Nr. 1.
Die Wahrheit.
Teile 11.
Seinen Jaroth Dewasch möchten auch die modernsten jüdischen
Prediger von Bedeutung nicht missen wollen. Und auch er war
ein befähigter Mitarbeiter an dem starken Damme, der es ver¬
hütet hat, dass sich so manche bedenkliche Strömungen der folgenden
Generation den jüdischen Lebensbaum entwurzelten. Freilich, es
gibt Menschen und auch Geschichtsschreiber, die sich eine Geistes¬
größe nicht anders als im Zeichen der Umwälzung vorstellen
können. Wer sich jedoch von der Schönheit der menschlichen Ent¬
wicklung im steten sanften Fortschritt, in Vertiefung der moralischen
Gefühle, in Erweiterung des Gemüthes und Vermehrung der
Erkenntnis ergriffen fühlt, dem wird auch Rabbi Jonathan Eiben-
schitz bedeutungsvoll genug erscheinen.
Verschiedene Nachrichten.
Wien. Sonntag, den 24. December 1899, Vormittags 9 Uhr, fand
in Ottakring das Leichenbegängnis der verstorbenen Frau Rofalie Edle von.
Kuffner, Mutter Sr. Hochwohlgeboren des Herrn Moritz Edler von Kuffner,
statt. Welch' besonderer Beliebtheit die selig Dahingeschiedene sich erfreute,
bewies die rege Betheiligung des Bezirkes an demselben. Lange vor der
festgesetzten Stunde hatten sich zahlreiche Trauergäste im Trauerhause ein¬
gefunden. Vertreter sämmtlicher humanitärer Vereine waren erschienen, um
ihrer Gönnerin die letzte Ehre zu erweisen. Die Feuerwehr von Ottakring
mit ihrem Hauptmann machte Spalier. Präcise 9 Uhr erschien der Cultus-
vorsteher Herr Salom. Rosner mit dem Bethausvorstande, sowie der Vorstand
der Chewra Kadischa unter Führung des Präses Herrn Bernhard Trnka
und Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Bach. Der I. Cantor Herr Moritz
Schlesinger stimmte unter Assistenz des Cantors Rothwein und eines dreifach
verstärkten Quartettes in ergreifender Weise den Trauerchor an, worauf der
Sarg unter den üblichen Psalmen in den vierspännigen Prachtwagen gehoben
wurde. Mehr als 100 Wagen mit Trauergästen folgten dem Leichenwagen
auf den Centtalfriedhof. Hier wurden die üblichen Trauergesänge executirt,
worauf die Leiche in der Familiengruft beigesetzt wurde.
Wien. Dienstag, den 26. December, */,1 Uhr Nachmittags, hat im
Tempel I., Seitenstettengasse die Trauung des Fräulein Laura Kohnberger
mit Herrn vr. Sigmund Stiaßny, Sohn des CultusvorsteherS Baurath
Stiaßny, unter überaus zahlreicher Betheiligung aus den besten Wiener
Gesellschaftskreisen stattgefunden. Unter den Anwesenden bemerkten wir den
Präsidenten der Cultusgemeinde kais. Rath Kling er, die Bice-Präsidenten
vr. Stern und vr. Gustav Kohn, die Cultusvorsteher vr. Steger,
Director Simon, Salo Cohn, vr. Spitzer, vr. Grünfeld, vr. Berger,
Emil Horner, k. Rath Pollak, Arth. Edl. v. Mises, Theodor Ritter v.
Goldschmidt, kais. Rath Vogl, die Bethaus-Vorsteher Wasservogel,
Stiaßny, Moor, den Präsidenten derJsr. Theol. Lehranstalt M. Karpeles,
Lector Friedmann, Professor Müller, den Präses der türkischen Gemeinde
Marc. M. Russo, die Gemeinderäthe Zifferer und Lucian Brunner,
Reichsraths-Abgeordneten Noske, Ortsschulrath S. Heit, die Vorsteher des
Vereines „Beth-Jsrael" S. Meisels und Zolles, kais. Rath Wilhelm,den
Präsidenten des Vereines zur Hebung der Gewerbe S. Brod, Schriftsteller Em.
Baumgarten, CommercialrathPolaczek, Hosrath Hahn, kais. Rath Speier,
die Rabbiner Ih\ Gelb haus, Dr. Bach, Reich, Armenvorsteher Jelinek,
Generaldirector Frank, Banquier W. Freyberg, Obercantor Bauer rc.
In seiner Ansprache an das Brautpaar gedachte Oberrabbiner vr. Güde-
mann der großen Verdienste, die sich der Vater der Braut und der Vater
des Bräutigams um die Wiener Cultusgemeinde erworben haben, und
forderte das Brautpaar auf, die edlen Traditionen ihres Elternhauses auch
in dem neu gegründeten Heim zu Pflegen. Die Trauungsgesänge wurden vom
Obercantor Singer mit dem Tempelchore in überaus erhebender und
weihevoller Weise executirt.
Wien. Dienstag, den 26. December, ist nach kurzem Leiden Herr
Wilhelm Edler v. Wertheimstein im 66. Lebensjahre gestorben. Der
Verstorbene, ein Bruder der Frau Baronin Charlotte v. Königswarter,
war ein edler Wohlthäter und eifriger Förderer aller Humanitären Insti¬
tutionen. An seiner Bahre trauern dessen Gattin Frau Josefine Edle v.
Wertheimstein und zwei Kinder, Desire und Heinrich v. Wertheim¬
stein. Das Leichenbegängnis fand Freitag, den 29. December, unter großer
Theilnahme statt. Die Trauersunctiouen versahen Oberrabbiner vr. Güde-
mann und Obercantor Singer.
