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spendender Ackerkrume , was Anderen als steiniger und unfruchtbarer
Grnnd entgegen starrte . Er hatte in der Talmudschule seiner Jugend
gelernt , was es heißt , sich über das Verständnis einer Materie keiner
Täuschung hingeben , wie er es von den Meistern und Begründern
der deutschen Philologie gesehen hatte , wie inan es anfängt , einmal
Erkanntes nachzuerkennen , früher Gedachtem neu belebend nachzu -
denken , Stimmen der Bergangenheit abzuhören , das Siegel der
Worte zu lösen und auf der Spur der Sprache den Geistern zu
folgen , die aus ihr zn uns reden . Man muß es selber erfahren
haben , wie die feinsten Gedanken , die Geheimnisse und Perlen der
Anslegeknnst eines Samuel b . 5 ) 1 eir unter seiner Meisterbehand -
lung anfzuleuchten begannen , wie Abraham Jbn Esra die Hüllen
von den verstecktesten Anspielungen vor seinem wahrheitsnchenden
Spürsinne wegzog und das Räthselwort gleichsam ihm ins Ohr
raimte , von so tiefbohrendem Eindringen bezwungen , wie Mose
b . Nachmans ehrfurchtgebietender Tiefsinn unter dem Zauber seines
Wortes das Herz des Hörers gefangen » ahm und die Hoheit dieses
innigsten und quellendsten aller Ausleger der heiligen Schrift Leben
und Gestalt annahm und hinter seinem Worte hervvrtrat , — um den
Verlust zu ermessen , den unsere Philologie und Exegese i » feinem
vorzeitigen Heimgange erlitten habe » .
Es war aber auch ein Verein selteiier Gaben , der diese Leistung
zeitigte . Mit der wissenschaftlichen Schulung rmd Sachkenntniß ver¬
band sich ein künstlerisches Nachempsiiiden , das dem freinden Ge¬
danken bis in seine feinsten Wendlingen nachzngehen verstand ; der
Klarheit und Helle des Geistes imb der Urtheilskraft stand eine
Wärme und unberührte reine Einfalt und Kindlichkeit im Gefühle
zur Seite , die ihn zum Nachdichter und Uebersetzer von Hause ans
befähigte und vorherbestimmte , für den die Schwierigkeiten Abraham
Jbn Esras nur zu bestehen schienen , um uubemerkt sie zu über¬
winden und ohne Vergewaltigung der von ihm unvergleichlich
anmuthsvoll gehandhabteu Muttersprache nachzuahmeu . Was er für
diesen HeroS unseres mittelalterlichen Schriftthinns gethan hat , ge¬
nügt allein , um das Andenken eines Forschers in der Wissenschaft
zu sichern . War er ihm doch mit allen Kräften seines Geistes wie
seines Herzens » achgegaugeu , hatte er doch seine Quellen ausgesucht ,
uni sich zu erfüllen mit de » Darstellungen und Auschalumgeu , aus
denen heraus er gedacht und gedichtet hat . Ach , daß es ein Torso
hat bleiben sollen , was im Geiste des Urhebers ein vollendetes
Kunstiverk zu iverden bestimmt war . Denn erst in der Gluth und
Innigkeit von Jbn Esras religiöser Poesie hätte die volle Kon -
genialität und Liebe seines Uebersetzers sich uns offenbart , von der
bis jetzt nur einen Theil kennen zu lernen » ns beschieden war .
Unersetzlich aber bleibt vollends der Verlust , den die Wissen¬
schaft dadurch zn beklagen hat , daß die Gesammtdarstellung von
Jbn Esras Weltanschauung , einem der bedeutsamsten Probleme
der mittelalterlichen Geistesgeschichte , die Ros in allein uns hätte
hinterlassen können , nicht zur Vollendung kommen durfte . Auf
Grund der bis in die letzten Fragen der Texteskritik vollendeten Be¬
herrschung des gesammten von diesem Denker und Bibelerklärer her -
rührenden Schriftthinns hätte er allein uns die zerrissene Einheit ,
die wir nicht nachschaffen können , das geistige Band der auseinander -
gefallenen Glieder an der Hand feiner reichen , dem Denker in seine
Ursprünge und Aiitriebe nachgehenden Studien herzustellen vermocht .
