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Zkit««g -es Zu-enthums.
Ein
unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.
' Herausgegeben von
Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon in Bonn.
Leipzig, den 24. September 1867.
Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Dienstags, in 2 bis 2 l / 2 Bogen. Preis des Jahrgangs 4 Thlr. Halbjährig 2Thlr. Vierteljährig 1 Thlr.
Inserate werden mit l */ a Ngr. für die Petitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestel¬
lungen an; der Haupr-Expedition für beide Letztere hat sich das König!. Sachs. Haupt-Zeitungs-Bureau hier unterzogen.
Inhalt.
Leitende Artikel: Die Sühne nach dem Begriff des Ju-
denthums. — Die Schweiz und die Juden. — Literarischer
Wochenbericht: Paris.
Zeitungsnachrichtenr Deutschland: Berlin. Oester-
reich i sch er Kaiserstaat: Wien, Lemberg, Agram.
Donaufürstenthümer: Bukarest, Wien, Paris, Con-
ftantinopel. F ra n k r e i ch: Paris. Italien: Florenz.
Großbritannien: London.
Korrespondenz r Monatsberichte aus Ungarn. II.
Feuilleton-Beilager Aus den Papieren eines jüdischen
Seelsorgers. — Correspondenz
Leitende Artikel.
Bonn, l 5. September.
Die Sühne nach dem Begriff des Iudenthums.
(Fortsetzung.)
Die Talmudisten sahen die Gebete, d. i. die vorge¬
schriebenen, formnlirten Gebete grundsätzlich als an die
Stelle der Opfer getreten, an. Nachdem seit dem Ent¬
stehen der Synagogen neben dem Opfercultus im Tempel
die Gebete noch in sehr 'flüssigen 'Formen bestanden,
wurde allmählich der Gebetcyclus fixirt und als ein Er¬
satz für die Opfer betrachtet. Es geschah dies nicht
blos der Idee nach, sondern ganz formell, so daß die
Zahl und Zeit der Gebete nach denen der Opfer ge¬
ordnet und festgestellt wurde.*) Dem Geiste und der
*) Maimonides Hilch. Thephill. I, 5 sagt: irpri pi
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tpua pip 1332 n'w'bw nban 12 was nun weiter
im Detail ausgeführt wird.
Wirkung nach legten sie sogar dem Gebete eine höhere
Bedeutung bei als dem Opfer (Berach. 33, l ff. u. a.
anderen St.), und trafen durch ihre Vorschriften alle
möglichen Vorkehrungen, daß das Gebet mit aller Weihe
und Andacht, die Gedanken vollständig darauf gerichtet
und das Herz mit Gottesfurcht erfüllt, verrichtet werde,
indem sie erklärten, daß ein Gebet ohne Andacht kein
Gebet sei. (S. Orach Chaj. l, 4. 98, 1 ff.) Hieraus
folgt: I) daß sie die Opfer nicht als ein unentbehrli¬
ches Gnadenmittel, als einen integrirenden Therl des
israelitischen Cultus anerkannten, 2) daß sie ihnen kein
konkretes factisches Element, sondern nur eine symbolische
Natur beilegten. Sie sahen also in den Opfern nur
vom Gesetze dargebotene und festgesetzte Mittel zur
Erweckung, Bewirkung und Förderung der Gottesfurcht,
Anbetung, Reinigung und Läuterung, die daher nach
ihrem durch die Schicksale der Nation herbeigeführten
Wegfall, durch andere derartige Mittel, nämlich die for-
mulirten Gesetze, ersetzt werden konnten. Weder aber
das Opfer an sich, noch das Gebet besitzt die erhebende,
läuternde und versöhnende Kraft, sondern sie erlangen
diese erst durch die n:n2, d. i. die Andacht und Weihe
der sie begleitenden Gedanken und Gefühle. Je mehr
deßhalb die Opfer im Laufe der Zeiten das unmittelbare
Verständniß ihrer Symbolik, aus welchem sie entsprun¬
gen, in den Geistern verloren hatten, desto natürlicher
war es, daß die Geister sich in einem erhebenden und
das Herz erfüllenden Gebete weihevoller und heimischer
fühlten, als in den unverstandenen, mit ihrer Seelensphäre
nicht mehr zusammenhängenden, daher zur bloßen ge-