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rung auf Einer Stufe; was sie aber auch im Vater¬
lande getrieben haben mögen, welches Handwerk, welche
Kunst, es bleibt sich gleich, in Amerika, wo sie wäh¬
len dürfen, greisen sie nach dem Handel und werden
mit sehr wenigen Ausnahmen Kaufleute, oder geht
das nicht, Krämer und Hausirer, wie man sie dort
nennt „Pedlars". Zwar ist ein kleiner Theil dieser
Pedlar, wie schon gesagt, Christen, ein anderer besteht
aus Amerikanern, doch dieser sind so wenige, und sie
verlieren sich so unter der Masse, daß sie kaum einer
Erwähnung bedürfen.
In einem der Seehäfen angekommen, besteht ihre
Baarschaft (denn wir haben es hier mit den wan¬
dernden Krämern, also der ärmern Klaffe zu thun)
gewöhnlich noch aus wenigen Dollars, mit denen sie
denn auch nicht säumen, ohne weitern Zeitverlust „ein
Geschäft zu beginnen". Ein schmaler Korb (zum
Umhängen) wird vor allen Dingen angeschafft, da¬
hinein ein kleiner Vorrath von etwas Brod und Zwirn,
einige Kämme und Zahnbürsten, Hosenträger und
Zahnstocher, wunderbar schimmernde Hemdknöpfchen
und Näh- und Stecknadeln und andere derartige Sa¬
chen gekauft, und der Weg zu ihrem Glücke ist ge¬
bahnt.
Noch versteht der angehende Kaufmann keine Silbe
von der Sprache des Landes, das er jetzt zu seiner
Heimath gemacht hat, ye8 und no und noch ein Paar
kleine Hilfswörter, wie very cheap (sehr billig) und
very gooä (sehr gut) ausgenommen, mit einer liebens¬
würdigen Dreistigkeit aber sucht er vorzüglich die ame¬
rikanischen Hauser auf (denn die Deutschen selbst sind
schlechte Kunden) und knüpft hier mit der Hilfe von
solch barbarischen Wörtern und lebensgefährlichen Gesti¬
kulationen ein Gespräch an, daß die Leute, wenn sie
nicht den ohne alles Weitere Eintretenden beim ersten
Anlauf aus der Thüre werfen, sehr häufig geneigt
sind, «ine Kleinigkeit zu kaufen, die sie natürlich im
Leben nicht benutzen können, blos um das Mienen-
und Gebärdenspiel wie die außerordentliche Unterhal¬
tung des „jungen Amerikaners" eine kurze Zeit zu
genießen.
Das dauert aber nur wenige Monate, in fast un¬
glaublich kurzer Zeit lernt der Pedlar die Landessprache
wenigstens so weit, daß er sich verständlich ausdrücken
kann, und nun beginnt das eigentliche Leben desselben.
Wie der Schmetterling aus der Puppe, so kriecht er
mit seinem mächtigen Packen und einem tüchtigen
Wanderstab versehen aus den Straßen der engen Stadt
hervor und flattert, wenn man überhaupt mit einem
Waarenballen von einigen 60 Pfund auf den Schul¬
tern flattern kann, hinaus in's Weite, den fernwoh¬
nenden Farmern das an Herrlichkeiten zuzutragen, was
er entweder auf Auktionen mit baarem Gelbe einge-
kaust, oder von bekannten Kaufleuten auf Kredit er¬
halten hat.
In dem Staat, in welchem er Handel treibt, muß
er freilich eine bestimmte Taxe, sogenannte Liccnce ent¬
richten, weiter ist er aber auch an Nichts gebunden,
und kann an Waaren ausbieten, was ihm nur immer
und wo es ihm beliebt, deshalb haben sie sich auch
über die ganzen östlichen, südlichen und mittleren Staa¬
ten ausgebreitet, und nur die ganz westlich liegenden
größtentheils den Amerikanern überlassen, da dort die
Gegend noch zu unbebaut ist, und ihnen der Anblick
von wilden Thieren, die wenn auch einzeln, doch dann
und wann umherstreisen, keineswegs zu behagen scheint.
Natürlich wählt sich der Pedlar stets den Strich
Landes, auf welchem die meisten Ansiedelungen liegen
und der noch am Wenigsten von seinen Kollegen heim¬
gesucht ist, dort geht er dann von Farm zu Farm
und fragt, ob die Jnwohnenden Etwas von Waaren
nöthig haben. Gewöhnlich lautet die Antwort „nein".
Da aber der Mann selten zu Hause ist und die Frauen
stets — gerne sehen möchten, was der Krämer denn
eigentlich in dem großen schweren Packen für Kost¬
barkeiten verborgen trägt, so erhält dieser leicht die
Erlaubniß, seinen Ballen zu öffnen und seine Waa¬
ren auszubreiten. Erhält er die übrigens auch nicht,
so bleibt sich das im Grunde dennoch gleich, denn
öffnen thut er ihn doch, und seine Sachen zeigt er
auch vor, ehe er geht, Stück für Stück, ob er nun
freundliche oder mürrische Zuschauer um sich sieht.
Das Ausbreiten der Waaren in einsamer, den
Städten fernliegender Hütte, hat aber seinen doppel¬
ten Nutzen, erstlich sehen die Bewohner derselben so
viele Sachen, welche sie gut gebrauchen können, ja
deren sie wol gar nothwcndig bedürfen, vor sich und
werden dadurch an manche Kleinigkeit erinnert, die sie
sonst vergessen hätten, und dann gewinnt auch die
Maare selbst, in der unscheinbaren niedern Hütte, auf
dem rohen Holztisch, in der ganzen hausbackenen Um¬
gebung zur Schau gestellt, ein ganz anderes Ansehen.
Wie verführerisch glänzen die schildpattähnlich gemal¬
ten Hornkämme von dem schlauen Krämer gegen den