Zehn Juden , darunter auch Dr Reißer , wurden ermordet . Auf tele ,
graphischen Befehl des Grafen Witte hörte der Krawall mit einem
Ruck auf . Die Arbeiter hielten eine Versammlung ab , in welcher
beschlossen wurde , alle diejenigen , welche aktiv am Krawall teil¬
genommen haben , resp . geraubtes Gut besitzen , den Behörden anzu¬
zeigen . In Nikopol wurden zahlreiche Häuser und fast alle
Läden demoliert - . In Nikolajew ging der Krawall unter
Leitung der Polizei vor sich , welche die Barfüßler mit Knüttel ,
Stangen und Brecheisen versah , mit denen sie sämtliche
jüdische Häuser und Läden demolierte . Die Zahl der Verwundeten
ist sehr groß . Grausig war der Krawall in Rasdjelna , wo
eigentlich gar keine Juden wohnen . Zu plündern gab es da aller¬
dings nichts . Dagegen hielt eine Mörderbande zwei die Station
passierende Schnellzüge an , zerrte die jüdischen Reisenden aus den
Wagen , plünderte , sie aus und schlug sie unmenschlich , wobei die an¬
wesenden Soldaten fleißig mittaten . Als die Züge nach IVa Stunden
Verspätung weiter fahren konnten , blieben zehn Tote , darunter drei
Kinder , und 32 Verwundete zurück . Von den letzten sind zwölf im
Krankenhause von Tiraspol gestorben . Die übrigen schweben in
Lebensgefahr . Das Blut erstarrt einem in den Adern bei der Lektüre
dieser grausigen Nachrichten , daß unschuldige , ahnungslose Reisende
plötzlich überfallen und grausam ermordet werden können .
Die Stadt Odessa , welche unter 500 000 Einwohnern 170 000
Juden zählt , hat - schon ' längst die Aufmerksamkeit der Krawall -
fabrikänten auf sich gezogen . Der edle Kruschewan hat öfters in
Odessa geweilt , um einen Pogrom ä la Kisch in ew daselbst zu organi¬
sieren . Allein die Polizei fand jedesmal die Zeit für noch nicht ge -
konimen . Das Zarenmanifest mit den sich ihm anschließenden großen
Demonstrationen der freiheitlichen Elemente gab den Behörden unter
Leitung des Stadthauptmanns Neidhardt Anlaß , den längst in allen
Details vorbereiteten Krawall in Szene zu setzen . Er begann am
31 . Oktober in der in der Vorstadt Moldawanka gelegenen Dalnitzka -
straße . Von da ging er auf die Vorstädte Peresip . und Slobodka
über , wo sämtliche jüdische Häuser und Läden demoliert wurden .
Allein in Odessa gab es eine sehr starke Selbstwehr , zu der außer der
gesamten mannbaren jüdischen Jugend noch 2000 christliche Arbeiter
gestoßen waren . Dieser Selbstschutz , dem sich sofort die gesamte
Studentenschaft auschloß , kämpfte verzweifelt gegen Räuber , Polizisten
und Kosaken . Letztere , zu denen das gesamte Odessaer Militär in Stärke
von 25 000 Mann stieß , gab auf die sich tapfer wehrenden Juden
mehrere Salven ab und bombardierte schließlich die jüdischen
Häuser , aus denen auf den andrängenden Pöbel geschossen wurde , mit
Schnellfeuergeschützen . Am dritten Krawalltage war der Selbstschutz
endlich vernichtet und der Pöbel hatte vollkommen freie Hand . Es
war der „ schwarze Freitag " . Die Polizei wußte , daß die Krawalle
an diesem Tage aufhören mußten und sie instruierte ihre Banden
dahin , die noch vorhandene kurze Frist gründlich auszünntzen . Die
Vorstädte Moldawnaka , Peresip und Slobadka sind gänzlich demoliert .
Im Zentrum der Stadt plünderte der Pöbel ganze Straßenzüge . Der
Kleinmarkt wurde drei Tage hintereinander geplündert . Das Haus
des jüdischen Millionärs Spolianski ist gänzlich demoliert . Ver¬
nichtet ist die Schwarze Meer - Weinfabrik von Rofenblüth und Zirkes ,
die Mühle von Schwarz , die Oelmühle von Muskat , die Petroleum¬
raffinerie von Rosunow sowie die chemische Fabrik von Arkus und
Tschestopol . Im ganzen wurden 14 Straßen der Vorstädte und 13
im Zentrum völlig verwüstet . Dabei wurden ausschließlich jüdische
Wohnungen geplündert . Im Haus Nr . 12 in der Mittelftraße , einer
dreistöckigen Mietskaserne , in der ein einziger Christ wohnt , wurden
sämtliche jüdische Wohnungen bis auf den Grund demoliert , und nur
der Christ wurde verschont . Neben dem Rauben haben die Banditen
das Morden nicht vergessen . In der Vorstadt Romanowka gingen
die Mörder von Haus zu Haus und ermordeten alle Juden . In
einem Hause wurden mit Brecheisen 20 Menschen , in einem anderen
15 ermordet . Auch auf den Straßen wurden die Juden ermordet .
