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1907) erschienenen Bache „Beruf, Konfession und '
Verbrechen" eingehend ausgeführt habe» j
In allen Untersuchungen, die wir über die Kri- j
minalität von Stadt und Land besitzen, ist nämlich j
nicht berücksichtigt, daß auch die Berufs v er- |
teilung dort dementsprechend eine verschiedene !
ist, daß also ein großer Bruchteil dessen, was man !
auf Konto der Städte buche, sich aus der spezifischen j
Kriminalität der dort vorherrschenden Berufe erklärt, j
(Handel und Industrie). Auf diese Weise würde also j
bei zitfermäßiger Berücksichtigung der Agglomerations¬
kriminalität die Berufskriminaiität zum zweiten
Male in der Soll-Kriminalität zum Ausdruck kommen,
was natürlich vermieden werden muß.
Einen Ausweg gäbe es allerdings aus diesem
Dilemma. Wenn das kaiserlich-statistische Amt sich
entschließen könnte, Untersuchungen hinsichtlich d«r
Kriminalität in Stadt und Land iti Kombination mit
der Berufsgliederung anzustellen, dann wäre es mög¬
lich, unter Berücksichtigung der spezifischen Krimi¬
nalität der einzelnen Berufe den genannten Fehler zu
vermeiden. Doch das ist Zukunftshotfnung, die sich b^i
der Art, wie von der leitenden Stelle bisher diese Fragen
aufgefaßt wurden, kaum so bald verwirklichen wird.
München. Dr. Eudolf Wassermann. :
i
Dr. Arnold Wadler. Die Verbrediensbeioegiing !
im öftlidien €uropa. Bd. I. Die Kriminalität der Bai- j
Kanländer. (München, Hans Sachs-Verlag 1908). j
Das vorhegende Werk ist für den jüdischen Stati- I
stiker nicht nur deswegen von Interesse, weil es wertvolles j
Material über die Kriminalität der juden in der Südost' j
ecke Europas gibt, sondern auch deshalb, weil es dem ;
Kriminalitätsstatistiker eine neue Welt erschließt, ohne \
deren Kenntnis auch die Spezialgebiete nicht in voll- j
kommener Weise angebaut werden können. j
Müchen. Dr. R. Wassermann.
Prinzing. Handbuch der medizinischen Statistik, j
Jena 1907, Gustav Fischer, Preis M. 16,25 (gbd.) !
Bracheiii -Juraschek. Die 5faafen €uropas, j
Brünn 1907, Friedrich lrrgang, Preis ca. 32,— M. (gbd.)
Prinzing, dem die Bevölkerungsstatistik schon bisher
viel verdankte, sagt auf Seite 10 des hier zu referierenden
Werkes „Die Seele der Statistik ist der Vergleich, ohne
diesen ist sie ein lebloser Körper". Dem ist in der Tat
so, und so wird es den Lesern dieser Zeitschrift begreiflich
erscheinen, daß auch an dieser Stelle auf zwei bedeut¬
same Werke hingewiesen wird, die, wiewohl sie auch
ein paar Daten zur jüdischen Statistik bringen, doch in
erster Linie wegen des zu Vergleichen ungemein wert¬
vollen allgemeinen Materials, das sie enthalten, für
den Forscherkreis, der in dieser Zeitschrift seinen Mittel¬
punkt hat, von praktischem Nutzen sein werden.
Das Prinzingsche Buch zeigt uns auch so recht,
wie viele Gebiete unserer Forschung brach liegen und
wie speziell die jüdische medizinische Statistik über ihre
Anfänge noch recht wenig weit hinausgekommen ist.
Unter „medizinischer Statistik" verstehen wir dabei mit
Prinzing die „exakte zahlenmäßige Untersuchung der
pathologischen Erscheinungen der menschlichen Gesell¬
schaft", wozu natürlich auch eine Erforschung der
Ursachen der Häufigkeit ihres Eintretens zu treten
hat. Daß diese medizinische Statistik tatsächlich eine
eigene Wissenschaft ist, hätte Prinzing nicht besser
darzutun vermocht als durch sein Werk, in dem er ihr
gleich ein würdiges Monument errichtet hat.
Das Werk von Brachelli-Juraschek hat allgemeinen
Charakter. Es ist so bekannt als schätzbares Nachschlage¬
werk, daß zu seiner Empfehlung genügen würde, daß es
sich auch in der neuen Auflage als gleich brauchbar wie
früher erweist. Der wesentlich erweiterte^ Inhalt umfaßt
jetzt eine bündige und zuverlässige Darstellung des sozialen,
wirtschaftlichen und politischen Lebens in Europa. Dem
entsprechend werden in den einzelnen Abschnitten der
Territorialbestand der Staaten, der Bestand und die
Entwickelung ihrer 1 Bevölkerungen, das intellektuelle und
sittliche Leben der Völker, die wirtschaftlichen Zustände
in der Land- und Forstwirtschaft, der Jagd und Fischerei,
des Bergbaues,der Industrie und des Gewerbes sowie
des Handels gebracht und außerdem noch kursorisch
das gesamte politische Leben behandelt.
Beide Werke sind zur Anschaffung sehr zu empfehlen,
sie bilden neben der v. Mayerschen Statistik den Grund¬
stock einer statistischen Bibliothek.
Dr. Rudolf Wassermann.
Zeitschrift für Rdigionspsychologie Grenzfragen
der Theologie und Medizin. Band I, Heft 1-7
Herausgegeben unter Mitwirkung einer großen Anzahl
von Gelehrten von Oberarzt Dr. Bresler.
Seit Kurzem erscheint im Verlag von Marhold eine
neue Monatsschrift, von der sicher auch die Forscher
auf dem Gebiet der Demographie der Juden manche
wertvolle Anregung erhalten werden. Umfasst doch der
Arbeitsplan dieser Zeitschrift dreierlei:
1. Tatsachen der Individual- und Sozialpsychologie,
Entwickelung und Verhalten des religiösen Lebens bei
beiden Geschlechtern, in verschiedenen Lebensaltern,
einzelnen Schichten der Bevölkerung unter dem Einfluß
von körperlichen Krankheiten, Klima, Trunk, Not,
Haft u. s. f.
2. Die Anomalien des religiösen Lebens, sowohl die
hypernormalen Steigerungen und Schwankungen, als auch
das hypernormale Fehlen, Darniederliegen, seine Äuser-
ungen bei Geistesstörungen.
3. Die Pflege und Lehrbarkeit einer Religion, Er¬
mittelung der Gesetze einer gesunden Religionspflege
(Psychogogii der praktischen Theologie).
Aus dem bisherigen Inhalt heben wir zwei Aufsätze
ganz besonders hervor. !n dem einen (Religiöses Schuld¬
gefühl) stellt Bresler eine interessante Theorie auf, wo¬
nach der ausgeprägte depressiv-pessimistische Volks¬
charakter der Juden in Zusammenhang mit ihrer schon
in vorgeschichtlicher Zeit relativ erheblichen Veranlagung
zu geistigen und nervösen Erkrankungen stehe, der
andere hat Julius Lange zum Verfasser und behandeit
„Die Antipathie des altjüdischen Volkes gegen Bilder".
München. Dr. R. Wassermann.