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V.b.b
Nr. s»» | Wien, 14 . Februar 1936 | | (ZI. SchwatS 696 ) | »Jahrgang
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PURIMREISEN NACH
PAUKSTINA
|§f VOM 19. FEBRUAR BIS 26. M1RZ
fi AUF HIN- UND RÜCKFAHRKARTEN
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JÜDISCHE ZEITUNG
Es gibt nur einen
Antisemitismus
Von Bruno Heilig
Wir toben durch die Jahrtausende Zeit
gehabt, uns an den Antisemitismus au ge¬
wöhnen und ihn als etwas Gregebenes hin-
zunehmen. Aber man muß doch immer
wieder staunen, wie die Menschen in ihrem
unbezähmbaren Judenhaß jede Überlegung
verlieren können und wie sie sogar, nur
um uns etwas anjzutun, gegen ihr eigenes
Interesse z;u handeln imstande sind. Man
hat das Gefühl, daß der Antisemitismus
überhaupt schön zu einer selbständigen
Leidenschaft geworden ist. Da ist jetzt
wieder diese Broschüre „Kampf der Jugend
für Sozialreform“, die in einem Kasten an
der Stophanskirohe ausgehängt wurde, und
um dea-en Verbreitung in weitesten Kreisen
ihre Herausgeber sieh sehr bemühen. An
der Stephanskireho sind just die Seiten der
Broschüre auf geschlagen, die den Juden
gelten. Was dort steht, haben wir schon
kurz gemeldet. Es wird der Kampf „gegen
deti judaistischen Geist“ proklamiert, gegen
den Geist, der angeblich die Quelle alles
Übels in dieser Welt ist.
Was wollen diese Menschen mit dieser
Broschüre? Was will der „Soziale Arbeits¬
kreis des Reiohsbundes der katholischen
deutschen Jugend Österreichs“, der als
Herausgeber zeichnet? Die antisemitischen
Seiten hat man wohl darum aufgeschlagen,
weil man glaubt, daß dae zieht und daß die
Menschen die Broschüre williger kaufen
werden, wenn man an ihre antisemitischen
Instinkte appelliert.
. * *
Die Schrift, die sechzehn Seiten umfaßt,
erinnert nicht nur durch die Äußerlichkeit
ihrer Schaustellung an einem auffallenden
Platz an ein gewisses Vorbild. Auch ihr
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Inhalt ist diesem Vorbild treu. Es wird da
jedem alles versprochen und allen zusam¬
men wird die Vernichtung des Judentums
versprochen. Die Befolgung dieses .Vorbildes
ist cs, was den denkenden Menschen wieder
einmal verzweifeln läßt an der Verläßlich¬
keit der Funktionen des Verstandes. Glau¬
ben diese Leute wirklich, daß sie ihro eige¬
nen Ziele, ihro katholischen Ziele, die »io so
heftig betonen und für die sie alles her¬
geben zu wollen behaupten, stuf diese Art
erreichen können?
Es ist nicht der erste Versuch einer
Politik, die dom Nationalsozialismus den
.Wind aus den Segeln nehmen will. Es ist
ein Versuch mit untauglichen Mitteln am
untauglichen Objekt. Der Antisemitismus ist
identisch geworden mit dem Nationalsozia¬
lismus. Vor Adolf Hitler konnten auch
andere sich noch einbilden, daß »io ihren
eigenen, ihren selbständigen Antisemitismus
für ihre eigenen politischen Zwecke machen
können. Der Antisemitismus konnte als ein¬
faches politisches Schlagwort gebraucht
Racherede in Schwerin
Die Heimführung des in Davos erschosse¬
nen Gauleiters Gustloff ist von den National¬
sozialisten zu einer großen antijüdischen
Kundgebung ausgeweitet worden. Die ganze
Strecke von der Schweiz bis mich 1 Schwerin
entlang waren die Formationen aufgeboten,
Reden voll Haß und Wut wurden gehalten,
Kränze niedergelegt. Alles aber ist in
Schwerin, wo Gustloff eingeäschert wurde,
übertroffen worden. Der Führer uncl Reichs¬
kanzler selbst stellte sich an die Spitze des
Rachechors. Seine Rede stellt alles in den
Schatten, was bisher im Dritten Reich
wider die Juden gesagt worden ist. Hitler
sagte:
Die nationalsozialistische Bewegung hat
niemals eine Mordtat oder auch nur ein
Attentat begangen. Das haben Avir vom
ersten Tag an abgelehnt, mit solchen
Waffen wollen wir niemals kämpfen. Da¬
gegen gibt es eine endlose Reihe meuch¬
lings ermordeter Nationalsozialisten, und
hinter jedem dieser Morde steht immer
ein und dieselbe Macht, die für
alles vergossene Blut verantwortlich ist.
