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daß die Lehrer der Synagoge - die Lohnsucht im religiösen Leben von
jeher bekämpft haben , an diesem Kampfe haben aber die jüdischen
Philosophen lebhaften Antheil genommen .
Man könnte noch manches von den sittlichen Lehren der Philo¬
sophen hervorheben , ihr Heiligkeitsideal , ihre Auffassung der Messias - -
idee , welche sich immer humaner gestaltet , ich will aber Ihre Auf¬
merksamkeit nur noch für eine Idee in Anspruch nehmen , für die
Idee des Märtyrerthums .
Beispiele der Selbstaufopferung kennt schon das klassische Alter¬
thum , aber die Idee des religiösen Märtyrerthums ist im Judenthum ,
zur Zeit der Kämpfe der Makkabäer entstanden . Sie ist eine der merk¬
würdigsten Erscheinungen der Geschichte des Judenthums ; sie war ohne
Zweifel die stärkste Waffe gegenüber einer feindseligen Welt und hat sich
in der Geschichte , in der Litteratur und in Institutionen des Juden¬
thums geoffenbart , ja sie ist selber zur Institution , zum Gesetze geworden .
In Betreff des Wesens dieser Idee scheint mir Folgendes sehr beach -
tenswerth zu sein : Die Selbstaufopferung kann eine Folge patholo¬
gischer Erscheinungen des Geistes , sie kann ebensowohl eine Folge außer¬
ordentlicher Lohnsucht , wie eine solche vernünftiger Erwägungen , eine
Forderung des Gewissens sein . Es ist ein großer Unterschied zwischen -
dem Märtyrerthum eines Naivgläubigen , demjenigen eines asketischen
Mönches und demjenigen eines Muhammedaners , der , im Glaubens¬
kriege kämpfend , daran denkt , daß er nach seinem Tode sogleich ins
Paradies befördert wird , wo seiner die mannigfachsten sinnlichen
Freuden harren . Und der psychische Vorgang wird auch beim
Philosophen ein anderer sein , der den Werth des Lebens und die
Macht des Zweifels und der Versuchung kennt . Freilich wird auch
die sittliche Werthschätzuug bei all diesen Fällen ein verschiedener
sein . Treffend hat Lecky das Mürtyrerthum der Juden im Mittel¬
alter mit folgenden Worten charakterisirt : „ Gewiß muß der Helden -
muth der Gläubigen aller anderen Religionen unbedeutend angesichts
dieses . Märtyrervolkes erscheinen , welches dreizehn Jahrhunderte alle
Schreckniffe ertrug , welche der wildeste Fanatismus ersinnen konnte ,
welches lieber Schande , Beraubung und Verletzung der theuersten
Bande , die Auferlegung der furchtbarsten Leiden erduldete , als daß
es seinen Glauben verlassen hätte . Denn die Juden waren keine
asketischen Mönche , erstorben für alle Hoffnungen und Leidenschaften
des Lebens , sondern sie waren Menschen , welche die weltlichen Vor¬
theile , die sie aufgaben , sehr wohl zu würdigen wußten und mit um
so lebhafterer Empfindung ausgestattet waren , als der Kreis , in
welchen : sie lebten , sehr enge Grenzen hatte . Der Enthusiasmus mit
seinen seltsamen Erscheinungen von Extase , der eine so ausgedehnte
Bedeutung in der Geschichte der Verfolgung äußert und so viele
Märtyrer mit ? übermenschlichem Muthe ausrüstet , der die Schrecken
so vieler fürchterlicher Qualen mäßigt oder ganz beseitigt , hier war
er fast unbekannt . Die Verfolgung kam über die jüdische Nation in
ihrer schrecklichsten Gestalt , aber auch umgeben von allen Gattungen
kleinlicher Plackerei , die ihr fast alles Großartige nahm , und
blieb Jahrhunderte lang das dauernde Loos derselben . Aber
der Geist dieses wunderbaren Volkes blieb über dem Allen hoch
erhaben . "
Das sind die Thatsachen ; was haben sich aber die Juden dabei
gedacht ? Ich kann hier nur dasjenige anführen , was sich bei den
älteren Philosophen darüber findet . Sa ' adja sagt über die Leiden
des jüdischen Volkes , nachdem er über das messianische Zeitalter ge¬
sprochen : „ Darum findest du uns , wie wir geduldig warten und an
der Erlösung nicht zweifeln , unseren Muth nicht verlieren , sondern
daran immer mehr festhalten , wie es in der Schrift heißt : Seid stark ,
und es sei fest euer Herz , die ihr auf den Herrn hoffet . " „ Wer uns
in diesem Zustande sieht , der wundert sich über uns , oder er hält
uns für Thoren , weil er nicht erfahren hat , was wir erfahren , und
weil er nicht glaubt , wie wir glauben . Er ist ähnlich Demjenigen ,
der dem Säemann noch nie zugesehen hat , und wenn er einmal sieht ,
wie er den Weizen unter die Furchen des Feldes streut , hält er ihn
für einen Thoren , bei der Ernte aber , da wird sich ' s zeigen , daß er
der Thörichte war . " Also meint auch Sa ' adja , weun der große Tag
der Ernte kommen wird , da wird man es sehen , daß Israel keine
fruchtlose Arbeit verrichtet hat .