Der Pope des Ortes goß noch Oel ins Feuer , indem er geflissentlich
dem Pöbel befahl , die Kirche zu schützen . Auch ließ dieser Priester
der Religion ' der Liebe des öfteren die Glocken läuten . 150 Juden
aus der Vorstadt Romanowka wollten sich auf dem Begräbnisplatz
verstecken . Eine ' Patrouille gab aus sie eine Salve ab . Es wurden
ganze Familien ausgerottet . Eine weitere Reihe von Familien gibt
es , deren Angehörige zum größten Teil ermordet und verwundet
wurden . Sehr viele Kinder haben Eltern und sämtliche Geschwister
verloren . Die Zahl der Toten beläuft sich auf 300 , die der Ver¬
wundeten auf 2000 . Andere Nachrichten geben die Zahl der Toten
auf 500 , die der Verwundeten auf 10 000 an . 80 Prozent davon
waren Juden . Die Zeitungen „ Odesski Liftok " , „ Odeffkija Nowosti " ,
„ Jusnoje Obosrenje " , „ Das kommerzielle Rußland " und „ Jushnija
Sapiski " sahen sich infolge eines Verbotes des Stadthauptmanns
Neidhardt nicht in der Lage , die Vorgänge in Odessa wahrheitsgetreu
zu schildern und stellten daher bis auf weiteres ihr Erscheinen ein . '
Die Stadt hat 25 000 Rubel zur Unterstützung der Geschädigten und
10 000 Rubel zur Organisierung einer Miliz bewilligt .
Id . Jaroslaw . Auch die Gouvernementsstadt Jaroslawel , welche
außerhalb des Ansiedelungsrayon liegt , war am 1 . bis 3 . November
das Opfer eines furchtbaren Judenkrawalls , welcher sich wie in allen
anderen Städten Zentralrußlands gemeinschaftlich gegen „ Juden und
Liberale " richtete . Derselbe wurde unter den Augen der Polizei und
der Kosaken ausgeführt . Ja , der Pöbel wurde direkt von der Polizei
geführt . Eine Gruppe von Studenten versuchte vergebens , mit
bewaffneter Hand die Plünderer auseinanderzutreiben . Der Gouverneur
Nogowitsch , der Anführer der schwarzen Hundert , befahl , auf die
Studenten zu schießen . Am zweiten Krawalltage begannen die
Hooligans unter Vorantragung des Zarenbildes und rechts und links
von Kosaken flankiert die jüdischen Wohnungen , welche ihnen vorher
von der Polizei genau bezeichnet wurden , zu plündern . Die
Synagoge wurde zerstört . Die heilige Lade wurde in Splitter
geschlagen und die sich darin befindenden sechs Thorarollen zerrissen
und mit Füßen getreten . Der Gouverneur stand dabei und freute
sich königlich . Die Christen haben den Juden keine Zuflucht gewährt .
Nur der Direktor der Eisenbahn hat sich großmütig benommen . Nicht
nur gab er allen Juden Billets umsonst , bannt sie die Stadt ver¬
lassen konnten , sondern er ließ auch dem Gouverneur sagen , daß , falls nicht
sofort strenge Mittel angewandt würden , seine Arbeiter in der Stadt Ruhe
einführen würden . Dieses wirkte , und der Gouverneur befahl , die
Plünderer auseinander zu jagen . Die Professoren des juridischen
Instituts zu Jaroslawel richteten an Witte folgende Depesche : „ Da
der Gouverneur die Unruhen nicht nur nicht einstellt , sondern die
von der Polizei organisierte schwarze Bande zur Plünderung reizt ,
so bitten wir , den Gouverneur abzusetzen . "
20 . - 26 . Gouvernement Jekaterinoslaw . Im Gouvernement
Jekaterinoslaw fanden Krawalle in sieben Ortschaften statt . In
Alexandrowsk wurden die Lüden planvoll einer nach dem andern
geplündert und zerstört , worauf der Pöbel die Häuser zu demolieren
begann . Der gut organisierte Selbstschutz konnte nicht eingreisen , da
die Kosaken auf ihn Salven abgaben , sobald er sich nur blicken ließ .
Der Schoden beträgt eine Million Rubel . Ueber die Krawalle in
Gorlowka und Lissitschansk liegen einstweilen nähere Nachrichten nicht
vor . In Mariupol sind die meisten jüdischen Läden und zahlreiche
jüdische Häuser geplündert und demoliert . Der Schaden erreicht eine
Million Rubel . Desgleichen in Jusowka , wo das ganze jüdische Hab
und Gut vernichtet ist . Der Krawall begann daselbst am Abend des
1 . November und währte 24 Stunden . Die Synagoge ist zerstört und
die Straßen mit Thorarollen gepflastert . Zahlreiche Juden sind
ermordet und verwundet worden . Auch über den Krawall in
Jekaterinoslaw liegen nähere Nachrichten noch nicht vor . Er begann
mit zahlreichen Bränden . Aus den Hausern wurde auf den Pöbel
geschossen , worauf das Militär diese Häuser stark demolierte . 70 Tote und
160 Verwundete sind zu beklagen . Endlich ist in diesem Gouvernement
die jüdische Gemeinde von Bachmut durch einen drei Tage dauernden
Krawall nahezu völlig zerstört worden . Derselbe begann am
2 . November . Zwar gelang es zahlreichen russischen Kaufleuten und
Bauern schon am Freitag , die Ruhe wieder herzustellen . Allein die
Polizei verbreitete zahlreiche Proklamationen gegen die Juden und
fachte so den Brand von neuem an . Schon am ersten Tage wurden
sämtliche jüdischen Lüden > und zwar zuerst die großen und dann die
kleinen , geplündert und in Brand gesteckt . Darauf wurden die
jüdischen Häuser demoliert . Am folgenden Tage begann der Krawall
mit neuer Heftigkeit unter der Aufsicht der Polizei und der Kosaken .
Der Militärkommandant Selewanow weigerte sich ausdrücklich , ein -