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Napoleon Spanien, Holland, Neapel und einen großen
Theil Deutschlands seinen Brüdern und seinem Schwager
als Basallenreiche.verlieh, dann Holland und Italien,
ein Stück ^Deutschland und die Ostküste des adriatischen
Meeres zu" Frankreich schlug, mit den Völkern wie mit
Heerden Schlachtvieh umging, sie bald diesem bald jenem
Herrscher ganz oder stückweise zuwarf, ihre Jugend und
ihre materiellen Kräfte willkürlich seinen Plänen opferte,
um ganz Europa unter feine Botmäßigkeit zu bringen?
Wir geben zu, daß die durch Napoleon bewirkte Durch-
schüttelung Europas viel dazu beitrug, um aus den Staa¬
ten und Völkern veraltete Einrichtungen zu beseitigen
und den erstarrten Geist zu wecken — aber welches un¬
mittelbare Gut brachte er ihnen? Nicht die Freiheit, we¬
der die des Volkes noch die persönliche, das wird Nie¬
mand dem napoleonischen Regime zuschreiben; nicht die
Achtung und die Selbständigkeit der Nationalitäten, denn
diese trat er mit Füßen, und selbst Italien und Polen
behandelte er geradezu mit Hohn. Es bleibt nur eins
übrig — die Gleichheit, die Gleichheit des Cäsarismus,
und wie in Frankreich, so sollte aus allen europäischen
Nationalitäten nur ein europäischer Volksbrei gemacht
werden. Nichts regte den ersten französischen Kaiser mehr
auf, als jede Regung des Nationalgefühls; gegen dieses
kannte er keine Schonung, keine Nachsicht. Und welch
Zeugniß von. ihrer Befriedigung gaben dann auch die
Völker Europas! Der Krieg der Portugiesen und Spa¬
nier gegen die Franzosen auf Tod und Leben; die Ver¬
wüstung, welche die Russen in ihrem eigenen Vaterlande,
in ihrer eigenen Hauptstadt anrichteten, um Napoleon
die Existenz in ihrem Lande unmöglich zu machen; die
Erhebung des deutschen Volkes gegen das Fremdenjoch
sind ,Zeugen, deren Stimme-durch die Geschichte laut
wiederhallt. Und dies sollen „die Verschworenen Euro¬
pas gegen Napoleon", die Freiheitskriege nichts Anderes
als die Meuchlerdolche des Brutus, des Cinna und ih¬
rer Genossen sein? Wer hatte Napoleon gezwungen,
seine Heere nach den Eisfeldern Rußlands zu führen?
Waren es nicht gerade die Fürsten, welche auch nach der
Vernichtung der großen Armee in Rußland zögerten und
zögerten, den Kampf gegen Napoleon zu beginnen und
fast von ihren Völkern dazu gezwungen wurden? Der
König von Preußen schwankte und zauderte lang, der
Kaiser von Oesterreich unterhandelte Monate lang, die
sächsischen Truppen gingen erst auf dem Schlachtfelde
wider den Willen ihres Königs über. Dies kann man
Me „Verschworene" nennen, ohne sich an dem geheilig¬
ten Rechte der Nationen zu versündigen, und sich selbst
zum Mitverschworenen gegen jede Selbständigkeit und
Unabhängigkeit der Völker zu machen. Allerdings sind
die Acten über die Geschichte Napoleons noch nicht ge¬
schlossen und der weltgeschichtliche Spruch noch lange nicht
bis zur Publication des Erkenntnisses reif. Aber keinen-
falls darf der Vertheidiger sich auf diese Weise zum öf¬
fentlichen. Ankläger machen. Jndeß bricht die Wahrheit
stets auch durch die Worte dessen, der sie verhüllen will,
unbewußt durch. Der Verf. meint, daß die Feinde Na¬
poleons „sich mit der Maske der Freiheit bedeckt" hätten.
Also gesteht er selbst, daß es doch der Ruf der Freiheit
gewesen, dem die Völker damals in den Kampf gefolgt,
daß ihre Führer das Banner der Freiheit den Völkern
vorantrugen, und in . diesem Namen die Nationen gegen
das erste Kaiserreich stritten. Daß nach der Meinung
des Verf. dies von seiten dieser Führer nur eine Maske
gewesen, thut zur Sache nichts: der Neffe gesteht selbst
ein, daß die Nationen in seinem Oheim den Feind ihrer
Freiheit sahen. Es gibt für die Völker eine äußere und
eine innere Freiheit. Ein Volk will nicht, daß seine Fe¬
stungen von den Soldaten eines anderen besetzt, seiner
Industrie von einem anderen Vorschriften gegeben und
Gewalt angethan, seine Jugend einem anderen dienst¬
pflichtig, seinem Geiste von einem anderen der Weg de-
cretirt und ihm Gesetze von dem Herrscher eines anderen
auferlegt werden. Hiergegen erhebt es sich und erkämpft
sich seine äußere Freiheit, d. i. Unabhängigkeit und Selb¬
ständigkeit. Diese wurde jedenfalls durch die Freiheits¬
kriege errungen. Was nun die innere Freiheit betrifft,
so mag sie immerhin nach jenen Kriegen von den Für¬
sten behindert und aufgehalten worden sein: die innere
Freiheit eines Volkes ist kein Geschenk eines Genies und
keine Gabe eines Fürsten —sie muß von jedem Volke
im Schweiße seines Angesichts erarbeitet werden, sie ist
kein Besitzthum, das in den Schoß fällt, sie ist stets nur
ein Werk der Entwickelung.
Aber der Verf. sieht in dem Sturze Napoleon's wie
in dem Tode Cäsar's noch etwas Anderes, gewissermaßen
eine Sünde gegen den heiligen Geist, eine Sünde gegen
das Genie. Er verlangt von den Völkern, daß sie das
Genie ungehindert walten lassen und sich ihm willig
unterordnen. Er schmäht auf diejenigen, welche sich in
der Anerkennung des Genies nicht begeistern, preist die
Völker glücklich, die sich der Leitung des Genies über¬
lassen und nennt die blind und schuldvoll, welche sich
ihm piderseM, Pies ist, mindestens gesagt, eine sehr