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Motto : „Das Siegel Gottes
ist Wahrheit!“
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Nr 1
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Inhalt: Der Nationalismus in Oesterreich-Ungarn und die Juden. — Die Konservativen in Deutschland und der Antisemitismus. — Auf dem Wege
nach Jerusalem. — Mariahilfer Tempelverein. — Rabbi und Vorsteher. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: „Die Tage der Vorzeit."
An unsere Leser!
Bei dem Ernste der gegenwärtigen Zeiten bedarf das
Judentum mehr denn je einer starten und unabhängigen Presse,
die nicht nur mutvoll und unerschrocken den Kampf
nach autzen führt, sondern auch im eigenen Lager
strenge Wache hält.
Von dieser Ueberzeugung durchdrungen, hat
„Die Wahrheit"
auch im abgelanfenen Jahre an ihrem Programme, das
Intereste Mr die erhabenen Ziele des Judentums
in allen Bevölkerungsschichten pt wecken, festgehalten,
und ihr Bestreben wird auch fernerhin darauf gerichtet sein,
jüdisches Leben in allen seinen Erscheinungen;u
pstegrn, die innere Organisation mit allen Kräften
;u fördern, die Vorfälle im Gemeinde- und Vereins-
lrbrn mit mahvoll^r und objektiver Kritik ;u beur¬
teilen und dabei gleichzeitig den Kampf nach autzen
mit Würde und Entschiedenheit ;u führen.
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schein zu benützen.
Die WedaMion.
Der Nationalismus in Oesterreich-
Ungarn und die Inden.
Jede Nation ist berechtigt, ihre nationale Eigenheit über
alles zu lieben und ihr den ersten Rang im Belange der Wert¬
schätzung nnd Opferwilligkeit einznräumen. Die Liebe zum eigenen
Volke ist für moralisch normal veranlagte Menschen selbstver¬
ständlich, wie dies etwa die Liebe des Kindes zu seiner Mutter
ist. Es ist sogar verzeihlich, wenn der Wert der eigenen Nation
überschätzt wird nnd die Geneigtheit hervortritt, deren Lichtseiten
zu übertreiben und die Schattenseiten in Abrede zu stellen oder
mindestens zu entschuldigen. Der Egoismus der einzelnen Per¬
sonen und Nationen ist als ein Naturgesetz berechtigt und der
edle und selbstlose Lehrer Hillel sagt in den Sprüchen der
Väter:- „Im. en sari li, mi li?“ d. h. wenn ich nicht selbst
meine Interessen vertrete, wer sonst fvird es dann tun?
Die Eigenliebe artet aber häufig zur Mißachtung der
Nebenmeuschen und Nachbarnationen, ja zur Eifersucht nnd zum
Hasse gegen dieselben aus. Solche Ausartungen des gesunden
Egoismus machen dann Menschen und ganze Volker moralisch
blind, verwandeln iu ihreu Augen Unrecht zu Recht, verhärten
ihre Herzen gegen alle fremden Menschen und bringen sie über¬
haupt um den Vorzug des Menschentums. — „Durch Natio¬
nalismus zum Bestialismus" lautet ein modernes, geflügeltes
Wort mit Recht. Hillel fügte deshalb seinem oben zitierten Ans¬
spruche noch folgenden Nachsatz an: „Uchscheani leazmi, mo
ani?“ d. h. Und wenn ich ausschließlich nur meine eigenen
Interessen vertrete, was bin ich dann?
Die Blätter der Weltgeschichte wimmeln von Berichten
schrecklicher, blutiger, sich gegenseitig erbarmungslos zerfleischender
Völkerkriege, welche wild entartete nationalistische Massenbewe¬
gungen in aller Welt durchgefnhrt haben. Die jüdischen Propheten
und erleuchteten Gottesmänner waren die ersten, die sich mit
mächtig begeisterten, flammenden Worten gegen den Krieg
wendeten. Die unsterblichen Friedensreden des Propheten Jesaias
wurden erst kürzlich im Münster zu Basel von einem Priester
vor Freunden des Weltfriedens zitiert.
Das eigene Volkstum über alles zu lieben, bedingt eben
noch nicht den unmenschlich grausamen Haß gegen andere
Nationen. Solcher Haß äußert sich aber gegenwärtig leider noch
in demselben Maße wie in grauer Vorzeit- Namentlich in
Oesterreich-Ungarn zeigt sich gegenseitiger Nationalhaß, oft bis
zur Bestialität gesteigert, ein trauriges Bild für jeden Friedens¬
und Menschenfreund. Man erlebt staunend Beweise von skanda¬
löser Schwächung, ja Erblindung des sonst wirksamen allgemeinen
Rechtsgefnhles, welche die maßlos gesteigerte nationale Eifersucht
hervorruft. Unter der Maske der Nationalität verfolgen dunkle
Existenzen oft moralisch sehr fragwürdige Bestrebungen.
In Oesterreich-Ungarit kann sich selbst die sozial-demo¬
kratische Partei, die ursprünglich die Juternationalität als ihren
obersten Parteigrundsatz hochhielt, dem Einflüsse des Nationalis¬
mus auf die Dauer nicht entziehen und ist in nationale Gruppen
zerfallen. Das gleiche Bild bieten gegenwärtig auch die bürger¬
lichen, demokratischen Parteien. Ein Nationalitätenkrieg in Oester¬
reich-Ungarn, das von nicht weniger als acht Nationen bewohnt
wird, von denen mehrere einander an Zahl und Macht die