■ 4 ja *
484
religiösen Vortrages angesehen werden kann . Sie drückt in ver¬
schiedenen schönen , abgerundeten Perioden den kurzen , aber praktischen
Spruch des Koheleth aus , der da lautet : „ Du thust wohl daran ,
an Einem dich zu halten und von dem Anderen auch nicht die Hand
abzulassen . Der ( wahre ) Gottesfürchtige geht in allen Dingen die
Mittelstraße . "
Die Ethik der jüdischen Philosophen
vor Maimonides .
Ein Bortrag von Dr . Martin Schreiner .
III .
ochgeehrte Anwesende ! Ich habe die Hauptpunkte der ethischen
Anschauungen der jüdischen Philosophen vor Maimonides her¬
vorgehoben . Ich habe manche psychologischen Bemerkungen ,
mit welchen sie begründet werden , übergangen , ich habe auch die he¬
bräischen Lehrgedichte , die sogenannten Urguzas , wie auch eine kleine
ethische Schrift des Stadtkommandanten von Saragossa , des Rabbi
Abraham bar Chyja übergehen müssen , aber aus dem Dargelegten
ergiebt sich uns , daß in der Sittenlehre der jüdischen Philosophen
gewisse leitende Ideen zu erkennen sind , denen meines Erachtens auch
in unserem sittlichen Bewußtsein eine große Bedeutung zukommt .
Vor allem ist die übereinstimmende Ablehnung des asketischen
Heiligkeitsideals , der weltflüchtigen und weltverachtenden Welt¬
anschauung von Seiten der jüdischen Philosophen für uns höchst
bedeutsam Gegenüber der Verherrlichung des Buddhismus durch
Philologen und pessimistische Philosophen , haben wir an den sittlichen
Idealen unserer Vorfahren festzuhalten . Es ist tvohl nicht zu be¬
fürchten , daß die Spekulation über die Nichtigkeit der Welt , über
Welterlösung und Weltuntergang unter den Kulturvölkern zu einer
Verwirklichung des buddhistischen Mönchsideals führen wird , aber
dies Schwärmen für die Ideale der Buddhisten kann dennoch viel
Schaden stiften , indem es den Einfluß der Ideale unserer heiligen
Schrift schädigt . Es kann nicht geleugnet werden , daß die Inder
über das Wesen der Welt tiefe Gedanken ausgesprochen haben , aber
sie haben den Aberglauben und das Heidenthum mit ihrem Gefolge
sittlicher Verirrungen nicht aus der Welt geschafft , ihren Einfluß
nicht geschwächt , und die Lobredner derselben in Europa haben zu¬
weilen Anschauungen gehuldigt , welche mit einem großen Grundsätze
des Judenthums und der aus ihm hervorgegangenen Religionen , mit
der Lehre von der Einheit des Menschengeschlechts , im Widerspruche
stehen . Der Pessimismus hat das sittliche Bewußtsein nicht auf
eine höhere Stufe erhoben , und indem Mancher die gerechte Welt¬
regierung Gottes leugnete und über die Schlechtigkeit dieser Welt
klagte , nahm er keinen Anstand , das Recht anderer Menschen zu
beugen und die Leiden derselben in dieser Welt zu vermehren . Unsere
Philosophen lehren aber , daß es unnütz sei , über den Weltuntergang
zu spekuliren , wir haben mit Ehrfurcht die Fügungen der unerkennbaren
weltbeherrschenden Macht zu empfangen , welche uns in diese
Welt geschickt hat , wir dürfen ihre Gaben nicht verachten , unsere
Sorge muß aber darauf gerichtet sein , ' Liebe und Gerechtigkeit
zu üben .
Eine andere herrschende Idee in der Sittenlehre der Philosophen ,
die ich angeführt habe , ist die der Willensfreiheit . Wohl sind die
psychologischen Anschauungen derselben schon veraltet , aber der
Umstand , daß Alle auf diese Lehre ein großes Gewicht legen , verdient
unsere besondere Beachtung . Je mehr die fatalistische Weltanschauung
unter den Muhammedanern zur Herrschaft gelangt , um so energischer
wird die Lehre von der Freiheit des . menschlichen Handelns von den <
jüdischen Philosophen hervorgehoben . Maimonides betrachtet die
Lehre von der Vorherbestimmungaller Jpcutblungen butdj © olt al §
einen Selbstmord , als eine Vernichtung des sittlichen Wesens des '
Menschen . Wo sich ihm nur Gelegenheit bietet , schärft er es den
Lesern ein , welche außerordentliche Wichtigkeit die Lehre von der .
