niedergelassen hätten. Das Gesetz geht also tatsächlich die
Judenschast an, obwohl die englischen Gesetzgeber sowohl wie
selbst diejenigen, die seit Jahren immer dringender dieses'
Gesetz verlangt haben, sich mit größtem Nachdruck, und wir
glauben mit voller Ausrichtigkeit, dagegen verwahrten, Anti¬
semiten Zu sein.
Der Fehler, der dabei gemacht wird, ist, daß man wegen
einer Kirchturmsfrage, wegen eines vermeintlichen Uebels,
über welches in einem einzigen Teile einer einzigen Stadt
geklagt wird, ein Reichsgesetz gemacht, daß man mit Kanonen
aus Spatzen geschossen hat, während man entweder die
bereits bestehenden Wohnungs- und Fabrikgesetze mit größerer
Strenge hätte aussühren oder nötigenfalls sie noch mehr hätte
verschärfen sollen.
Wir nannten das Uebel, welches das englische Parlament
verleitet hat, ein so unenglisches Gesetz zu machen, ein „vermeint¬
liches". Gewiß ist der Londoner Osten von Juden übervölkert.
Aber wie von englischen Geistlichen, Lehrern, Behörden, durch
die Statistik nachgewiesen worden ist, zeigen sich in diesem
Londoner Ghetto nicht die gewöhnlichen schlimmen Begleit¬
erscheinungen der Uebervölkerung. Der Gesundheitszustand ist
besser als er früher war, jedenfalls weil die Juden fleißiger
und nüchterner sind. Es ist ferner eine von der Polizei selbst
anerkannte Tatsache, daß die Sicherheit dieser Stadtteile weit
größer ist, seitdem die Juden zu Zehntausenden sich hier
niedergelassen haben, als früher, da ein Fremder selbst am
Hellen Tage nicht durch die Straße gehen konnte, ohne Gefahr
beraubt oder gar ermordet zu werden. Wer Studiums halber
oder sonst aus irgend einem Grunde früher in diese Gegend
. geriet, dem bot sich der diensttuende Polizist am Hellen Mittag
ganz von selbst als Begleiter an und ließ den Fremden nicht
aus dem Auge, als bis dieser die gefährliche Gegend verlassen
hatte. Das hat sich, gegen früher wesentlich gebessert. Wenn,
wie behauptet wurde, die eingewanderten Juden, Arbeiter aus
manchen Gewerben verdrängten, so haben sie dafür auch
manche Industrien eingeführt oder ganz bedeutend gehoben.
Gewiß auch arbeiten die armen, bedürfnislosen Juden, die
froh sind, die freie Luft selbst eines übervölkerten Stadtteils
im nebligen London atmen zu dürfen, für einen ganz geringen
Lohn. Aber die echt englischen Näherinnen, die fünfzig Pfennig
den Tag verdienen, taten es schon früher. Im Allgemeinen
kann man auch den russischen Juden nicht nachfagen, daß sie
ungern höhere Löhne nehmen. So wie sie sich ein wenig
akklimatisiert haben, verlangen und nehmen sie mit Wonne
mehr. Es wird aber in London wie in Newyork von den zu¬
ständigen Persönlichkeiten übereinstimmend berichtet, wie
geradezu wunderbar schnell die Juden, namentlich auch die
Jugend, sich akklimatisieren, und Sprache, Gewohnheiten, Denk-
und Lebensweise des Landes annehmen.
Wir wollen nicht näher eingehen auf die trefflichen Reden,;
mit welchen Sir Charles Dilke, Asquith, Burns die Bill be¬
kämpften. Stellte ja sogar der Minister des Innern den
„ungewünfchten Fremden", d.h. den russischen, rumänischen re.
Juden das Zeugnis aus, daß sie gut und nützlich seien.
Was aber macht sie denn „nicht wünschenswert?" Die Ver¬
teidiger der Bill geben teilweise als Grund an, daß sie den
Zustrom der konkurrierenden Juden eindämmen möchten, da¬
mit nicht der Antisemitismus auch in England sich einniste.
