59. Jahrgang. Ar. 16.
Allgemeine
Berlin» 19. April 1895.
eitung des Audenlbums.
Gm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.
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Inhalt. Leitartikel: Humanität in Israel. — Die Woche. — Der Anti¬
semitismus vor Gericht. Aon Rechtsanwalt Dr. Eugen Fuchs. — Briese aus
Italien. II. Von Tr. Adolf Weidmann. — Zur Lchulstatistik. Von W. Heß.
- Amerikanische Briefe. Von Pros. Tr. G. Deutsch (Schluß). — Aus Moritz
Veits Nachlaß. III. Von Prof. Tr. L. Geiger. — Feulüetonr Aufgegangene
Saat. Bon Jennv Hirsch (Fortsetzung). — Moderner Kinderraub. Von Rechst-
anwalt Emil Lehmann. — Littcrarische Miltheilurigerr. — Sprechsaal.
Der Gerneindepole. Korrespondenten und Nachrichten: Berlin.
Vromberg. Aus der Provinz Posen. Meseritz. Breslau. Ratibor. Gleiwitz. Zauer,
Frankfurt a. Dt.. Stuttgart. Wien. Rom. New-Pork. Mogador. — Bon Nah
and Fern. — Miscellen. — Geschäftliche Notizen.
Humanität in Israel.
Berlin, 17. April.
ft schon, ja öfter als uns lieb ist, haben wir unfern Lesern
voll dem sog. „wissenschaftlicheil Antisemitismus" die selt¬
samsten Proben gegeben. Um so erfteulicher ist es uns,
auch einmal eine rühmliche Ausnahme konstatiren zu könneil. Eine
solche Erscheinung wirkt in einer Zeit, wieder gegenwärtigen, wie der
?rste Frühlingssonnenstrahl nach langer Winterszeit.
Wir haben schon wiederholt auf eine kleine, aber merkwürdige
Schrift über den israelitischen Prophetismus von Professor Earl
Heinrich Eornill die Aufmerksamkeit unserer Leser gelenkt. Die
Art und Weise, in welcher dieser freisinnige nnd gelehrte Theologe
über die Bedeiiiung des Judenthums als Kulturreligion sich in jener
Schrift aussprach, wurde anderen Erscheinungen gegenüber mit be¬
sonderer Genugthuung hervorgehoben. Heute sind lvir in der er¬
freulichen Lage, über eine zweite Schrift desselben Gelehrten berichten
zu können, die von der gleichen Dbjektiviiät erfüllt ist, nnd deren
besondere Bedeutung darili liegt, daß sie eine in unserer Zeit viel
umstrittene Frage in gründlicher, sachkundiger und wahrhaft un¬
parteiischer Weise beleuchtet. Borausschickeir wollen lvir, daß der
Verfasser ordentlicher Professor der alttestamentlichen Theologie an
der Universität zu Königsberg ist, daß man ihn als einen der ge¬
lehrtesten Bibelkenner schätzt, nnd daß die Schrift, um die es sich
handelt, ein Vortrag ist, den derselbe am 8. Januar d. I. im „Verein
für jüdische Geschichte und Litteratnr" zu Königsberg gehalten hat.
Das Thema des Vortrags lautet: „Das Alte Testament und
die Humanität" (Leipzig 1895, I. C. Hinrichs).
Der Verfasser hebt ausdrücklich hervor, daß er dies Thema
gerade darum gewählt, iveil Unverstand und böser Wille sich bei¬
kommen läßt, der Religion Israels „Humanität abznsprechen oder
sie ihr doch wenigstens mir in bedingter Weise zuzuerkennen". Er
unternimmt zu diesem Zweck'einen Gang durch die heilige Schrift
Israels nach ihren drei Kategorien: Thora, Propheten und
Schriften.
I Gleich auf dem ersten Blatte der Thora findet er das Wort:
! Und Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde, nach göttlichem
Ebenbilde schuf er ihii.
„Dies Eine Wort würde genügen, den göttlichen Ursprung der
heiligen Schrift Israels zu erweisen. So weit wir den Bereich des
natürlichen Menschen prüfen und verfolgen, finde»» wir iinnier und
überall das Gegentheil: Da schafft vielmehr der Mensch Gott vach
seinem Ebenbilde, nach Menschenart. Der kriegerische und brutale Affur,
die wollüstige und blutdürstige Jstar sind Typen assyrischen Wesens; in
Zeus haben wir das Idealbild des hellenischen Mannes, in 'Apollo und
Ares das des hellenischen Jünglings, nach der Seite der geistigen und
leiblichen Kraft; in dem altlateinischen Diespiter erkennen wir sofort
den souveränschaltenden römischen pater familias, in Mavors den welt¬
erobernden römischen Soldaten; Wodan und Donar sind echt germanische
Recken, Fricka die deutsche Hausfrau. Diese Erscheinung ist so allgemein
und so in der Natur des Menschen begründet, daß einer der tiefsinnigsten
altgriechischen Denker das Wort anssprechen konnte: Wenn Stiere und
Löwen Religion haben, so stellen sie sich Gott als Stier oder Löwen
vor. Nur Israel nimrnt den Ausgangspunkt von Gott, um das Wesen
des Menschen zu bestimmen, und hat so für die ivahre Humanität den
unverrückbaren Grund gelegt. Wie sollte der Mensch seinen Mitmenschen
gering schätzen oder verachte»», den Gott selbst seines Ebenbildes ge¬
würdigt hat?"
Coriliü lenkt mm den Blick seiner Hörer ans die sogenannte
Völkertafel in Kapitel 10 der Genesis, >vo die ganze Menschheit als
Nachkommen der drei'Söhne Noahs, Sein, Ham und Japhet dar¬
gestellt und anfgezühlt wird. Dem oberflächlichen Blick zeigt sich
hier nichts als ein trockenes und dürres Verzeichniß von siebenzig
Völkern, dem wir weder Belehrung noch Erbauung entnehmen zu
können meinen.
„Und doch besitzt die ganze nichtisraelitische Litteratnr nichts, »vas
diesen» trockenen »mb dürren Verzeichniß von siebenzig Völkernamen an
die Seite zu stellen »väre, — »venn »vir seine Hieroglyphen nur zu
deuten wissen. — Da ist kein selbstsüchtiges Interesse, kein niedriger Be¬
weggrund wahrzunehmen, sondern es ist der die ganze Welt u»n-
fassende Liebesblick, der in der Menschheit eine große Fainilie von
Gottes Kindern sieht, die eben als Kinder des Einen himmlischen Vaters
untereinander Brüder sind. Also der Geist echtester und höchster Huina-
'»vität, wie sie als ivahre Himinelstochter auf religiösem Grunde er¬
wachsen ist — die praktische Bcthätignng und die nothivendige
^Folgerung der Lehre, daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde
geschaffen."
Der Verfasser prüft nun die direkten gesetzlichen Bestimmnngen
;bev Thora, welche von der Htimanilät eingegeben sind und sie
dringend fordern. Die Schwachen nnd Schutzlosen, Wittwen,
Waisen, Arme, Fremdlinge iverden stets aufs Neue, der Liebe und
fGüte empfohlen, mit dem Hinweise darauf, daß Israel von Aegypten
jher selbst wisse, wie es einem solchen zu Muthe sei. Daß bei allen
"religiösen Festen Gastfreundschaft »nd Mildthätigkeit geübt wird, ist