Preis (fieser Nummer 40 Groschen
Jüdische
II« UUrU
In Deutschland verboten!
mit den Veröffentlichungen der
„Union österreichischer Juden
Erscheint jeden Freitag
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50. Jahrgang
Wien, 30. November 1934
Nummer 48
Sieh sehen lassen!
Die Sprache des Chanukka-Lichtes.
In der Londoner City soll es Weltfirmen
geben, deren Chefs in ihrem Privatbüro noch
heute die Oelbeleuchtung ihrer Vorfahren, der
Gründer des Geschäftes, beibehalten. Jeden¬
falls neben dem Elektrischen ein Symbol.
Diese Oelflämmchen sollen nicht sowohl
leuchten, d. h. anderen sehen helfen, als viel¬
mehr nur selbst gesehen werden. Der Chef
des Hauses soll, so oft sein Blick auf sie fällt,
sich der Geschäftsprinzipien erinnern, auf
denen seine Firma einst aufgebaut und durch
die sie groß wurde.
Mag dies nun Wahrheit oder Legende
sein, es beleuchtet den konservativen Grund¬
zug im Charakter des Briten. Es spricht dar¬
aus die richtige Erkenntnis: wodurch ein Haus
groß geworden, daran muß es festhalten.
Zeiten, Menschen, Methoden der Arbeit und
des Forschens — sie mögen sich von Grund
aus ändern, Welten mögen untergehen und
neue entstehen — der Kern, die Seele, die auf¬
bauende Grundkraft des Hauses muß dieselbe
bleiben.
Dieses zähe Festhalten an überlieferter
Väterart, dieser gesunde Lebensleitsatz, dem
das mächtigste Volk der Erde seine Größe und
seine Wesensart verdankt, wurzelt in der
heiligen Weisheit des machtlosesten Volkes,
in der uralten Judenbibel. Nicht umsonst er¬
zählt die alte Sage von der Abstammung
Albions von den Helden und Weisen des
Hebräervolkes.
Wenn wir Juden nun am Chanukka das
stille Lichtchen zünden, wie_es seit mehr als
2000 Jahren schon unsere Väter taten, so
sprechen wir die Worte: („We-en lanu re-
schuth l'hischtammesch bähen ela lirothan
bilwad"). „Diese Lichtchen sollen keinem ande¬
ren Gebrauche dienen, als um gesehen zu
werden und schon dadurch, daß sie sich sehen
lassen, uns dankbar gegen Gott dafür zu stim¬
men, daß er Wunder wirkend unseren Vätern
im schweren Kampf zum Sieg verholfen."
Auch diese Flämmchen sollen uns an das er¬
innern, was unser Volk, wenn auch nicht zu
weltlicher Macht und irdischer Größe, so doch
auf einen Weg geführt hat, auf dem es Selbst¬
achtung errang und zugleich vor der Welt
sich sehen lassen durfte. Diese Stärke
unseres Volkes lag („lo wechajil welo wekoach
ki im beruchi") nicht im Säbelrasseln und
.nicht in einem Athletenrekord, nicht im Stolz
auf politische oder wirtschaftliche Erfolge,
sondern in der Demut und Ehrfurcht vor Gott,
die sie gegen Menschen.' selbstsicher und un¬
überwindlich machte.
Dieser Geist echter Frömmigkeit beseelte
die Makkabäer, als in ihnen und ihrer tapferen
Gefolgschaft unser Volk aus der Stille seiner
selbstgenügsamen Zurückgezogenheit auf die
Weltbühne der großen Entscheidungen heraus¬
zutreten gezwungen wurde. Es galt, in der
Notwehr gegen eine Weltmacht, eine Kraft¬
probe gottbegeisterten Mutes abzulegen. Und
jene jüdischen Helden haben diese Probe so
glänzend bestanden, daß sie für echtes Helden¬
tum zum Gleichnis und Vorbild und ihren
Namen für alle Zeiten sprichwörtlich geworden
sind. Sie durften sich sehen lassen!
