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erkannt, und für den Kreis Derer^ die sich die Ohren verstopfen, ist
alles Rufen vergebens.
Da wir nun aber einmal bei dem Thema der verjudeten Welt
sind, so möchten wir unseren Antisemiten ein sehr wichtiges Geheimniß
verrathen. Wir wünschen nämlich nichts sehnlicher, als daß ihre
Behauptung wirklich wahr wäre. Ja, es ist unser aufrichtiger
Herzenswunsch, daß die ganze Welt verjudet wäre, und gern geftatteu
wir allen autisemitischell Blättern auf dem weiten Erdenrund, dieses
unser Herzensgeheimniß zu verrathen und allen ihren getreuen Lesern
auf die wohlverzierte Sonntagsschüfsel zu setzen.
Allerdings denken wir uns die Verjudung der Welt etwas,
anders als unsere lieben Antisemiten^ Sie ist für uns gleichbedeutend
mit der Verheißung, die schon in der Urzeit an-unseren Stamm¬
vater Abraham ergangen ist: „Durch dich sollen gesegnet werden
alle Geschlechter der Erde." (Gen. 12, 3.) Sie ist für uns enthalten
in den erhabenen. Gesichten unserer Propheten, die jene Zeit ver¬
künden, wo „die Erde so voll sein wird von der Erkenntniß Gottes,
wie das Wasser den Meeresgrund bedeckt," wo nur Recht und Ge¬
rechtigkeit, Wahrheit und Freiheit auf der ganzen Erde herrschen und
„die Völker zu Israel sprechen werden: „Kommt, laßt uns mit . euch
wandeln im Lichte des Ewigen!" (Jes. 5, 2.)
So denken wir uns die Verjudung der Welt. Und indem wir
unseren Gegnern freiwillig unser vieltausendjähriges Herzensgeheimniß
verrathen mit dem Wunsche, daß sie es dem Heerbann ihrer Ge¬
treuen weiter erzählen, setzen wir dabei voraus, daß sie auch die
Begründung dieses Geheimnisies und die Art, wie wir uns die
Verjudung der Welt denken, ihnen mittheilen. Am Ende kommen
wir auf diesem Wege gar noch zu einer Verständigung.
Me Mache.
Berlin, 7. Oktober.
er nationalliberale Parteitag, der hier Anfangs der
Woche versammelt war, hat sich zwar nicht in einer besondern
Resolution, wie es zu wünschen gewesen wäre, wohl aber
durch zwei seiner hervorragendsten Führer ziemlich entschieden gegen
den Antisemitismus ausgesprochen. Und es ist keine Stimme laut
geworden, die auch nur schüchtern für jene Partei eingetreten wäre.
Das ist eine erfreuliche Thatsache. Wenn wir gleichwohl eine ent¬
schiedene Resolution gewünscht hätten, so geschieht dies einfach aus
dem Grunde, weil eine solche dem nationalliberalen Heerbann im
Lande bei Wahlen die nothwendige Direktive gegeben und gewisse
Alliancen verhindert hätte, die bisher wahrlich nicht zum Vortheil
der Nationalliberalen in verschiedenen Wahlkreisen abgeschloffen
worden sind.
' *
Eine interessante Notiz ging in dieser Woche durch die Tages¬
blätter. Sie lautete folgendermaßen:
„Der bekannte Professor der Nationalökonomie Lujo Brentano
in München hat gegen den Universitätsprofesior Krasnopolski in
Prag eine Klage wegen Beleidigung erhoben. Bei der Interpellation des
Eherechts im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch hatte Brentano den liberalen
Standpunkt vertreten und u. a. die Ehen jener katholischen Geistlichen
mit höheren Weihen, die aus der Kirche ausgeschieden sind, für giltige
Ehen erklärt, während Krasnopolski solche Ehen dem Konkubinat gleich¬
gestellt wissen wollte. Die Polemik nahm immer schärfere Formen an
und führte zu einer Broschüre Krasnopolskis, durch die Professor
Brentano sich beleidigt fühlt."
