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so sehr geneigt auch einzelne Mitglieder der Regierung
waren, den hoffnungsvollen Mann dem Lande dauernd
zu erhalten, die Zeit war noch nicht reif genug, um
alten Vorurtheilen entgegen treten zu können. Doch das
wahre Verdienst bricht sich Bahn. Sehr bald gewann
Herz das Zutrauen des Publikums, sein eminentes, ärzt¬
liches Talent, seine Unermüdlichkeit bei Tag und Nacht,
seine Uneigennützigkeit und Humanität verschafften ihm
einen solchen Ruf, daß er weit über den Weilburger
Kreis hinaus ein gesuchter Arzt wurde. Eine solche
Thätigkeit blieb auch in den höchsten Kreisen nicht ver¬
borgen und Herzog Friedrich Wilhelm befahl, daß Herz,
wenn auch nicht förmlich angestellt, doch die Stelle eines
Medicinal-Assistenten provisorisch begleiten und ihm der
Gehalt dafür unter dem Namen einer Gratification
regelmäßig entrichtet werden solle. Dieß geschah im Jahre
1819. So sehr auch Herz dieses Wohlwollen anerkannte,
so wollte er doch die Kränkung, daß er als Jude hinter
seinen christlichen Collegen, die wirkliche Staatsdiener
waren, zurnckstchen sollte, nicht ertragen, und er be¬
schloß auf den Rath hochstehender Freunde nach Wies¬
baden überzusiedeln, wo ihm eine ausgedehnte Privat-
praxis in Aussicht stand. Doch dieß Vorhaben erregte
in Weilburg und der Umgegend eine wahre Aufregung,
und der Magistrat der Stadt Weilburg schickte eine De¬
putation an den Herzog mit der Bitte, man möge die
Stellung des vr. Herz so verbessern, daß er der Stadt
erhalten bliebe. Diesem Wunsche wurde willfahrt. Es
erfolgte eine Besoldungserhöhung und im Jahre 1840,
nachdem Herz eine in seinen wenigen Mußestunden ver¬
faßte vortreffliche medicinische Statistik des Kreises Weil¬
burg herausgegeben, wurde ihm die Zusicherung, daß er,
im Falle der Dienstunfähigkeit, so hinsichtlich der Pension
behandelt werden sollte, als ob er seit Beginn seiner
Thätigkeit in Staatsdiensten gestanden hätte. Ebenso
erhielt er für seine Relicten im Falle des Todes gleiche
Berechtigung mit den Staatsdienern. Sein Gehalt wurde
auf das Maximum erhöht, und als im Jahre 43 die
Medicinalrathsstelle zu Weilburg vacant war, wurde er
förmlich zum Medicinalrathe ernannt.
Mit welcher Gewissenhaftigkeit und Treue Dr. Herz
sein wichtiges und einflußreiches Amt verwaltete, wie
sorgfältig und pünktlich er in allen gerichtlichen Fällen
verfuhr, wie humün und taktvoll er in seinen Anforde¬
rungen gegen die ihm untergebenen Aerzte auftrat; dar¬
über ist nur eine Stimme. In der That wurde ihm
im Jahre 1857 die Auszeichnung zu Theil, daß er zum
Obermedicinal-Rath ernannt wurde und er somit
die höchste, einem Arzte im Nassauischen Staatsdienst
erreichbare Stellung erlangte.
Leider sollte er sich nicht mehr lange seiner Thätig¬
keit erfreuen. Ein Augenleiden nöthigte ihn im Jahre
1860, nach 42jähriger Dienstzeit, um seine Pensionirung
nachzusuchen, die ihm in der ehrenvollsten Weise bewilligt
wurde. Nun verlebte Herz (nachdem er hierher überge--
siedelt war) den Abend seines Lebens im Kreise seiner
Familie und zahlreicher Freunde. Gar Manchem hatte
er auch noch in den letzten Jahren durch seine reiche Er¬
fahrung genützt. Da erreichte auch ihn in-seinem 73.
Jahre das allgemeine menschliche Loos, seine Kräfte sin¬
gen an abzunehmen und er selbst erkannte genau seinen
Zustand. Ueber sein nahes Hinscheiden sprach er mit
der Seelenruhe eines Weisen und noch in den letzten
Tagen erquickte ihn die Erinnerung an das, was er
seinen Mitmenschen geleistet. Gewiß wird auch sein Bild
in dankbarer Erinnerung fortleben in den Herzen Un¬
zähliger, denen er als Arzt und Freund beigestanden,
ganz besonders aber in den Herzen seiner Glaubensge¬
nossen, die ihn zu denjenigen rechnen müffen, welche
Bahn gebrochen haben!
Notiz.
Bekanntlich gehört noch immer zu den unbekannten
und wenigst erforschten Landstrichen das Land am linken
Jordansufer und ostwärts vom todten Meere, also das
Ost-Jordanland, zu welchem die Israeliten unter Moses
heraufzogen, und in welchem die Stämme Rüben, Gad
und halb Manasse ihren Wohnplatz fanden. Jetzt wird
dies vielleicht anders. Aus Jerusalem wird unterm
22. August gemeldet: Seit nunmehr 14 Tagen hat der
Krieg der türkischen Regierung gegen die Beduinen des
Ost-Jordanlandes begonnen. Sämmtliches Militär aus
Syrien ist letzthin über den Jordan gerückt, und von Da¬
maskus her sollen 10,000 Mann in Anmarsch sein, ury
die Beduinen zu unterwerfen, namentlich aber, um Rekru¬
ten unter ihnen auszuheben. Sind sie unterworfen, so
will sie der Pascha nöthigen, an festen Ortschaften sich nie-
derzulassen, um den. Tribut besser eintreiben zu ^können.
Neueste Nachrichten aus Konstantinopel melden:
Eine militärische Expedition, an deren Spitze sich der Ge¬
neralgouverneur von Syrien, Reschid Pascha, und der Ober¬
general der Armee von Arabistan, Derwisch Pascka, befinden,
ist soeben nach dem Osten des Jordans und des todten
Meeres unternommen worden, um die Sicherheit des Lan¬
des zu befestigen und die Karavauen und die Reisenden, wel¬
che in einem wissenschaftlichen Interesse durch diese Gegen¬
den ziehen, in Zukunft gegen Brandschatzungen zu schützen,
denen sie oft von Seiten der Beduinen ausgesetzt waren.
Das in der Nähe von Rabbat-Amrnon*) gelegene Schloß
Salt, eine alte griechisch-römische Citadelle, ist bereits besetzt
und man beabsichtigt, es neu aus seinen Ruinen aufzurich¬
ten, um eine dauernde Garnison regelmäßiger Truppen darin
zu lassen. Die drusische Bevölkerung zeigte übrigens bei dem
Durchzuge der Expedition die beruhigendsten Gesinnungen;
die Paschas stießen auf keine Opposition und die Erhebung
der Steuern geht ohne Schwierigkeiten vor sich.
*) Kommt schon 5 Mos. 3, 11 vor. Redaction.
Verlag von Baumgärtner's Buchbandlunq in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld.
Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lotze.