124
„ Und was treiben Sie denn jetzt ? Arbeiten Sie schon am
vierten Bande Ihrer Metaphysik ? Wissen Sie, " fuhr er fort ,
ohne meine Antwort abznwarten , „ ich sollte meinen , es wäre schlie߬
lich doch besser gethnn , wen » Sie , anstatt diesen metaphysischen
Grübeleien nachzuhänge » , sich eifriger mit der Wissenschaft des
Judenthums beschäftigen wollten . Das ist ein ganz unerschöpfliches
Feld . Auch verlangt heute Ihr hartbefehdetes Volk von einem jeden
gebildeten Juden , daß er sich der Vertheidigung desselben mit aller
Kraft widme . Sehen Sie , das wäre nach meiner Meinung das
rechte Feld für Ihre Thätigkeit . "
„ Sie mögen nicht ganz Unrecht haben, " erwiederte ich , „ allein
Sie wissen doch , wir gehen Alle , ivohin uns der Geist treibt . Die
Wissenschaft des Judenthnms hat , sollte ich meinen , Bearbeiter und
Vertreter genug , nicht allein unter den Inden , sondern auch unter
de » Christen . Männer , die weit besser als ich hierzu geeigenschaftet
sind . Und wenn es die Vertheidigung meines Volkes und Glaubens
galt , da habe ich mich wahrlich nie feige verkrochen , besonders wenn
es galt , gegen das schwere Unrecht anzukämpfen , welches den Juden
angethan wirb , indem man fite das Vergehen des Einzelnen stets
die Gesammtheit verantwortlich machen will . Die Juden und die
Mäuse , pflegte mein Vater , seligen Angedenkens , zu sagen . Da
kommt ein Brod auf den Tisch , das von irgend einem Mäuschen
angefressen ist . Gleich zanken Alle : die Mäuse , die Mäuse ! "
„ Wundert Sie das ? " entgegnet « der Geistliche , „ mich nicht !
Recht ist es ganz getviß nicht , daß man für das Vergehen oder
Verbrechen des Einzelnen alle Juden haftbar machen will ; allein
berechtigt ist solches in jedem Falle . "
„ Ans Ihrem Munde , lieber Nachbar , überrascht mich dieser
Ausspruch im höchsten Grade . Also recht nicht , aber berechtigt , —
wie soll ich das verstehen ? "
„ O , nichts einfacher als das . Gesetzten Falles , Sie Hütten an
einem fremden Orte , in einem fremde » Hause mit Ihrer gesammten
Familie gastfreie Aufnahme gefunden . Nehmen wir an , einer von
Ihren fünf Söhnen hätte sich eines schweren Unrechts zu schulden
kommen lassen . Würden Sie es dem Hauswirth verdenken können ,
wenn er für dieses Unrecht die ganze Familie verantwortlich machen
wollte . Würden Sie und alle die Ihrigen sich selbst nicht auch
schwer bedrückt fühlen ? Ganz in derselben Lage befinden sich Ihre
Glaubens - und Volksgenossen den europäischen WirthsVölkern
gegenüber . Ich weiß es wohl , es ist ein schweres Unrecht , Unmög¬
liches und Unmenschliches zu verlangen , daß unter sechs bis sieben
Millionen Menschen sich kein einziges , nichtsnutziges und verdorbenes
Subjekt befinden solle ; allein Gast bleibt Gast , — der Wirth ver¬
langt absolutes Wohlverhalten aller seiner Gäste . "
„ Also auch Sie haben sich diese Theorie von den „ Wirthsvölkern "
augeeignet . Ich muß Ihnen gestehen , wenn mich diese Vorhaltung
unvorbereitet getrosten hätte , so würde ich vielleicht verstummt und
verstimmt , kein Wort der Entgegnung in Bereitschaft haben . Allein
diese Theorie ist nicht mehr neu . Schon vor etwa 15 Jahren hat
ein Pseudophilosoph , Lazar Hellenbach , i » einer Schrift gegen
die Juden die „ Wirthsvölker " in den Kampf eingeführt , und einer
der bedeutendsten Philosophen der Gegenwart , E . v . Hartmann ,
hat in seinem Bliche : „ Das Judenthum in Gegenwart und Zukunft " ,
diese Theorie übernommen und ein ganzes System darauf aufgebaut .