Hinter diesen armen hingemordeten Ver¬
tretern unseres Volkes steht die Macht
unseresjüdischenFeindes, jenes
Feindes, dem wir niemals auch
nur im geringsten nahegetre¬
ten sind, der aber unser deutsches
Volk zu unterjochen trachtete. Dasselbe
Judentum ist unser Feind, der für all das
Unglück verantwortlich ist, das das
deutsche Volk seit dem Jahre 1918 zu er¬
dulden hatte.
Weil sich kein Volksgenosse gefunden
hat, der eines solchen Verbrechens fähig
ist, mußte der jüdische Verbrecher selbst
heraustreten. Gustloff ist der erste Mär¬
tyrer des Nationalsozialismus im Ausland.
WirnehmendieseKriegserklä-
rung an, aber auch diese Untat wird
unsere Bewegung nicht hindern. Jede Aus¬
landsgruppe des Nationalsozialismus hat
jetzt ihren Märtyrer.
Der Reichskanzler hat bereits »seift Urteil
fertig. Die Untersuchung in der Schweiz hat
ergeben, daß Frankfurter, den die deutsche
Presse „den . Ritualmörder Frankfurter“
nennt, keine Mitwisser hatte. Hitler erklärt
aber, daß sich kein Deutscher für die Tat
gefunden hat. Daß den Juden nichts zu
Leide getan wurde, ist aber doch eine
Äußerung, die — sagen wir — Erstaunen
und Entrüstung wecken muß. Rathenau ist
ermordet worden, Professor Lessing wurde
gemeuchelt, in den Konzentrationslagern
’cind hunderte Juden erschlagen worden.
Die Nürnberger Gesetze haben den Juden
alles Recht genommen, jüdische Gelehrte
wurden vertrieben, jüdische Geschäftsleute
enteignet. Aber Hitler fügt seinen Äußerun¬
gen noch die Kriegserklärung zu. Das ist
unter den gegebenen Umständen die Ansage
des Pogroms, den der Oberste Geriohtsherr
anordnet. Das muß zur Kenntnis genommen
werden. Die Rede Hitlers stellt schon heute
die Verantwortung des Führers und Reichs¬
kanzlers für das fest, was nun von den
Seinen verübt werden wird. Es gibt keine
Ausrede von den Einzelaktionen mehr und
das „erträgliche Verhältnis“ hat nun Hitler
selbst aufgehoben.
werden, er war regulierbar nach dem Be¬
lieben seiner Verkünder. Es konnte sogar
einen Antisemitismus geben, für den das
Wort paßte, das man Lueger in den Mund
gelegt hat: ,,Wer ein Jude ißt, bestimme
ich.“ Das hat aufgehört. Wer antisemitische
Propaganda macht, macht nationalsoziali¬
stische Propaganda.
Der Nationalsozialismus hat sich ent¬
schlossen, den Antisemitismus in seine
letzten Konsequenzen vorzutreiben. Was
alle Antisemiten je verkündet haben, das
macht er. Er macht es mit einer brutalen
Konsequenz, wio sie nur in Preußen zu
Hause ist. Er macht es unter der Führung
eines Österreichers, der endgültig bestimmt
tot, daß alle Juden Juden sind und daß
allen das Schicksal des Untergangs zuge¬
dacht ist.
