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von August Wünsche übersetzt. Die Uebertwguug des Schulchan-
Aruch rührt Don einem christlichen Missionar her; über den Inhalt
des vielbesprochenen Werkes kann man aus der vortrefflichen Schrift
von D. Hoffmanu alles Wisseuswerthe erfahren. Soviel zur Be¬
antwortung der ersten Frage.
Was nun die zweite Frage anbelangt, inwieweit der Talmud
für das Judenthum bindend sei, so können wir dieselbe einfach mit
der Erklärung beantworten, welche 200 der angesehensten deutschen
Rabbiner verschiedener Richtung vor zwei Jahren abgegeben haben.
Seiner ganzen Anlage nach ist der Talmud als die Quellenschrift
für die Auffassung des biblischen Wortes und für die Kenntniß, die
Geschichte und die Begründung des überlieferten Religionsgesetzes zu be¬
trachten. Als eine solche Quellenschrift ist der Talmud zu allen Zeiten
von den jüdischen Forschern behandelt worden. Seiner Form nach ist
der Talmud mit der Aufzeichnung der Verhandlungen einer gesetzgebenden
Körperschaft, in welcher eine Vorlage mit ihren Motiven zur Diskussion
steht, insofern zu vergleichen, als er die von mehr als 2000 namhaft
gemachten Gesetzeslehrern während vieler Jahrhunderte in den Lehr¬
häusern gepflogenen Verhandlungen aufzeichnet, die verschiedenen, oft
widerstreitenden Meinungen neben einander stellt, jede Ansicht, die zu
Wort kam, jede Auffassung, die geäußert wurde, in der ganzen Lebendig¬
keit der Diskussion wiedergiebt, und zwar ohne dabei immer zu einer
endgiltigen Entscheidung zu gelangen. Der Talmud enthält somit über¬
aus zahlreiche Aussprüche, welche, als die Meinung Einzelner, niemals
eine bindende Kraft erlangt haben.
Wir meinen, daß auch diese Antwort objektiven Fragestellern
genügen könnte. Der Zusatz, die Verbindlichkeit des Talmud „für
gewisse Synagogen" betreffend, entstammt einer völlig ungenügenden
Information in Bezug ans die religiöse Organisation des Judenthums.
Tie dritte Frage erledigt sich eigentlich nunmehr von selbst. Es
liegt nach der obigen Erklärung nicht das geringste Bedenken dagegen
vor, einzelne Talmndtheile in den jüdischen Schulen als Lehr- und
Lesebücher zu benutzen, obwohl dies, so viel wir wissen, noch Glicht
in zehn jüdischen Schulen in Deutschland der Fall ist. Und diese
zehn Schulen sind, wohlgemerkt, höhere Lehranstalten. Was mit
den „privaten israelitischen Religionsstunden" gemeint ist, in denen,
mie der Fragesteller „aus eigener Erfahrung" wissen will, Talmnd-
nnterricht ertheilt werden soll, ist uns nicht recht klar geworden. Am
Ende hat doch jeder Pater das Recht, seine Kinder privatim das
lehren 31 t lassen, was ihm zweckmäßig erscheint, obwohl wir auch in dieser
Beziehung glauben, daß nur ein verschwindender Bruchtheil der Juden
in Deutschland seine Kinder privatim im Talmud unterrichten laut.
So viel zur Beantwortung der drei Fragen. Wir möchten aber
dieser Antwort noch einen Wunsch hinznfügen. Es giebt einen sehr
wichtigen Traktat im Talmud, von dem wir wünschten, daß er nicht
blos in allen jüdischen, sondern auch in allen christlichen Schulen
gelehrt unb von allen Menschen beherzigt werden möge. Das sind
die „Sprüche der Väter" (Pirke Abot), die unzählige Mal ins
Deutsche übersetzt sind, und die die Grundsätze der reinsten Sittlich¬
keit, der erhabensten Moral verkünden, einer Sittlichkeit, zu der sich
alle linsere ethischen Kultnrgesellschaften und Moralphilosophen noch
nicht erhoben haben. Unsere Gegner, soweit ihr Blick nicht von Haß
getrübt ist, würden staunen, welche Grundsätze der Nächstenliebe, der
Gerechtigkeit, der lautersten Frömmigkeit in diesem Talmud-Traktat
vor mehr als zweitausend Jahren verkündet wurden. Und dieser
Traktat des Talmud ist auch der einzige, der regelinäßig in den
jüdischeil Synagogen gelesen wird. Würde der Geist, der in diesem
Talmndtraktat herrscht, überall erfannt und beherzigt werden, danil
würde das gaiize Reich des gesanuiiteil Rassen- und Religionshasses
schnell fein Ende erreicht haben.
Pi t Woche.
