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seiner Hoheit erklärt , daß er diesem — wie er sich ansdrückte —
Ulierträglichen Zustande ein Ende machen und diesem Unfug steuern
würde . Die Zahl der jüdischen Familien sollte wieder ans vierzig
zurückgeführt werden , und daher schlug er jedes Gesuch um Nieder¬
lassung rundweg ab .
Das traf besonders hart ein junges Brautpaar , Nathan Goldenberg
und Nahel Lilienthal . Sechs Jahre waren sie bereits verlobt , und
nichts stand ihrer ehelichen Verbindung entgegen ; die Eltern hatten
ihre Zustimmung gegeben , und bei ihrer allgemeinen Beliebtheit nahm
das ganze Dorf innigen Antheil an ihrem Glücke . Seit sechs
Jahren begaben sich die Verlobten in Begleitung ihrer Eltern am
Geburtstage des Grasen auf das Schloß , um von ihm die Zu¬
stimmung zur Eheschließung zu erbitten , und jedes Mal mußten sie
schroff abgewiesen heimkehren . Selbst der Dorfpfarrer , ein ehr¬
würdiger Greis , hatte bereits bei verschiedenen Anlässen ein gutes
Wgrt für sie eingelegt , ohne einen künftigeren Bescheid zu erlangen .
Wer konnte Voraussagen , wie lange dieses Berhältniß dauern würde ?
Da trat ein Ereigniß ein , welches eine Wendung zum Guten zu
bringen versprach .
. Nathan begab sich eines Tages nach einem benachbarten Dorfe
zu Markte , uni dort Pferde zu verkaufen . Der Weg war nicht ohne
Gefahr , starke Negengüffe hatten die Flüffe angeschwellt , der Berg¬
strom , der das Thal durchfließt , war über seine Ufer getreten , und
die ganze Landschaft war überschwemmt . Mit Mühe schleppten sich
Nathan und sein Knecht mit ihren Pferden langsam weiter , als er
plötzlich in der Ferne einen Wagen Umstürzen sah , knapp an einem
Abhange . Er überschaute sofort die ganze Größe der Gefahr , in
welcher die Verunglückten schwebten , und eilte , so rasch sein Pferd
ihn tragen konnte , zu der Unglücksstätte . Es war der Wagen des
Gutsherrn . Eiligst richtete er den vom Sturze betäubten Kutscher
auf , öffnete unter den größten Anstrengungen den ganz verschütteten
Wagenschlag und zog mit Hilfe des Dieners den bewußtlos da -
liegenden Grafen hervor . Sie brachten ihn auf das Schloß , wo es
dem herbeigerufenen Arzte endlich gelang , ihn ins Leben zurückzurufen .
Im Dorfe herrschte laute Freude ; der Tod des harten , verhaßten
Herrn hätte zwar die guten Leute nicht so sehr betrübt , aber der
glückliche Zufall , daß Nathan ihm das Leben gerettet hatte , ließ nun
keinen Zweifel mehr an der Zustimmung des Grafen zur Eheschließung
des Brautpaares aufkommen , und von allen Seiten beglückwünschte
man den muthigen Retter , der sich im Geiste auch schon als Gatte sah .
Am folgenden Morgen wurde Nathan in aller Frühe aufs
Schloß beföhlen .
„ Jude, " redete der Graf ihn an , „ Du hast mich vom Tode
gerettet . Was soll ich Dir geben , um mich meiner Verpflichtung
gegen Dich zu entledigen . "
„ Gnädiger Herr, " antwortete Nathan , „ ich habe nur eine
Menschenpflicht geübt . Ich würde so gegen den Geringsten Eurer
Unterthanen gehandelt haben , um wie viel mehr mußte ich nicht
mein Leben wagen , um Euch , meinen gnädigen Herrn , zu retten ? "
„ Keine leeren Phrasen, " erwiederte der Graf , „ es widerstrebt
meinem innersten Gefühle , in her Schuld eines Juden zu stehen . Der
Jude handelt doch immer nur aus Eigennutz . Du sollst mir angeben ,
welcher Belohnung Du wünschest , sie wird Dir gewährt , und wir
sind quitt . "
„ Weil Ihr es mir befehlet und es so haben wollt , so erbitte ich
mir ' als Belohnung die Erlaubniß zur Eheschließung mit Rahel
Lilienthal , mit der ich sechs Jahre bereits verlobt bin . "
„ Die Einwilligung, " fuhr der Graf auf , „ wirst Du niemals
erhalten . Ich Habe geschworen , daß ich nun und nimmer die Hand
dazu bieten werde . Eure verfluchte Brut fortpflanzen zu lasten ,
und ich werde meinen Schwur halten . Stelle eine andere
Forderung ! "
Nathan konnte vor Zorn und Wuth kaum an sich hasten und
erwiederte kurz und barsch : „ Weil es Euch beliebt , mir , Eurem
Lebensretter , diese meine Bitte abzuschlagen , so verlange ich nichts .
