No. 50 .
Allgemeine
IX. Jahrgang.
Zeitung des AudenLhums.
. Ein
unparteiisches Drgan für alles jüdische Interesse.
Redakteur Verlag von
Dr. Ludwig Philippson, Baumgärtners Buchhandlung
Rabbiner zu Magdeburg. ZU Leipzig»
(Mit König!. Sächsischer allergnädigster Konzession.)
Leipzig, den 8. Dezember 1845.
Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Montags, und wir- jährlich 96 Bogen in Quart inkl. des Titels, Registers u. s. w.
umfassen. In Gemäßheit des Zweckes derselben die allgemeinste Verbreitung zu geben, ist der Preis äußerst niedrig-
mit 3 Thlr. für den Jahrgang; — 1 Thlr. 15 Ngr. (1 Thlr. 12 gGr.) für sechs Monate — 22£ Ngr. (18 g<8r.) für das Vierteljahr
angesetzt worden. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungsexpeditionen nehmen Bestellungen an; der Hauptspedition für beide Letztere
hat sich die Königl. Sächs. wohllöbl. Zeitungs-Expedition allhier unterzogen.
I uh a l U
Leitender Artikel r Rußland und die Juden. (Schluß.)
Zeitungsnachrichten r Deutschland: Frankfurt a. M.,
Frankfurt a. M., auö dem Badischen, aus dem Badischen.
. Preußen:Breslau,Berlin. Die Schweiz: St.Gallen.
Personal- und Lokalnachrichten: Meiningen.
Literarische Nachrichten: Magdeburg, Magdeburg, Magde¬
burg, Magdeburg, Magdeburg.
L ortend er Artikel.
Magdeburg, den 1. Dezember.
Rußland und die Juden.
" . ^ (Schluß.) .
Aber noch einen Punkt haben wir zu besprechen, und
wenn wir' auch nicht hoffen können, daß unsre Betrach¬
tungen und Aussprüche irgend eine Berücksichtigung finden,
so ist es doch nothwendig, um diese Angelegenheit.voll¬
ständig in's Auge zu fassen, auch dies hervorzuheben —
wir meinen das Interesse Rußlands selbst.
Sehen wir jetzt davon ab, daß es dem Staate nie¬
mals eingeräumt werden kann, das Recht zu haben, alle
seine Glieder zu einem Glaubensbekenntniß zu zwingen,
daß es den Menschen zu einer todten, aller Persönlich¬
keit beraubten Sache erniedrigen heißt, wenn man ihn
auf jede Weise zur Verleugnung seiner Ueberzeugung zu
bringen, berechtigt zu sein glaubt, und daß weder die'
höhere noch die gewöhnliche Politik dies gestatten könne
— kann es, fragen wir, im eigenen Interesse Rußlands
liegen, die zwei Millionen Juden durch gewaltsam drän¬
gende Maßregeln zur russisch-griechischen Kirche zu bringen?
Alle, in der Geschichte bis jetzt vorgekommenen der¬
artigen Bestrebungen, von Antiochus Epiphanes an bis
auf die spanische Inquisition sind nicht allein mißlungen
in ihren Erfolgen, sie sind auch höchst unglücklich in ihren
Wirkungen gewesen,'und haben sich nicht als dauernde
Werke, sondern als solche, die den Todeskeim in sich tra¬
gen, dokumentirt, denn selbst, wo sie'gelangen, wie in
Spanien, sind sie unter den fürchterlichsten Zuckungen bald
über ihre eigenen Füße gefallen und zertrümmert. Will
man von der Geschichte niemals lernen?
Wir wollen einmal den Zweck Rußlands als wirklich
erreicht voraussetzen, was wird daraus entstehen? Indem
eine ungeheure Menschenmasse in die eine Kirche hinein¬
gezwungen worden, kan« nur Zwiefaches daraus entstehen:
entweder eine allgemeine Verdumpfung, oder eine Zer¬
setzung von innen heraus. Wenn die Gewalt alle Re¬
gung und Bewegung im Menschengeiste unterdrückt hat,
wenn ihr dies wirklich gelungen ist, wenn also aus der
großen Menschenmasse nur eine tobte Steppe, in der alle
Keim- und Treibkraft versteint ist, geworden, wenn Alles
todt- nud dumpf geworden, daß nur eine allgemeine Kry-
ställisation nach, von ehernen Tafeln genommenen Gesetzen
stattfindet: siehe, so werden die Stützen und Säulen des
ganzen Gebäudes morsch und faul, und bei dem ersten
Sturme von außen stürzt es über einander:' denn die
Verwesung giebt keinen Halt gegen das Leben. So
lange eine Kirche streitend ist, so lange sie andere, ge-