädten der Welt für die nötige Auffrischung
des Gedächtnisses 2 U sorgen. Weitere Pflicht ist es,
die zionistische Propaganda mit aller
Intensität wieder aufzu nehmen. Das
Judentum ist heute so aufnahmsbereit wie nie. Es ent¬
wickelt sich vor uns zum ersten Male die von allen
Hakenkreuzlern an die Wand gemalte S o 1 i d a r i t ä t.
Sie muß ausgebaut und ln politische Form gegossen
werden.
*
Die Wirkungen der nationalsozialistischen Hunger-
und Erpresserpolitik haben sich auch anderwärts ge¬
zeigt und in ihren Ansätzen genau so wie in Deutsch¬
land. Die Intellektuellen, die byrotnehlisch sind, die
Halbinteliektuellen in Handel un<d Wirtschaft nehmen
die §chlagworte Deutschlands gcjrne auf. Das ist in
Rumänien, in Polen, in Ungarn besonders
deutlich zu sehen gewesen. In Oesterreich, dem
Stammland des Nationalsozialismus, hat sich in diesem
Jahre die Gefährlichkeit und Kriminalität dieser Bewe¬
gung selbst vor Augen gestellt. Ein jüdischer
Juwelier in Wien wur le durch eine
Bombe getötet, es gab eine Menge verhinderter
Anschläge offen antijüdischen Charakters. An den
Hochschulen wirkt der hakenkucuzlerische Ungeist
fort und wenn er Jetzt auch elng&pämmt Ist, so ist er
dort dank der Autonomie noch weiter selbstherrlich.
Di« Wirtschaftskrise hatauctfi dazu betragen,
den jüdischen Notstand zu vertlefeiii. Die Fe'iKisehaft
rings um uns verschärft sich und sie; hat nmli den Ver¬
such gemacht, das Judentum unter d|er Maske wohlwol¬
lender Verhandlungen zu einem (Verzicht auf
seine staatsbürgerliche Gleichberech¬
tigung zu veranlassen. Darauf kann nur mit nein
geantwortet werden. Es gibt keinen Verzicht, und an¬
sonsten bestehen die Minderheitsbestim¬
mungen des Friedensvertrages.
Alles in der Situation des gesamten jüdischen Vol¬
kes weist uns auf den Palästina-Gedanken hin.
Ihn rein zu halten von dem europäischen Gift des Par¬
teien- und Führerhaders ist eine unbedingte Notwendig¬
keit der Zeit. In den Reihen der Zionisten selbst herrscht
Uneinigkeit und sie begünstigt die Sabotage,
die England in Palästina an der Verwirklichung des
Mandates systematisch betreibt. Der Irak Ist in de«
Völkerbund gekommen, Syrien soll neu aufgenom¬
men werden; das jüdische Element in Palästina, au«
dessen Tasche die englische Bureaukratie, die antijüdl-
schen Beamten und die arabischen Polizisten bezahlt
werden, ist nicht Völkerbund reif und kann nicht fflf
sich selbst sprechen. Das ist ein unerträg-
lieber Zustand, Ihm kann aber nur eine wirklich
heroische, opferbereite, starke und einige zioni¬
stische Organisation entgegenarbelten. Wenn
dies erkannt wird, dann wird auch dieses Unglücksjahr
1933 nicht vergeblich gewesen sein. Für dies« Einigkeit
hat A r l o s o r o f f gewirkt und gekämpft, der in die¬
sem schrecklichen Jahr uns durch Mörderhartd entrisse«
worden ist. Dieser getreue Mann, dessen Leben ein«
einzige Heiligung des jüdischen Namens war, dessen
letzte Stunden dem Wohl der deutschen Juden gewidmet
waren, mußte auf dem Boden der Heimat sein Blut
opfern. Die Tat ist nicht aufgeklärt, vielleicht Ist dle^
Untersuchung auf eine falsche Spur geführt worden —
sicher ist, daß einer der Besten in das übergroß« Pan¬
theon der jüdischen Märtyrer hat eingehen müssen