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iHIfl^^ DIE WAHRHEIT
wohl auf die Spontanität der Demonstration später
viel berufen hätten. So aber mußten sie es schau¬
dernd erleben, daß sie die Geister, die sie (nicht) ge¬
rufen, nicht los werden konnten, ja daß sogar die fa-
natisierte Menge sich wütend gegen sie wandte, als
sie sie eindringlich zur Vernunft mahnten. Es spricht
Bände zur Charakterisierung der hitzigen Stimmung,
wenn nicht einmal der so populäre Bürgermeister
S e i t z mit dem ersten Löschwagen zum brennen¬
den Justizpalast vorfahren durfte, ja daß man ihn so¬
gar höhnte und zu attackieren drohte, wie es ähnlich
auch anderen beliebten sozialdemokratischen Partei¬
führern erging.
Nach einer verlustreichen Schlacht — und
dieses Kriegsbild muß leider der Augenzeuge der
furchtbaren Ereignisse des 15. und 16. Juli wählen
— wird immer nach den Schuldigen gesucht und von
beiden Teilen die Schuld auf den anderen gescho¬
ben. So auch bei dieser einerseits von Wien, ander¬
seits von den Sozialdemokraten verlorenen
Schlacht, bei der die Polizei triumphierend
das blutige Feld behauptete, auf dem zahl¬
reiche Opfer fielen. Wer hat den ersten Schuß
getan? Die Sozialdemokraten behaupten, daß es die
Wache gewesen bei ihrer Attacke vor dem Parla¬
ment, die Polizei hinwiederum sagt, daß ein Kommu¬
nist als erster die Pistole gezogen. Ob sich die Wahr¬
heit wohl feststellen lassen wird? Wir bezweifeln
es, obwohl dies Sache einer strengen Untersuchung
sein wird müssen — aber auch im Kriege war eine
Schuld nie eindeutig zu eruieren. Wieder drängt
sich derselbe Vergleich auf. es hilft nichts, dieser
Schreckenstag hatte eine Kriegspsychose.
Sie äußerte sich auch in dem Verhalten der
Wache. Da ihr einmal der Befehl zum Schießen ge¬
geben war — ist der Erteiler dieses Befehls Vize¬
kanzler Ii a r 11 e b gewesen, so wird er dies auch
verantworten müssen —, so machte sie von dieser
Erlaubnis selbst dann in einer furchtbaren Weise
Gebrauch, als es nicht mehr gemeine Brandstifter zu
Der Sohn des Moses Mautner.
Ein Wiener Roman von Leopold Ii i c h 1 e r*).
Mit freundlicher Bewilligung des
Autors veröffentlichen wir das 1. Kapitel
des hübschen Romans.
Herr Moses Mautner war ein reicher Kaufmann und
dennoch — oder vielleicht deshalb? — denn mit dem Besitz
wächst das Verlangen — gönnte er sich weder Rast noch
Ruhe und arbeitete den ganzen lieben Tag. Nur zuweilen,
nach besonders geglückten Geschäften, ließ er sich ein wenig
gehen und lebte dann der Familie.
So war es auch an einem schönen Septembermorgen.
Herr Mautner — er war Produktenhändler — hatte den Tag
vorher ein gutes Geschäft abgeschlossen und sprach schmun¬
zelnd zu seiner Frau: „Sali! Heut' bleib 1 ich zu Haus und
nach dem Frühstück geh' ich mit die Kinder in den. Prater!
Ich sag' dir Sali: An die trockenen Häut — Mbo — ist noch
zu verdienen! Ich hab die Häuf gestern gut verkauft!" —
Frau Sali saß in tiefen Gedanken. Sie dachte an ihren
jüngsten Sohn, der heute das erstemal in die Schule sollte.
„Ich weiß nicht, Hermann!" Sie nannte ihren Mann immer
Hermann, denn „Moses" klang der etwas assimilierten Frau
zu grell. „Ich weiß nicht, Hermann," begann sie-und blickte
ihren Mann ratlos an, „was ich machen soll? Gusti fürcht 1 sich
*) R Löwit Verlag Wien — Leipzig.
verjagen galt. Auch die Polizei hat da den Kopf ver¬
loren, sie schoß in unbeteiligte Passanten hinein,
metzelte Unschuldige nieder, überall Blutrausch —
wie im Kriege ....
