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der Träger sein sollte, Ln ihrer nieder» Bedeutung beließ.
Daher heißt es zwar: der Herr sprach: es werde Licht und
es ward Licht, aber auch: sechs Tage machte er Himmel
und Erde und am siebenten Tage hörte er auf und er¬
holte sich, wobei der Talmud die Frage, was Gott
seitdem ihue, nicht nur aufwirft, sondern sie auch be¬
antwortet. Ebenso wie die Allmacht Gottes ist seine
Liebe nicht frei von den Schlacken niederer Anschauungen.
So übet Gott Barmherzigkeit, aber auch Rache; er hand¬
habet Gerechtigkeit sonder Bestechung und doch wählt er
ein versunkenes Volk vor allen anderen Völkern sich aus,
weil er an ihren Vätern Wohlgefallen gefunden; er be¬
wahret zwar die Gnade bis in's tausendste Geschlecht, ist
aber auch eifervoll und ahndet die Schuld der Väter an
den Kindern und dem dritten und vierten Geschlechte.
Jedoch sinden wir auch die Heiligkeit Gottes ausgesprochen,
worin seine Unzugänglichkeit und Unachtbarkeit für die
Sünde ausgedrückt ist.
Die heidnische Beimischung des Judenthums nun suchen
unsere nachmosaischen Lehrer immer mehr aus demselben zu be¬
seitigen. In den Propheten, besonders in Jesaias, Jeremias
und den Psalmen, die wir für unfern Zweck wol auch
zu den Propheten zählen können, wird die Allmacht, All¬
wissenheit und Allgegenwart Gottes schon vielfach in er¬
greifender Weise geschildert; doch bleiben diese Eigenschaften
uoch immer mehr nur äußerliche Attribute Gottes, ohne
daß sie zur engen Sittlichkeitsidee zusammenschmelzen. Der
Talmud hat sich nicht mit der Ausbildung der eigentlichen
Lehre des Judenthums, sondern nur, wenigstens seinem
überwiegenden Bestandtheile nach, mit der genauem Be¬
stimmung des Gesetzes beschäftigt und bildet zwar eine
nothwendige Stufe unserer religiösen Entwickelung, erman¬
gelt aber einer tiefem Auffassung und Begründung des
biblischen Lehrgehalts. Dagegen dringen unsere nachtal-
mudischen Weisen auf eine höhere Auffassung der göttlichen
Allmacht und Liebe, und wir finden daher auch eine solche
höhere Auffassung besonders in Maimuni, Spinoza und
Mendelsohn. Und fragen wir uns doch selbst! glauben
wir wol an einen Gott der Rache, des Schreckens und
der Furcht, oder an einen Gott der Barmherzigkeit, an
einen Gott, der das Weltall mit seiner Liebe umfängt,
der nicht bloß Liebe übt, sondern selbst die Liebe ist?
Können wir wol von unserm allmächtigen Gotte glauben,
daß ihm die Weltschöpfung so viel Mühe und Anstrengung
gekostet habe, daß er der Ruhe und Erholung bedurfte?
Oder fragen wir unsere geistlichen Führer, ob sie einen
solchen Glauben dem Judenthum für angemessen halten?
Wir müssen daher die göttlichen Eigenschaften der Allmacht
und der Liebe mit derselben geistigen Strenge und Konse¬
quenz auffassen, wie die Einheit, Unendlichkeit und Un-
körperlichkeit; wir sagen, mit derselben geistigen Strenge
und Konsequenz, damit wir nicht wie der Jslam und das
Christenthum mit der andern Hand nehmen, was wir mit
der einen geben, daß wir der Freiheit Gottes nicht ein
Fatum, dem Gott der Liebe keinen Satan, dem Reich der
Liebe keine Holle an die Seite setzen.
Anzeiger.
In demselben werden Annoncen aller Art gegen I^Ngr. (I gGr.) {
Gebühren für die gespaltene Zeile aus Petit-Schrift oder deren
Raum sowie literarische, merkantile u. a. Beilagen ausgenommen.
Die Verlagshandlung.
Vakanz.
Mit ta P‘ , K HS b. I. wird die Stelle des Vor¬
beters und Schächters bei der hiesigen jüdischen Gemeinde
vakant. Individuen, die hinlängliche musikalische Kennt¬
nisse besitzen, um Synagogen-Gesange mit Chor vorzu¬
tragen, die hebräische Sprache mindestens grammatikalisch
lesen können, und über ihre religiöse und moralische
Führung mit guten Zeugnissen versehen sind, wollen sich
baldigst zur Probeablegung hier einsinden. Wir bemer¬
ken, daß obgleich das sixirte Gehalt nur 200 Lhaler be¬
trägt, wir dennoch ein jährliches Einkommen von 400
Thalern zusichern können. Reisekosten werden nicht ver¬
gütet.
Graudenz in Westpreußen, den 9.Dezember 1845.
Der Vorstand.
Herrmann Lachmann, Moritz Hirsch¬
berg, Wolf Bohm.
Anerbieten.
Ein von einer preußischen Regierung geprüfter Lehrer
(Staatsbürger), der außer den gewöhnlichen Schulgegen¬
ständen auch im Hebräischen und im Französischen gründ¬
lichen Unterrcicht ertheilen und zugleich das Amt als
Kantor und Schächter (letzteres nur ungern) mit über¬
nehmen kann, wünscht zu Ostern oder Johannis 1846
in einer ansehnlichen Gemeinde angemessen placlrt zu
werden. Derselbe hat eine regelmäßige Gymnasialbildung
genossen, in gedachten Eigenschaften bereits seit einer Reihe
von Jahren fungirt, besitzt auch hinlänglich musikalische
Wissenschaft, als Kanror einen Chor zu leiten und ist
auch im Stande, bei mäßigen Ansprüchen, gottesdienst¬
liche Vorträge zu halten.
Sehr vortheilhafte Zeugnisse können bekgebracht werden.