IX. Jahrgang. Allgemeine No. SS.
Zeitung des Audenthmns.
Eio
«»parteiisches Orga» für alles jüdische Interesse.
Redakteur Verlag von
Dr. Ludwig Philippson, Baumgärtners Buchhandlung
Rabbiner zu Magdeburg. zu Leipzig.
(Mit König!. Sächsischer allergnädigster Konzession.)
Leipzig, den 16. Juni 1845.
Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Montags, und wird jährlich 98 Nogen in Quart inkl. des Titels, Registers u. s. w.
umfassen. In Gemäßheit des Zweckes derselben die allgemeinste Verbreitung zu geben, ist der Preis äußerst niedrig-
mit 3 Thlr. für den Jahrgang; — 1 Thlr. 15 Rgr. (1 Thlr. 12 gGr.) für sechs Monate — 22£ Ngr. (18 gGr.) für das Vierteljahr
angesetzt worden. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungsexpeditionen nehmen Bestellungen an; der,Hauptspedition für beide Letztere
hat sich die König!. Sächs. wohllöbl. Zeitungs-Expedition allhier unterzogen.
Inhal t.
Leitende Artikel: Der Sieg. — Was und wie im
Judenthume resormirt werden soll? (Fortsetzung).
Zeitungsnachrichten: Frankreich: Paris. Oester¬
reich: Prag, Pesth. Deutschland: Darmstadt, Stutt¬
gart, Frankfurt am Main, Frankfurt am Main. Preu¬
ßen: Breslau, Berlin, Berlin, Berlin, Berlin.
Literarische Nachrichten: Thorn. — Notizen.
Leitende Artikel.
Magdeburg, 8. Juni.
Der Sieg.
Wenn wir eine Reihe von Jahren durchschritten ha¬
ben, welche die Sache unsrer bürgerlichen Gleichstellung
nur wenig förderten, so können wir das Jahr
1845
in sehr vielen Resultaten als ein Jahr siegreicher
Förderung unsrer Angelegenheit schon jetzt, wo noch
nicht einmal die Hälfte desselben entschwunden ist, be¬
grüßen.
Die vielen Petitionen der bedeutendsten Städte Preu¬
ßens um völlige bürgerliche Gleichstellung der Juden;
das Votum der rheinischen Landstände; die Vota der
preußischen, märkischen, schlesischen, posenschen Landstände;
die Aufhebung des sogenannten Napoleonischen Wucher¬
gesetzes in Rheinpreußen, so wie aller Handels- und Ge-
werbebefchränkungen der Juden in Preußen durch die
neue Gewerbeordnung; die Debatten und das Votum des
englischen Oberhauses; die Entscheidung der brauuschwei¬
ger Regierung, daß die Juden zu allen ständischen und
städtischen Wahlen gleichberechtigt sind; die bisherigen
Debatten in der würtemberger Kammer sind Sterne, die
sich zu einem herrlichen Kranze vereinen. Hierzu ist in
den jüngsten Tagen abermals eine Thatfache gekommen,
die sich in folgenden Artikeln ausspricht:
Mainz, 19. Mai. Vor wir liegt der gedruckte
Bericht des zweiten Ausschusses der zweiten hessischen
Kammer über den Antrag des Abg. Glaubrech, die Auf¬
hebung des Judenpatents in Rheinhessen betreffend. Der
Bericht ist erstattet vom Abg. Lotheisen, und es verbrei¬
tet sich derselbe über die totale Zwecklosigkeit dieser Aus-
uahmsmaßregel aus der Zeit der Fremdherrschaft, dessen
schwacher, Isehr prekärer Nutzen zehnfach aufgehoben wird
von dem Rachtheile, den dieses Patent den Geschäften in
Rheinhessen überhaupt und den redlichen jüdischen Han¬
delsleuten insbesondere zufügt. Der Bericht schließt:
„Nach allem An- und Ausgeführten glaubt der zweite
Ausschuß, die vorliegende Motion zur unbedingten An¬
nahme einer verehrlichen zweiten Kammer empfehlen zu
müssen." Wir haben die Gewißheit, daß bei der Ver¬
handlung in der Kammer die große Mehrheit der De-
putirteu sich in demselben Sinne auSsprecheu wird. Daß
aber die Staatsregierung, die so milde und gerecht gegen
die Juden sich zeigt, einem solchen für die Juden so ehren¬
haften Votum nicht willfahren sollte, läßt sich kaum denken.