Bleibt in meiner Schuld ! "
Der junge Mann entfernte sich , das Gesicht von Zorn geröthet ,
um eine bittere Erfahrung und Enttäuschung reicher . Er erzählte
seine Unterredung mit dem Grafen Jedem , der sie hören wollte , und
die Entrüstung der Bauern über ihren Herrn war ebenso allgemein ,
wie das Mitleid mit dem traurigen Geschicke Nathans .
Einige Tage nach diesem Vorfall saß er bei dem Postmeister
einer kleinen benachbarten Stadt , seinem alten Freunde .
„ Ist es wahr, " fragte ihn dieser , „ daß Ihr dem Grafen das
Leben gerettet habt , und daß trotzdem dieser hartherzige Mensch Euch
verwehrt , Euch zu verheirathen , und Euch noch mit Schmähungen
überhäuft hat ? "
„ Es ist nur zu wahr, " antwortete Nathan und erzählte den
ganzen Verlattf der Unterhaltung . Sein Bericht wurde häufig
durch laute Worte der Entrüstung seitens des Postmeisters unterbrochen ,
was die Aufmerksamkeit eines anderen Gastes erweckte . Dieser trat
auf Nathan zu und bat ihn um Wiederholung der Erzählung , was
bereitwillig geschah . Als Nathan geendet hatte , rief , ihm der fremde
Herr , der kein Geringerer als der Präsident der Provinz war , zu :
„ Ihr seid nicht mehr der Unterthan des Grafen von Liebenftein ,
Ihr seid jetzt ein Unterthan des Herzogs von Württemberg oder
vielmehr des Königs von Württemberg , wie er von nun an heißt .
Ich will Euch ein Schreiben an den Minister geben , bringet es nach
Stuttgart , und ich verspreche Euch , daß Ihr in drei Tagen Hochzeit
machen könnt . "
Die weltgeschichtlichen Ereignisse überstürzten sich und erschütterten
die Welt . Nach der inzwischen geschlagenen Schlacht von Austerlitz
herrschte in Deutschland der allmächtige Wille des Siegers Napoleon ,
das deutsche Kaiserreich , das schon lange nur noch eine Mumie
gewesen war , ging ohne Theilnahme und Bedauern zu Grabe und
mit ihm die Herrschaft einer großen Zahl reichsurimittelbarer Herren .
Durch einen Federstrich Napoleons hatten sie aufgehört , zu regieren ,
waren mediatisirt , und an ihre Stelle waren neue Kölligreiche unter
französischem Einfluß und französischer Abhängigkeit entstanden .
Der ewig unterdrückte Jude empfand bald die Wendung , welche
diese politische Umwälzung im Gefolge hatte ; und eine der ersten
Regierungshandlungen des neuen , sonst harten und willkürlichen
Königs von Württemberg , zu dessen Reich Buttenhausen von nun
an gehörte , war die Verbesserung der Lage der Juden .
Nathan eilte freudetrunken nach Stuttgart und übergab das
Schreiben einem hohen Ministerialbeamten . Nachdem dieser es ge¬
lesen hatte , sagte er zu ihm in freundlichem Tone : „ Die gewünschte
Erlaubniß ist hiermit ertheilt , nur eine Bedingung will ich stellen : Ihr
müßt den Grafen von Liebenstein zu Eurer Hochzeit zu Gast laden . "
Wer war froher als Nathan ! Ohne Zeitverlust begab er sich
nach seinem Dorfe , benachrichtigte seine Braut , die Eltern und
Freunde von der unerwartet glücklichen Wendung seines Geschickes ,
eilte zu dem Rabbiner von Hechingen und bat ihn , die Trauhand¬
lung zu vollziehen , die - Hochzeit sollte bereits am dritten Tage
stattfinden . -
Dann ging er aufs Schloß und erbat sich ' eine Audienz beim
Grafen , die ihm - sofort gewährt wurde .
„ Du hast es Dir überlegt und kommst , Dir Deine Belohnung
zu holen, " rief ihm der Graß hohnlachend zu , „ wußte ich es doch ,
ein Jude thut nichts umsonst . "