Aber ivas bedeuten die Verluste , die durch das Erlöschen seines
Lichtes unsere mittelalterliche Litteratur und ihre Heroen er¬
litte » haben , gegen das , was unser altes heiliges Schriftthnm
und die hebräische Grammatik in diesem ihren liebreichen Pfleger
verloren hat . Rur einen Hauch seines Geistes haben die exegetischen
Beiträge , die er zur Zunz - Jubelschrift geliefert hat , in weitere Kreise
getragen . Aber nur Denen , die seiner sprudelnden Rede , in der
seine unvergleichliche Sprachkraft sich offenbarte , Zeugen geworden
sind , wird das Vollmaß seines Könnens auf dem Gebiete der Aus¬
legung des Gotteswortes znm Bewußtsein gekommen und in Er¬
innerung geblieben sein . Zahllose Beobachtungen und Entdeckungen ,
wie sie nur das liebevollste Eindringen belohnen , bereicherten und
schmückten seine Vorträge , in denen vom Geiste der von ihm inter -
pretirten Auslegungskünstler ein Theil lebendig geworden war . Wie
leuchtete sein Auge , wie strömten die Lippen , wenn er eine versteckte
Falte des tiefgründigen Bibelwortes enthüllte und aus tiefster Gläubig¬
keit und Ueberzeugungsgluth heraus die Offenbarungen des Gesetzes
zu seiner Seele Seligkeit zu deuten und zu preisen vermochte ! Dann
löste der Redner den Schriftgelehrten ab , der Lehrstuhl ward zur
Kanzel , der Unterricht Weihe , der Philologe ging im Theologen , der
Wortforscher im Schriftdeuter auf ! Aber von allein Diesem werden
Viele zeugen können , die sein Wort vernommen haben , ganz aber
und in seiner wahren stillen Größe werden nur die ihn gekannt
haben , denen in sein tapferes Herz und auf den Kristallgruud seines
Gemüthes zu schauen vergönnt gewesen ist . Denn er hat auch dem
Leben angehört und den Kampf nicht gescheut , wo es seine Ueber -
zeugung und das Recht der als wahr erkannten Sache galt . Er hat
Schicksale getragen und den Widerwärtigkeiten des Lebens zu wider¬
stehen gewußt , wie es nur dem Geiste so sehr den Quellsprung des
Gemüthes verrathender Gläubigkeit gelingt , wie sie in seinem großen
Herzen lebte . Ohne das Herz auf den Lippen zu tragen , keusch und
zurückhaltend im Gefühlsansdruck , aber menschenfreundlich und ent¬
gegenkommend gegen Jedermann , kannte der Mann mit dem Kinder -
gemüth nur einen Haß gegen das Gemeine , nur einen Trotz wider
alle Falschheit und Doppelzüngigkeit . Nie ist ihm die Wissenschaft
über den Charakter gegangen , nie hat Wissen ohne Würde , nie
Gelehrsamkeit ohne Sittlichkeit ihm zu imponiren vermocht . In
seinen Lebensgewohnheiten bedürfnißlos , in seinem Pflichtgefühl und
seinem Tagewerk von der Regelmäßigkeit einer Uhr , hatte er stets
Mittel und Zeit genug , der werkthätigen Menschenliebe sich zu weihen ,
wenn sie ihn rief . Ein Wohlthäter der Armen , hat er auch zahl¬
losen Reiche » wohl gethan , deren Herzen zu öffnen , die er für gute
Werke herauzuziehen verstand , da dem Zauber seiner Rede , der Milde
und ins Herz dringenden Hoheit seines Wortes nicht leicht ein Mensch
sich verschloß . So ist es gekommen , daß der stille Schriftgelehrte ein
Synagogengründer geworden ist nnd daß den Besuchern des herr¬
lichen lebenspendenden Eilands in der Nordsee das jüdische Gottes¬
haus von Norderney , das er aus milden Gaben aufgerichtet hat und
noch aus neu einströmenden Mitteln zu erweitern die Genugthuung
hatte , noch in fernen Zeiten von dem trefflichen Gelehrten und
seltenen Menschen und Bekenner erzählen wird , der mehr als fünf¬
undzwanzig Mal an dieser Küste Stärkung und Lebensverlängerung ,
ja bleibende Jugend geholt hat !
Und so hat er denn auch zuletzt von dort noch Hoffnung für
ein neues Wegstück und verjüngte Schaffenskraft heimgebracht . Er
hatte seine Vorlesungen über die jüdische Religiousphilosophie , die er
nach Freudenthal und Joöl tradirte , abgeschlossen und für den
Sommer auf die Lektüre Philo ' s sich gefreut , in die er seine Hörer
einzuführen vorhatte ; zu Ostern sollte Abraham Jbn Esra wieder
an die Reihe kommen . Das greise Haupt von jungen Plänen voll ,
ini Blüthenschnee der Hoffnungen und Entwürfe , die seine reine , nur
dem Guten und Ewigen zugewandte Seele hegte , ist er am letzten
Tage des blirgerlichen Jahres wie ein treuer Arbeiter , der sein Tage¬
werk voll geleistet und sein Haus in Ehren bestellt hat . ohne Leiden
zu jenen Höhen emporgehoben worden , zu denen der Aufschwung
seiner begnadeten Seele in sehnenden Augenblicken der Weihe und