Willensfreiheit besitzt , daß sie eine Säule der Gotteslehre ist , auf
welche sich alle Gebote stützen . -
Dies that er einerseits , um das Eindringen der orthodox¬
muslimischen Anschauung zu verhindern , andererseits aber wurde er
durch seine Ansicht von der gerechten Weltregierung dazu gedrängt .
Nach Maimonides stammt nämlich ein sehr geringer Theil der Leiden ^
des Menschengeschlechts aus der natürlichen Ordnung der Dinge , V
denn Gott überhäuft das Menschengeschlecht mit seinen Gaben , aber
die Hauptquelle des Uebels ist der Mensch selber . Was ist die
Zerstörung , welche natürliche Unglücksfälle , wie Erdbeben , See¬
stürme und ähnliche Plagen anrichten , gegenüber den Verheerungen ,
welche von den Kriegen der Völker , vom Wahne und vom Haß , von
der Maßlosigkeit und Unsittlichkeit im Menschengeschlecht angerichtet
worden ? — Das ist eine Anschauung von außerordentlicher sittlicher
Motivationskraft , die sehr geeignet ist , das Gefühl der Verant¬
wortlichkeit zu stärken . Und wenn wir auch heute die Lehre von der
Willensfreiheit psychologisch anders begründen müssen , als dies zur
Zeit der mittelalterlichen Philosophen geschah , so müssen wir doch
an der Lehre selbst festhalten , denn gar manches würde anders sein
in einer jeden Generation , wenn diese , besonders aber ihre führenden
Geister , ein lebhaftes Bewußtsein von ihrer Verantwortlichkeit für
die Gegenwart und Zukunft hätten .
Es macht sich aber bei den jüdischen Philosophen immer stärker
auch der Gedanke geltend , daß das religiöse wie das sittliche Leben
selbstlos sein muß , wenn es seinen Werth nicht einbüßen soll .
Besonders Bachja und Josef Jbn Zaddik geben diesem Gedanken
Ausdruck . Ich will ihn in der Formulirung des Maimonides an¬
führen , um zu zeigen , zu welchen Resultaten die Bestrebungen der
früheren Philosophen geführt haben .
Maimonides schreibt in seiner Gesetzessammlung - , 1 ) „ Niemand
darf sagen : Ich will die Gebote der Thora erfüllen und mich
mit ihrem Studium beschäftigen , damit der Segen , der in ihr
geschrieben steht , sich an mir erfülle oder daß ich des zukünftigen
Lebens theilhaftig werde , und ich will mich fernhalten von
jeglicher Sünde , welche von der Gotteslehre verboten wird , da - .
mit ich geschützt sei gegen die Flüche , die in ihr geschrieben stehen
oder daß ich des zukünftigen Lebens nicht verlustig gehe . Nicht
in dieser Weise solle man Gott dienen , denn wer Gott auf diese
Weise dient , der dient nur aus Furcht , das ist aber nicht Art der
Propheten und der weisen Männer . . . Wer Gott aus Liebe dient ,
beschäftigt sich mit der Gotteslehre und ihren Geboten , er wandelt
in den Pfaden der Weisheit ohne irgend welche Rücksicht , handelt
nach den Forderungen der Wahrheit , weil sie Wahrheit ist , das
Gute aber wird am Ende von sich selbst eintreffen . Das ist aber
eine sehr hohe Stufe , und nicht ein jeder Gelehrte erreicht sie . . . Die
alten Meisen sprachen : „ Sage nicht : Ich will mich mit der Gottes¬
lehre beschäftigen , damit Gott mir Reichthum verleihe , damit man
mich einen Gelehrten nenne , damit ich im Jenseits meinen Lohn
empfange , denn es heißt : daß du den Ewigen liebest . Was du thust ,
thue es aus Liebe zu Gott . " Ferner sagten die Weisen : „ Es heißt in
der Schrift : die Gebote Gottes liebt er gar sehr, " daraus folgt , daß man
die Gebote und nicht den Lohn der Gebote liebe . Daraus ersehen wir , ^
i ) Mischne Thora , Hilchoth Teschuba , Kap . X .