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lonien nach Jerusalem und besuchte das von den berühmten
Gesetzeslehrern Schemaja und Abtalion geleitete Lehrhaus,
in das man nur gegen Eintrittsgeld eingelassen wurde. Er
war aber sehr arm und mußte sich als Tagelöhner verdingen.
Sein täglicher Verdienst betrug ein Tropaikon (35 Pfg.),
dessen Hälfte er zum Unterhalte seiner Familie und die andere
zur Entrichtung des erwähnten Eintrittsgeldes verwandte.
Als er aber eines Tages nichts verdient hatte und abends
ins Lehrhaus nicht eingelassen wurde, kletterte er zum Fenster
empor und legte sich in die Lucke desselben hinein, um dem
Vortrage zu lauschen, ohne zu merken, was um ihn vorging.
Es war Winter. Die Schneeflocken fielen dicht auf ihn
nieder, hüllten ihn ein und er erstarrte vor Frost. Am fol¬
genden Morgen, als das Fenster immer dunkel blieb, sah
man an demselben nach, gewahrte den Erfrorenen, holte ihn
herab und rief ihn durch angestrengte Bemühungen zum Leben
zurück. Der Arme studierte weiter und erwarb sich durch
seinen Eifer so reiche Kenntnisse und durch seinen edlen
Charakter so viel Sympathie, daß er einer der gefeiertsten
Lehrer in Israel wurde. Dieser Lehrer, der Präsident des
Synhedrions in Jerusalem, der Sproß eines in Babylonien
heimischen Geschlechtes, das seinen Stammbaum mütterlicher¬
seits auf den König David zurückgeführt hat (Jer. Taanith
4,2) und der Großvater des Synhedrialpräsidenten Gamaliell.,
dessen Schüler der Apostel Paulus war (Ap. Gesch. 22, 3) ist
der Mann, von dem Renan spricht, Hillel „der Alte".
Was die angeführte Erzählung über ihn berichtet, ist
sagenhaft, enthält aber einige Züge, in denen sich die Geschichte
des Judentums seiner Zeit wiederspiegelt. Dasselbe war
damals in gewissem Sinne erstarrt und er hat es, wie der
Talmud (Succa 20) sagt, wieder belebt. Die nationale Kraft
des - jüdischen Volkes, infolge der glänzenden Makkabäersiege
erstarkt, war, seitdem Rom seine eiserne Faust auf Palästina
gelegt hatte, gebrochen. An den Baum des Judentums hatte
sich ein fremdes Reis angesetzt, das mächtig emporwuchernd
später über ihn hinausgewachsen ist und ihn in Schatten ge¬
stellt hat: die griechische Kultur. Dieselbe hatte mit ihrer heitern
Auffassung des Lebens und der freieren weltlichen Gesinnung
in den aristokratischen Kreisen, zu denen die priesterlichen Adels-