Jehuda Halewi führt aus , daß der äußere Erfolg , der äußere
Glanz in der Frage nach der Wahrheit der Religion überhaupt nichts
bedeutet , er meint wohl , daß die Juden die Leiden des Exils nicht
mit der Begeisterung für die Gotteslehre ertragen , wie es sein sollte ,
aber er läßt den Rabbiner sagen : „ Aber ich denke an die Besten unter
uns , welche die Verachtung und Knechtschaft mit einem einzigen Worte
von sich abwenden könnten , das sie ohne Mühe aussprechen könnten ,
und hierdurch freie Männer, ' , mächtiger als ihre Unterdrücker würden
und dies dennoch nicht thuu , damit sie ihre Religion bewahren . Dies
allein würde genügen , um für uns zu sprechen und viele Sünden
zu sühnen . " Damit hat Juda Halewi das Wesen des Märtyrerthums
berührt , denn dieses ist nichts anderes , als eigentlich die höchste Form
der Idee der sittlichen Persönlichkeit ' ) , welche die Aufopferung aller
Lebensgüter für die Uebereinstimmung des Wollens mit der ethischen
Einsicht erfordert . Diese wurde aber im Judenthun : nicht als Ideal
der Auserwählten betrachtet , sondern sie war / wahrscheinlich seit den
Verfolgungen Hadrians im zweiten Jahrhundert nach der gewöhnlichen
Zeitrechnung , zum Gesetz geworden , welches in einer jeden Gesetzes¬
sammlung sich vorfindet . Und so finden wir das Gesetz des Märtyrer -
thums auch bei Maimonides kalt und gemessen ausgedrückt , aber
aus dem Inhalt spricht die tausendjährige flammende Liebe Israels
zu seiner Lehre : „ Es ist die Pflicht eines jeden Israeliten , daß er
den Namen Gottes heilige " , und dann folgen die Bestimmungen ,
welche Verbote nie übertreten werden dürfen und daß zur Zeit der
Religionsverfolgung auch der geringste Gebrauch nicht übertreten
werden darf .
Man mag über die Einzelheiten dieses Gesetzes denken , wie
man will , das Judenthum hat nie eine stärkere Waffe besessen als
dies Gesetz , und so lange es Menschen geben wird , welchen die Eigen¬
art ihres innersten Wesens , ihres religiösen und sittlichen Denkens
und Lebens höher steht als ihre sonstigen Lebensgüter , wird das
Gesetz seine Bedeutung nicht einbüßen . Ich schließe mit einem Gedichte
Jehuda Halewis , in welchem dieser Gedanke zum Ausdruck gelangt
und zu dessen Verständniß ich nur so viel bemerken will , daß Juda
Halewi es infolge von Schmähungen geschrieben hat , die er wegen '
seines Judenthums zu erdulden hatte :
„ Mit ganzem Herzen , o Wahrheit , mit ganzem Vermögen
Liebe ich dich , offen und im Geheimen ,
Dein Name ist mit mir , wandte ich da allein ?
Er ist mein Freund , bin ich da verlassen ?
Er ist meine Leuchte , wird da erlöschen mein Licht ?
Wie könnte ich wanken , ist er doch die Stütze in meiner Hand ?
Die Menschen verachteten mich und wußten nicht .
Daß die Schmach wegen deines Namens Ehre mir ist .
Quell meines Lebens , dich obe ich ) so lange ich lebe .
Dir huldigt mein Gesang , so lange ich hier weile . "
J ) Diese wird von Steinthal , Allgemeine Ethik S . 97 folgender¬
maßen formulirt : Der Wille , zu dem man sich wegen seiner Ueberein¬
stimmung mit der ethischen Einsicht entschließt , gefällt , während der Wille ,
zu dem man sich trotz ethischer Prüfung im Widerspruch mit der ethischen
Einsicht entschließt , sittliches Mißfallen erregt .