Berlin, 26. November 1897.
61. Jahrgang. Ur. 48.
Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.
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Aas Verdienst der Mater.
rp t Berlin, 23. November.
G^fyTcnn Jemand in der Vollkraft der Gesundheit sich befindet,
wenn er Jahre hindurch nie von einer Krankheit heim¬
zu 0 " gesucht worden ist und lange Zeit niemals durch ein körper¬
liches Leid in seiner Berufsarbeit gestört worden ist, dann hat",er./
kaum das Gefühl für den Segen, der ihm dadurch zutheil wird; er
nimmt das außerordentliche Glück hin, als könnte es gar nicht anders
sein, fast wie ein Selbstverständliches, wie etwa den Besitz von Händen
Ulld Füßen; weil er das Kranksein nicht kennt, hat er nur eine schwache
Empfindung für den Segen der Gesundheit, dagegen ein Anderer,
der lange Zeit krank daniederlag und jetzt genesen ist, er ist bei
Weitem nicht so rüstig und kräftig wie Jener, dem die Krankheit
lischt sich nahte, aber das Gefühl der Gesundheit hat er in ungleich
höherem Maße, denn alle Erkenntniß kommt dem Menschen aus dem *
Vergleich, aus dem Bewußtsein der Gegensätze; er hat sie erfahren,
die ganze Noth des Krankseins, den gegenwärtigen Schmerz, das :
Bangen vor der Steigerung der Schmerzen, jenes Schwanken von
Angst und Hoffnung, die schier unendliche Dauer der schlaflosen
Nächte, darum ist ihm die Gesundheit ein köstliches Gut, ein unschätz¬
bares Kleinod; der Nieerkrankte hat die Vollkraft der Gesundheit,
aber nur der Erkrankte und Genesene hat das Vollgefühl derselben.
Nicht viel anders ergeht es dem Menschen mit dem Reichthum. Wer „
in der Fülle des Besitzes auferzogen ist, dem erscheinen so viele Be¬
haglichkeiten und Genüsse, welche der Reichthum bietet, als nothwendige
Bedingungen des Daseins, er kann sich kaum denken, wie man ohne
alle diese kostspieligen Einrichtungen leben könne; er hat an alle dem
keine volle Freude, denn er hat es nie anders gekannt, der Begriff Ent¬
behren ist seinem Leben fremd.
Daneben steht Jemand, der bei Weitem nicht so reich ist, aber
er hat sich aus engen Verhältnissen emporgearbeitet, er hat sie kennen
gelernt, die Sorge um den kommenden Tag, der Kummer hat zu seinen
Häupten gestanden, und den Schlaf verjagt, der sich auf das müde
Auge legen wollte, und nun hat er einen wohlerworbenen Besitz, jede» ?
Freude, die. ihm sein Vermögen bereitet, wird erhöht durch die Er¬
innerung an die einstige Noth; wie im Gemälde die Vertheilung von
Licht und Schatten den Eindruck des Schönen hervorruft, so wird
das Licht der Gegenwart gehoben durch den Schatten der Vergangenheit.
Dies Gesetz, das uns die täglichen Erscheinungen des Einzellebens
offenbaren, dies Gesetz des Gegensatzes, daß Einer die Gesundheit beffer
würdigt, wenn er das Weh der Krankheit verspürt Hat, oder des
Wohlstandes mehr froh wird, wenn er die Qual der Armuth kennt,
zeigt sich auch in diesem Jahrhundert in dem politischen und sozialen
Empfinden des israelitischen Stammes. Wir Juden haben an den
Gaben und Gnaden der Civilisation um so freudiger Antheil ge¬
nommen, weil wir lange, lange Zeit davon ausgeschlossen gewesen sind.
So ein armer Talmudjünger mußte es sich an seinem Munde
absparen, um die paar Groschen zu gewinnen, für die er sich ein
deutsches Buch, das alte, abgegriffene Exemplar einer deutschen
. Dichtung, kaufen konnte; er mußte diesen Schatz verbergen, daß kein
. feindseliges Auge ihn sah, denn dann fürchtete er, daß der bildungs¬
feindliche Eifer ihm das Buch entrisse; in einsamen Nächten holte er
^das Kleinod hervor und las darin; oft war der Sinn ihm unver¬
ständlich, oft berauschte ihn nur der Klang der hohen, unbegriffenen
Worte, oft beseligte ihn mir ein dunkles Ahnen, und wenn er dann
sich durchgerungen hatte, wenn er durch Dorn und Gestrüpp zum
Quell des Wissens vorgedrungen war, wie sehr mußte dies freudige
Gefühl, sich an dem Schönsten und Besten laben zu dürfen, was die
Vorzeit für die Gegenwart bereitet hat, wie sehr mußte dies'Froh¬
gefühl sich an dem Gegensatz entflammen, an dem Schmerze ob all
er überwundenen Qual und Mühsal.
Die heutige Jugend, der bei ihren Festen mächtige Stöße aus¬
gezeichneter Bücher aufgeschichtet werden, kann sich kaum eine rechte
Vorstellung davon macheu. wie so manchem unserer Vorfahren, so
manchem älteren Zeitgenossen solch ein altes, zerlesenes Buch ein
Heiligthum werden konnte, an welches die herbsten und die süßesten
- Erinnertlugen sich knüpften. Diese Zeiten liegen noch gar nicht
so weit hinter uns. Wenn die greisen Koryphäen der Wissenschaft
unter den Juden der Gegenwart von ihrer Jugend, von ihrem
Bildungsgang berichtet!, so haben, sie, besonders wenn ihre Wiege im
Osten stand, von den Fährnissen zu erzählen, die ihnen bei den ersten
Schritten in das Gebiet des modernen Wissens bereitet worden sind.
Auch im Ringen nach Geld und Gut Haben so viele Israeliten
Erfolg zu verzeichnen, die in jungen Jahren die Qual der Ärmuth
^ gekannt haben. Der jüdische Emporkömmling ist eine beliebte komische
Figur, und die Fälle sind ja nicht selten, wo Einer im energischen
Streben, vorwärts zu kommen/ keine Zeit Hatte den Schliff und die
Glätte des geselligen Verkehrs sich anzueignen, und dadurch sich manche
- Blöße gab. Aber immerhin ist es eine Ehre für uns, daß es solcher
Emporgekommenen eine Menge giebt, und nicht aste Emporgekommenen