Es fragt sich nur, ob man, indenr man, wenn auch widerwillig,
Rücksicht auf den Antisemitismus nimmt, diesem nicht gerade
den Weg öffnet. Wir glauben nicht, daß, wenn nicht schon :
jahrelang von der Möglichkeit eines solchen Gesetzes die Rede'
gewesen wäre, Vorkommnisse wie die in Limerick imJnselreiche
denkbar gewesen wären. Hier hat ein katholischer Priester das
Amt des ehemaligen Pastors Krösell übernommen, das Ritual¬
mordmärchen aufgetischt und eine Boykottierung der Juden zu¬
stande gebracht.
Wir kommen zu der Hauptfrage : Ist das Gesetz praktisch?
Wird es seinen Zweck erfüllen? Darauf müssen wir antworten,
daß es wahrscheinlich seinen Zweck nicht erfüllen, vielleicht so¬
gar die Dinge noch verschlimmern wird. Rußland- das gern
eine Anzahl seiner Juden los werden will, wird eben gerade
den allerminderwertigsten Juden, die es am liebsten los würde,
gute Pässe geben, und der strengste Einwanderungskommissar
wird diese Einwanderer nicht zurückweisen können, wenn sie
nicht gerade mit einer ansteckenden Krankheit behaftet sind.
Dagegen würden, wenn es auf die russischen Pässe ankommt,
niemals Männer wie Herzen, Bakunin, Krapotkin, Zola, Louis
Blanc, Karl Blind, Mazzini und tausend andere mehr nach
England kommen und die englische Gastfreundschaft Preisen
dürfen.
Es ist unenglischer Geist in diesem Gesetze; es hätte nie¬
mals vorgeschlagen und angenommen werden können, wenn
man nicht glaubte, die. Scham auch ein wenig ablegen zu
dürfen, in der Meinung, eine durch den russischen Antisemitis¬
mus geschaffene Unbequemlichkeit los werden zu können. So
hat doch wenn nicht englischer, so doch russischer
und auch deutscher Antisemitismus dieses legislatorische
Kuckucksei den Briten ins Nest gelegt. Schade um den Ruhm
des freien Altengland. Aber es werden Juden nicht allein, sie
vielleicht weniger als andere, die in England sich niederlassen
wollen, durch das Gesetz zu leiden haben.
«QSK
Dir Wachr.
Berlin, 3. Mai.
ie Börse und die Presse — diese beiden Institutionen
bilden seit jeher die wichtigsten Angriffspunkte unserer
Gegner. So ist es kein Wunder, daß sie auch aus der Be¬
ratung der Börsengesetz-Novelle im Reichstage Kapital zu
schlagen suchen. Der Zusammenhang der roten und der
goldenen Internationale ist in diesem Falle ein beliebtes
Stichwort, auf das hin von der rechten Seite programmmäßig
immer Beifall folgt. So fehlte es auch nicht in der Rede des
großen Parteidiplomaten Grafen Reventlow, der sogar der
Regierung die schärfste Opposition und dem Reichstag
Obstruktion androhte. Er wurde dafür vom Präsidenten zur
Ordnung gerufen und vom Handelsminister energisch zurecht¬
gewiesen. Man darf gespannt darauf sein, wieweit dieser
antisemitische Mannesmut vor Königstronen noch gehen wird.
Im bayrischen Landtag mußte diesmal die Presse wieder
herhalten. Der bekannte Herr Anton Memminger hatte den
Antrag auf Gründung eines bayrischen Staatsanzeigers gestellt.
In der Debatte bemerkte der liberale Abgeordnete Sartorius
zu der hierauf bezüglichen Petition der christlich-sozialen Ber¬
einigung in. München, daß jeder sofort beim Durchlesen die
Ueberzeugung gewinne, es handle sich hierbei nur darum,
die religiöse Frage und die Judenfrage aufzurollen. Er gehöre
nicht zur „Judenschutztruppe", fühle, aber keinen Anlaß, .ohne
zwingenden Grund gegen diese Glaubensrichtung auszutreten.
Wenn es sich um geschäftliche Auswüchse handelt, so kann man
auf deren Beseitigung hinwirken, ohne Rücksicht darauf, ob
Jude oder Christ. Diese Fragen sollen also ausgeschaltet
bleiben. Abgeordneter Memminger behauptete in seinem
Schlußworte, daß die meisten Münchener Zeitungen Juden¬
blätter seien. Die Preßleute wären mehr oder weniger von