Auf den schwarzen Freitag, der bezeichnender¬
weise mit einem Sturm auf die reaktionäre Universi¬
tät begonnen, folgten nicht minder schreckliche
Tage, wenn sie auch — bis auf die Vorfälle in fiern-
als und Ottakring am Samstag nachmittags —
weniger blutig verliefen. Es muß unumwunden fest¬
gestellt werden, daß die Proklamierung des Ver¬
kehrsstreiks in dieser Situation ein schwerer Fehler
seitens der Sozialdemokraten gewesen. Abgesehen
von der wirtschaftichen Schädigung, die der öster¬
reichische Markt durch die Stillegung des Verkehrs
wieder einmal erlitten, war es auch unverzeihlich,.
Wien in dieser Lage gänzlich vom Auslande abzu¬
schneiden. So war es möglich, daß dort die unsin¬
nigsten Gerüchte kursierten und sogar in der aus¬
ländischen Presse Eingang fanden, die die traurige
Wirklichkeit noch bei weitem übertrafen. Die So¬
zialdemokraten werden aber wohl gewußt haben,
weshalb sie diese tief einschneidende Maßnahme
trafen. Wir wollen hier nicht den Mutmaßungen
nachgehen, die behaupten, daß durch die Lahm¬
legung des Verkehrs entweder ein Zuzug von
reaktionären oder von radikalen Elementen nach
Wien verhindert werden sollte. Wir stehen jetzt
vor der Tatsache, daß dieser Verkehrsstreik bedin¬
gungslos aufgehoben wurde, daß damit und mit der
Sicherung der Straße auch wieder Ruhe in unsere
friedliebende Stadt eingezogen ist.
Die Sozialdemokraten betonen in ihrer letzten
Proklamation, daß die Wiederaufnahme des Ver¬
kehrs aus wirtschaftlichen und politischen Gründen
erfolgt ist. Die Einsicht dieser Proklamation, die
gleich den übrigen Erlässen und Reden der Partei¬
führer eine höchst gemäßigte Sprache spricht, kommt
leider viel zu spät. Auf Jahre hinaus sind wohl leider
durch die entsetzlichen Ereignisse der letzten Woche
von der Schul'. Er will nicht in die Schul'!" „Warum?" —
„Weiß ich?" — „Wo hast du ihn einschreiben lassen?" —
„In die Erdbergerschul 1 ." — „In die Erdbergerschul'?" —
„Ja. Also — mir paßt sie auch nicht; aber was hätt' ich tun
sollen? Die anderen Schulen sind zu weit!" — „Warum paßt
sie dir nicht?" — „Weil er das ahnzige Judenkind .sein wird.
Lauter Schkozim senn dort!" — „Das is nicht gut. Ich wer
dir was sagen, Sali: Laß ihn überhaupt noch zu Haus! Wird
er die zweite Klass' auch zu Haus machen!" — „Nein,
Hermann. — Jetzt hab' ich ihn schon angemeld't; jetzt soll
er nur in die Schul' gehen! Oder mahnst du? Soll ma ihn doch
in e andere Schul' einschreiben lassen? Hm?"
Herr Hermann v/ar über die Ablehnung seines Rates
ein wenig verstimmt und erwiderte kurz: „Sali! Tu' wie du
glaubst!" — „Also kann ma mit dir reden?" rief Frau Sali
ärgerlich. „Nein," bestätigte Herr Hermann, „denn m i r
wirst du keine Schuld geben. Tu' wie du glaubst." — „Hermann!
Es is halber achte! Was soll ich tun? Das Kind muß in die
Schul'!" — Herr Hermann strich seinen grauen Vollbart.
Sein Charakter lag schon im Barte. Widerspenstig strebten die
Barthaare nach allen Seiten, als wollten sie sagen: Nur keinen
Zwang! Wir wachsen nach unserem Belieben! „Nu, Her¬
mann?" wiederholte Frau Sali. „Tu' wie du glaubst," rief
Herr Hermann. „M i r wirst du keine Schuld geben."
Frau Sali seufzte und drückte nach kurzer Ueberlegung
den Knopf der Tischglocke. Das Dienstmädchen kam herein
und Frau Sali fragte: „Ist der Gusti schon angezogen?" —
„Ja, Gnä Frau." — „Hat er schon gefrühstückt?" — „Auch."
— „Packen Sie ihm noch eine Buttersemmel ein, Mizzi, und
sagen Sie dem Fräulein, sie soll sich fertig machen, sie wird
den Gusti in die Schul' führen. Ueberhaupt soll er gleich her¬
einkommen zu uns." —
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