Wien. Freitag, den 29. d. M. Abends, und Samstag, den 30. d. M.
Vormittags, wird der Obercantor vom Tempel des IX. Bezirkes (Müllner-
gasse) Herr Philipp Kläger im Leopoldstädter Tempel Probevorttäge halten.
Wien. Der im II. Bezirke bekannte Cafetier Herr Storchheim,
Rothensterngaffe, spendete für das Bereinsbethaus „Marpe-Lanefesch“ ein
prachtvoll ausgestattetes Paroches, welches Samstag, den 30. December feierlichst
eingeweiht werden wird.
Wien. Herr Julius Blum, sowie dessen Gattin und Tächter
spendeten zur Erinnerung an ihren Sohn, resp. Bruder Emil Blum ein
reichgesticktes Paroches für den kleinen Betsaal im Leopoldstädter Tempel.
Zala-Egerszeg. Samstag, den 16. December ist hier der angesehene
Kaufmann Herr Jacab Ragend orfer plötzlich gestorben. Derselbe war längere
Jahre Tempel-Vorsteher unserer Gemeinde und eine allgemein geachtete und be¬
liebte Persönlichkeit. Das Leichenbegängnis, welches Montag, den 18. December
stattfand, legte das beste Zeugnis seiner Beliebtheit ab. Trotz des schlechten
nnd kalten Wetters war die Sttaße schwarz von Menschen. Alles kam, um dem
lieben „Alten" das letzte Geleite zu geben. Am Friedhofe hielt Herr Ober-
Rabbiner vr. Engelsmann einen ergreifenden Nachruf. Friede seiner Asche!
Zala-Egerszeg. Bei der letzten General-Versammlung, in welcher
der zurückttetende Vorsteher Herr Fischer Läszlo einstimmig zum Ehren-
Präsidenten gewählt wurde, wurde auch beschlossen, das Bild dieses verdienst¬
vollen Mannes malen zu lassen und zum ewigen Andenken im Sitzungssaale
der Cultusgemeinde anzubringen. Mittwoch, den 20. December fand in An¬
wesenheit des gesammten Vorstandes die Enthüllungsfeierlichkeit statt. Der
Präses vr. Bo sch an hielt eine schöne Ansprache, in welcher er das aus¬
gezeichnete und verdienstvolle Wirken des Herrn Fischer Läszlo, der 28 Jahre
Vorsteher der hiesigen Cultusgemeinde war, hervorhob. Nach dieser Rede
wurde das Bild enthüllt, was von den Versammelten mit lebhaften Mjen-
Rufen begrüßt wurde. 6.
Sarajevo, 20. December. Gestern fand hier unter großer Betheiligung
vieler Staatsbeamten, Aerzte rc. die Beerdigung des in der Blüthe seiner
Jahre plötzlich dahingerafften Herrn vr. Robert L öwy, Chemiker am hiesigen
Laboratorium, statt. Herr Redacteur Tau sk hielt eine tiesergreifende Rede.
Nachher sprach Herr Buchhändler Buchwald und dann bewegte sich der
imposante Trauerzug durch die Hauptstraßen, in welchen alle Läden geschloffen
wurden. Auch sehr viele prachwolle Kränze wurden gespendet.
Bischof Szmrecsänyi über den Ritualmord. Aus Anlass des
Arvaer Blutmärchens richtete Bischof Szmrecsänyi an die Geistlichkeit des
Arvaer Dechanats ein Hirtenschreiben, in welchem er es der Geistlichkeit zur
Pflicht macht, die Bevölkerung darüber auszuklären, dass die Juden als solche
des rituellen Mordes nicht beschuldigt werden können. Für eine solche Be¬
schuldigung bieten die jüdischen Werke keinerlei Anhaltspunkte. Blut zu
genießen ist den Juden verboten, das Blut des Viehes, der Thiere, der
Vögel, um wieviel mehr das Blut des Menschen. Der tolerante Kirchen¬
fürst verweist zugleich auf die traurigen Erfahrnngen und ermahnt die
Geistlichkeit, zu verhüten, dass das Volk zu thätlichen Ausschreitungen ver¬
leitet werde. Das energische Auftreten des liberal gesinnten Kirchensürsten
sollten ganz besonders diejenigen beherzigen, die mit ftevelnder Hand die
Lunte unter die Massen werfen, dabei aber vergessen, dass der aufgewiegelte
Pöbel nicht bei dem Punkte stehen zu bleiben pflegt, wo die Hetzer dies
haben möchten. Dem „Zs. Hiradv" zufolge ist übrigens auch der Arvaer
Blutproceß nach kurzem Dasein zu seinen Vorgängern eingegangen. Die
Erhebungen, welche der Untersuchungsrichter des Rozsahegyer Gerichtshofes
gepflogen hat, haben klar ergeben, dass mit den Jnstincten des aufgewiegelte«
Mobs wieder einmal ein ftivoles Spiel getrieben wurde.
Literatur.
Populär-wissenschaftliche Vorträge über Juden u. Judeu-
thum. I. „Was heißt und zu welchem Ende studirt man jüdische Geschichte
und Literatur?" Bon Prof. vr. M. Lazarus, Leipzig, M. W. Kaufmann. —
Mit Freuden begrüßen wir das Unternehmen, die in den Vereinen für
jüdische Geschichte und Literatur gehaltenen Vorträge in Druck zu legen und
dem großen Publicum bekannt zu geben. Das vorliegende, gefällig ausge¬
stattete Heft eröffnet paffend den Reigen, und wir haben nur den Wunsch,
dass die folgenden, von kundiger Hand gesichtet und geordnet, ebenso gehalt¬
voll, belehrend und anregend sein möchten! v. L.