*
Der Verfasser der Broschüre von der
Stephanskirche und die Menschen, die hinter
ihm stehen, sollten sich einmal folgendes
überlegen: die großo Masse der einfachen
Menschen denkt primitiv und gradlinig.
Wenn man ihnen ein Schlagwort hin wirft,
so nehmen sie es, wie es lautet, und wenn
sie einmal daran glauben, so wollen sie alle
Konsequenzen sehen. Wenn man ihnen lang
und breit auseinandersetzt, wie es „Pugna-
tor“, der anonyme Verfasser der Broschüre
„Kampf der Jugend für Sozialreform“ tut,
daß auf dieser Welt alles verkehrt einge¬
richtet ist, und wenn man dann hinzufügt,
daß an allem der ..judaistische“ Geist und
jeder einzelne Judo schuld ist, ,so verlangen
die einfachen Menschen ganz natürlich, daß
der judaistische Geist samt allen Juden zu
verschwinden habe. Es gibt aber nur eine
Methode, mit der das betrieben werden
konnte. Das ist die Methode des National¬
sozialismus.
Was tut da der Mann von der Straße?
Er schließt sich nicht der katholischen deut¬
schen Jugend Österreichs an, er nimmt aus
der Broschüre vielmehr zur Kenntnis, daß
Adolf Hitler also doch recht hat. Warum
sollte er auch zu. denen gehen, die nur nach¬
beten, was er gesagt hat und was er sogar
schon tut? Nicht einen einzigen • Anhänger
gewinnt eine katholische Bewegung mit
solchen Methoden. Sie schickt die Leute nur
zum Nationalsozialismus. Es ist nicht mög¬
lich, sich aus dieser Bewegung den einen
Punkt, den antisemitischen, anzueignen, und
ihn dann in irgendein anderes Programm
einzaifügen. Wer österreichische Politik
machen will, darf keine antisemitische
Politik machen. Wenigstens seit Adolf
Hitler nicht mehr.
Es gibt ein biologisches Gesetz, das be¬
sagt, daß jedes Organ eines Lebewesens nur
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auf seine spezifische Art reagieren kann.
Das Auge kann nur sehen und das Ohr kann
nur hören. Dieses Gesetz fällt einem ein bei
der Überlegung über das, was. aus der un¬
verantwortlichen antisemitischen Hetze wer¬
den kann. Wenn einmal die antisemitischen
Instinkte geweckt sind, können sie nur auf
eine Art reagieren: auf nationalsozialistische
Art.
Es ist doch so, daß selbst die Propagan¬
disten des Antisemitismus schon nach die¬
sem Gesetze handeln. Pugnator selbst
liefert in seiner Broschüre den unfreiwilligen
Beweis. Er hat die Schrift verfaßt, weil er
den Juden eins, versetzen wollte. Darum
mußte sich die Schrift auch in allen anderen
Dingen dem Vorbild anpassen. Wenn der
Propagandist sich dem Gesetz nicht ent¬
ziehen kann: wie soll es da der einfache
Mann tun können? -
*
Man höre auf mit solchen Versuchen. Man
überlasse den Antisemitismus dem National¬
sozialismus, wenn . man den Nationalsozia¬
lismus nicht will. Es gibt keine Adaptierung
jenes Systems und jenes Geistes an andere
Zwecke und Ziele. Es gibt für den, der
irgend eine Art von österreichischer Politik
machen will, auch — und in erster Linie
vielleicht für den Katholiken — nur einen
Weg und eine Möglichkeit: Die unbedingte
und eindeutige Distanzierung von allem,
was der Nationalsozialismus verkündet und
was er tut. Am gefährlichsten ist gerade
das Spiel mit dem Antisemitismus. Der un¬
bekannte Antisemit wird es nie verstehen,
daß er etwas anderes sein soll als National¬
sozialist.
Pugnator und alle, die hinter ihm stehen,
mögen endlich die Psyche der Menschen,
an die sie 6ich wenden, richtig erkennen.
Sie machen aus den Menschen, indem sie eie
zu Antisemiten machen, keine K a t h o-
liken und keine Österreicher.
II
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22 KE R EN KAJ E M E TH
•40 JÜDISCHE KULTURSTELLE