Eine gefährliche Theorie , das muß ich gestehen , — wenn ich einen
Gast habe und seine Nase gefällt mir nicht , nun , so sage ich doch ,
mach ' daß du fortkommst , hier hast du nichts zu suchen . Es kommt
nur darauf an , ob diese Theorie richtig ist . "
„ Richtig ist sie jedenfalls, " erwiederte der Geistliche ; „ allein man
sollte darüber hinwegsehen . Ihr Volk hat eine große Mission ,
vielleicht die größte unter allen Völkern der Welt , vollbracht . Aus
dem Schooße des Judenthums ist das Christenthum hervorgegangen ;
das » vollen und sollen wir nie vergeffen . Und tver weiß , ob die
Mission Ihres Volkes damit schon beendet tvar . Wir sind zwar
gute Christen , ob aber auch gute Menschen ? — das habe ich stets
bezweifeln müssen . Da haben wir nun noch sehr Vieles zu lernen ;
das aber können wir am besten , wenn nicht von Ihrem , so doch an
Ihrem Volk . An unfern Gästen können wir lernen : Verträglichkeit ,
Milde der Gesinnung , Achtung aller menschlichen Kreatur , nachsichts¬
volle Duldsamkeit , Sünftigung und Sittigung aller noch ungebän -
digten Triebe und Begierden , und hierzu war kein Volk besser
geeignet , wie das Ihrige — nicht nur seiner Tugenden , sondern » och
mehr seiner Untugenden wegen . Wer weiß , ob es nicht im Heils¬
plane der Vorsehung gelegen , daß die übrigen Völker Ihr Volk als
Gast aufnehmen mußten . Allein ich kann mir nicht helfen — Sie
kommen aus einem fernen und fremden Laude hierher gewandert ,
sind Gäste dieses Landes und haben sich hiernach zu betragen , und
wir werden das Gastrecht zu respektiren haben , selbst wenn sie uns
diese Aufgabe auch nicht gerade leicht machen sollten . "
„ Sie reden da immer von meinem Volke . Sind > vir denn noch
ein Volk oder nur eine Religionsgenoffenschaft ? "
„ Eine Religionsgenossenschaft ? möglich ; als solche sind sie mir
nicht gerade gleichgiltig , aber völlig bedetitungslos . Alle Bedeutung ,
die der Jttde , der einzelne und die Gesammtheit , » och für uns hat ,
bezieht sich auf „ das Volk der Juden " . Und ich sollte meinen , der
Jude habe gar keine Veranlassung , sein Volk und seine Zugehörigkeit
zu diesem Volke zu verleugnen . Wer hat eine solche Vergangenheit
| gehabt , wer so viel große und tapfere Männer hervorgebracht , wem
ist eine so gewaltige und unvergleichliche Weltmission zu Theil ge -
lvorden , wer hat seinen Volksstamm so rein erhalten , wie eben dieses
Volk der Juden ? Was wäre denn Ihr Glaube ohne Ihre Volks -
genosseuschaft ? Rein gar nichts ! Haben Sie denn überhaupt noch
ein weiteres Bekenutniß , als : Ich bin ein Jude ! ? Und welch eine
Summe von höchster Erkenntniß und Glaubenstreue , Märtyrermuth
und Kraft der Welterlösung steckt in dem einen Bekenntuißtvort : Ich
bin ein Jude ! Der Jude , welcher sein Volk , seine Nation , seine
Abstammung verleugnen oder als abgethan tmd aufgegaugen i »
anderen Nationalitäten und Volksgenossenschaften betrachten könnte ,
der ist in meinen Augen ein ganz erbärmlicher Mensch . Ich glaube
nicht , daß ich Sie , lieber Doktor , zu dieser Sorte von Menschen
rechnen darf . "
„ Wie ich mich zu dieser Auffassung stelle und verhalte , thut
nichts zur Sache , Herr Superintendent , nur Eines hätte ich gewollt
und gewünscht , daß Sie die gesummte Judenheit Hütten sprechen
hören . Allein halten wir diesen Standpunkt fest — mein Volk
wäre bei dem Ihrigen , wie auch bei anderen Völkern zu Gaste . Wie
wäre es nun , wenn wir einmal den Spieß umkehren und behaupten
wollten , Ihr Volk , sowie auch die anderen Völker wären bei dem
unsrigen zu Gaste . Die geringe Verhältnißzahl der Unsrigen thut
nichts zur Sache . Der Wirth ist immer nur ein Einzelner , der
Gäste , die bei ihm ein - und ausgehen , sind es aber sehr viele . So
kann auch das kleine Volk sehr gut als der Wirth des großen Volkes
betrachtet werden . "
„ Das kann doch wohl Ihr Ernst nicht sein , behaupten zu wollen ,
daß die Juden im Stande des Wirthsvolkes der großen deutschen
Nation gegenüber sich befinden könnten . "
„ Es ist auch mein Ernst nicht ; ebensowenig aber kann ich es
als Ernst betrachten , wenn man die anderen Nationen in Bezug
auf die Juden als die Wirthsvölker hinstellen will . Die Größe
macht ' s doch nicht aus . Eine Hand voll Engländer gebehrden sich