Nicht immer war es rühmlich, wenn Ju¬
den vor der Welt sich sehen ließen. Sie taten
es nicht immer in jener Demut und Ehrfurcht
vor Gott, die auf Geltung bei den Menschen
verzichtet. Was sie gar oft nur sehen ließen
und aufdringlich hervorkehrten, war der Flit-
ierglanz ihres Goldes, war der überladene
Prunk ihrer Frauen, die anmaßliche Verwöhnt¬
heit ihrer Söhne und Töchter. Was aber viele
von ihnen nicht sehen ließen, sondern
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IX, ROTENLÖWENG. 3
BEN. AKT. SEISAL
TEL. A 10-5-69
| Achtung!
Samstag, den 1. Dezember 1934,
in allen Festsälen des rtandels-
museums, Wien IX., Bergg. 16
CHANUKA-FEIER
DER „UNION"
Siehe Ankündigung auf Seite 4
schnöde und feige zu verbergen suchten, das
war: ihr Judentum. Was sie damit geerntet,
war der Haß, die Verachtung, die sich jetzt
mit der niederschmetternden Wucht eines
Orkans über uns entlädt, die einen schon ver¬
nichtet hat, die anderen mit Vernichtung be¬
droht.
In diesem Düster flammt ein Lichtchen
der Hoffnung auf: der Wiederaufbau Palä¬
stinas. Aus Not ist dieses Werk geboren.
Opfer des Zarismus haben es begonnen. Und
Wiener Juden standen ihnen mit ihrer Bruder¬
hilfe bei. Denkwürdig bleibt jene Versammlung
im Jahre 1882, in der Rabbiner Salamon
Spitzer mit begeisternden Worten zur
Gründung eines Vereines zur Kolonisation des
alten Väterlandes und damit zur Mobilisierung
der Judenheit des Westens für praktische
Palästinaarbeit den ersten Anstoß gab. Als
ihm damals Stimmen aus der Versammlung
entgegenhielten, daß man in Oesterreich doch
vor Judenhetze sicher lind geborgen sei und
daß, wer. als Jude Not leide, doch eher, in Ame¬
rika Zuflucht fände, da glaubte er keine schla¬
gendere Abfuhr finden zu können, als in dem
Hinweis: In Amerika würden diese flüchtigen
Juden dem Judentum verloren gehen, in Erez
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Jisroel hingegen, da würden sie fromm blei¬
ben, ja erst recht thoratreu werden.
Was hat sich in den 50 Jahren seit jener
Versammlung alles zugetragen! Wer hätte
damals ahnen können, was jetzt aus Palästina
geworden! Wieder, wie in den Makkabäer-
tagen, eine Bühne, auf der das Judentum vor
den Augen aller Welt eine Kraftprobe be¬
stehen, sich sehen lassen soll!
Wenn man jetzt an all die Orte kommt,
deren einstige ruhmverklärte Namen uns aus
der Geschichte der Makkabäerkämpfe geläufig
sind, an alle die Schauplätze, auf denen Juda,
der Held und Führer, gesiegt, an jenen Hügel
besonders, auf dem er gefallen ist, man staunt
zuerst, daß keinen dieser Lichtpunkte in dem
Dunkel unseres Leidenschicksals nach der
Weltweise ein Denkmal ziert. Doch bald sieht
man ein, daß doch kein Denkmal ihrer würdi¬
ger sein könnte, als das Werk es ist, das von
den Enkeln jener Helden jetzt dort geleistet
wird. Aber ein Gebet entringt sich unseren
Herzen: Möchte es doch ein Werk auch im
Geiste jener Gottesstreiter sein („ki im
beruchi")! Daß es nicht nur bestehen könne
vor dem prüfenden Blick des Technikers und
Wirtschaftsführers, daß es sich auch sehen
lassen könne vor dem Geiste Judas,
des Führers im Kampfe für Gott gegen
herausforderndes Heidentum!
Ehrfurchts- und demutsvoll, im Herzen
den alten Gott der Väter, so standen am ersten
Chanukka jene Sieger vor den Lichtchen, die
zum ersten Male wieder sich sehen lassen
durften auf der vom Feind befreiten Väter¬
scholle. Dieser Geist hat uns aller Welt zum
Trotz bis heute erhalten. Daß er allein uns
als Juden auch fürderhin erhalten kann, das
sagen uns die Lichtchen, die sich jetzt wieder
sehen lassen an Chanukka. —d.
OkkosumsoeckauQ
von Juwelen aus Privat¬
besitz verlängert bis
«1. Dezember
Österreicher
Wien /., Graben, Ecke Seilereasse