Berlin, 12. März.
ie weitere Berathnng des Reichstages wegen des Aus¬
schlusses aus! än di sch er Juden nahm eineil sehr lebhaften
Charakter an. Die Abgg. Lieber und Hermes wendeten sich
gegen die Anträge; Ersterer, weil das Centrnni von Ausnahme¬
gesetzen llichts wissen wolle, Letzterer, weil er darin eine Allfhebllilg
der Gleichberechtiglmg aller Staatsbürger sehe. Abg. v. Langen (dk.)
trat im Stil der antisemitischen Volksversammlung für die Anträge
ein. Der jüdische Einfluß in Deutschland sei schon groß genug, so daß
mail möglichst dafür sorgen lnüsse, daß nicht iioch weitere alls¬
ländische Juden zur Verstärkuiig desselben hereinkümen. Abg. Richter
beailtragte darauf, über den Alltrag der Konservativeil zllr Tages-
ordllung überzugeheil und sprach selbst als Rediler für die Tages¬
ordnung, indenl er es als nothlveiidig bezeichnete, biefen unerquick¬
lichen Debatten, die nur den Ton im Reichstage erheblich verschlechtern,
ein möglichst schnelles Ende zu machen. Abg. Förster (Reformpartei)
sprach gegen die einfache Tagesordninlg; er verlangte für die an-
gegriffenen Ailtisemiten das Recht der Bertheidigung. Darallf wllrde
der Antrag auf Tagesordnlmg abgelehnt und ein Schlußantrag
ebenfalls verworfen. Gegen : Vi5 Uhr erhielt Abg. Ahlwardt lmter
großer Unruhe des Hailses zu einer unerhörten Hetzrede das Wort,
in der er die Juden als Raubthiere, als Parasiten u. s. w. schilderte.
Seiile Ausführungen ernteten leider die lebhaftesten Beifalls- und
Heiterkeitsausbrüche auf der rechten Seite des Haiises. Zllr Gc-
schäftsordilUilg beschwerte Abg. Richter sich darüber, daß, elltgegeil
dem gestern vonl Prüsidentell proklamirten Grundsatz, dein Abg. Ahl¬
wardt gestattet sei, das gesammte Jlldenthuiil alißerhalb des Hallses
mit Beschimpfungen zu überhüufeil. Präsident v. Levetzow lehnte es
aber ab, von Herrn Richter Belehrungen über seiile Anltsführnllg
eiltgegenzunehmeil. Tarailf wurde die Debatte geschlossen 1111 b nach
kurzen Schlußworten der Antragsteller zllilächst der Alltrag Hasse
gegm die Stimmen der Konservativeil und Natioiialliberalen ver¬
worfen. Die Abstililmuilg über den Alltrag Hanlmerstein war eine
namentliche; sie ergab die Ablehnung des Antrages mit 157
gegen 61 Stimmen.
Am darauffolgenden Tage ertheilte der Präsident des Reichstags
dem Ahlwardt folgenden Ordnungsruf:
Ich halte es für angebracht, auf einen Vorgang zurückzukommen,
der sich in der gestrigen Sitzung abgespielt hat. Es sind verletzende
Aeußerungen recht häufig vorgekommen gegen Personen-Gemeinschasten,
gegen politische Parteien, Sozialdemokraten, Konservative, Antisemiten,
gegen Bernfsstände oder Jnteressengenossenschaften, Junker, Pfaffen,
Arbeitgeber, Alles ist dagewesen. Dabei ist immer stillschweigend aus¬
drücklich vorausgesetzt, daß damit eine Allgemeinheit gerneint sei, die
nicht wohl beleidigt werden könne, nicht aber irgend eine Person inner¬
halb oder außerhalb des Reichstages. Ich habe das immer bedauert,
aber mich nicht für im Stande gehalten, der einmal entstandenen Ge¬
wohnheit entgegenzutreten; ich möchte aber auf keinen Fall, daß diese
Gewohnheit noch weiter um sich greift. Nun hat der Abgeordnete Ahl¬
wardt von der üblich gewordenen Lizenz nicht nur einen übermäßigen
Gebrauch gemacht, sondern auch Ausdrücke gebraucht, die mit der Würde
dieses Hauses nicht verträglich sind. (Zustimmung.) Ich erinnere nur
an den einen Ausdruck, den Ausdruck „Raubthiere", den er ganz
ausnahmslos anwandte gegen die das deutsche Bürger¬
recht genießenden Juden Um nun solchen Vorkommnissen für die
Zukunft vorzubeugen und den übrigen Konsequenzen, die sie haben, rufe
ich den Abg. Ahlwardt nachträglich zur Ordnung. (Beifall.) Ich bin
dazu veranlaßt auf Grund eigener Erwägung, keineswegs aber etwa
auf Grund einer geschästsordnungswidrigen und deswegen von mir
zurückgewiesenen Bemerkung, die in der gestrigen Sitzung gemacht
wurde.