Warum wir diese Notiz hier zitiren? Nun, Brentano ist Christ
und Krasnopolski ist Jude. Mögen aus diesem Vorfall alle
Diejenigen, welche den Juden die Berechtigung und auch die Ob¬
jektivität abzusprechen wagen, an Universitäten und Gymnasien jene
Disziplinen zu lehren, die in irgend einer Weise mit der Geschichte ,
und Dogmatik des Christenthums Zusammenhängen, erkennen, auf
welcher Seite die wahre wiffenschaftliche Unbefangenheit und strenge
historische Objektivität wirklich herrschen.,
- *
Die Wiener Antisemiten holen zu einem Hauptschlage gegen
die Juden, und zwar die allerärmsten unter denselben, aus. In einer
der letzten Sitzungen des Gemeinderathes kam der Antrag eines Herrn
Wessely auf Aufhebung des Hausirhandels für den Bereich der
Stadt Wien zur Berathung. Dem Antrag liegt ein recht merkwürdiges
Gutachten der Wiener Polizeidirektion zu Grunde. Dasselbe
läßt einen Blick in die gegenwärtig Oesterreich beherrschenden Ten¬
denzen thun.. Sechs Punkte zählt das Polizei-Gutachten. Zunächst
wird angeführt, daß Wien keine Hausirer nöthig habe. Dann werden
die Hausirer so ziemlich den Landstreichern gleichgestellt. Der dritte
Punkt sieht im Hausirwesen eine Begünstigung der Waarendiebstähle
durch Angestellte. Nummer vier ist für die Miethparteien in den
Häusern besorgt, die durch das Thüröffnen und Klopfen belästigt
werden, und beklagt es gleichzeitig, daß durch die vielen Hausirer die
polizeilichen Recherchen in Verbrechensfällen erschwert werden, weil
zur kritischen Zeit mehrere Personen an dem Orte der
Nachforschung gesehen worden sind. (Ist das nicht köstlich?)
Punkt fünf sagt beiläufig daffelbe, wie Punkt zwei. Am
bemerkenswerthesten ist aber noch der sechste Punkt. Nach
dem am Anfänge desselben die Nothwendigkeit eines ausnahmeweisen
Hausirhandels „für Personen, welche nicht die Mittel und zu einem
anderen Erwerbe nicht die geistige oder körperliche Tauglichkeit haben
und in Wien das Armenrecht besitzen", zugegeben ist, fährt der Gut¬
achter folgendermaßen fort: „Gegen den Fortbestand des Hausir¬
handels in Wien muß speziell der. Umstand geltend gemacht werden,
daß sich hier eine von Jahr zu Jahr steigende Anzahl, zumeist aus
Galizien (bei der Vorlesung dieser Stelle des Gutachtens lachen die
Antisemiten) und Ungarn eingewanderter Personen seßhaft macht,
welche" . . . und dann folgen einige reaktionäre Phrasen, die der
liebloseste Protz nicht bester drechseln könnte, von „Nachtheil des
reellen Gewerbes", Inanspruchnahme fremder Wohlthätigkeit" u. s. w.
Schließlich empfiehlt die Polizeidirektion den Anjrag des Gemeinde¬
rathes dem Handelsministerium zur Annahme.
London hat nun zum vierten Male einen jüdischen Lord-
mayor gewählt. Nach den Satzungen der City'waren sieben
Aldermen wählbar. Gewählt wurde der Alderman George Faudel-
Phillips. Schon der Vater des Gewählten, Sir Benjamin-
Phillips, hat das höchste Ehrenamt der City 1865—66 bekleidet. .
Seiner politischen Richtung nach ist das neue Oberhaupt Alt-
Londons liberaler Unionist. Er ist verheirathet mit Helen Levy,
der vierteil Tochter des verstorbenen ' Herausgebers des „Daily
Chronikle", I. M. Levy. Nach dem Tode seines Vaters 1890 über¬
nahm Faudel-Phillips alle die Ehrenämter in der Verwaituilg der
jüdischen Gemeinde zu London, die sein Vater bekleidet hatte. Er war
Mitglied des Konzils, der United Synagogue, Präsident der jüdischen
Hilfs-Gesellschaft für arme Blinde, feit. 1894,Präsident des jüdischen
Hospitals und Qrphan-Asyls. Die Thatsache der einstimmigen Wahl
eines Juden zum Lordmayor der größteli Stadt in Europa sollte