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Sie trocknete die Hände an ihrem Tuch und folgte ihm
langsam. v • .
Die zwei anderen gingen, jeder für sich, trotzig hinter-^
drein.
Erstarrte sie mit heimlichem Grauen an. ^
Was hatte er in sein Haus gebracht? ' 7
Sie lächelte demütig.
„Ich bin so wie alle. Nur ärmer, verlassener. Nicht
anders, als die anderen."
Er erzählte am anderen Tag: „Sie ist wie alle/' ^
Sie glaubten ihm's nicht.
Ihre langen Wimpern lagen auf den Wangen, keinen sah
sie an. Sie fürchtete diese forschenden, grabenden Augen,
diese stumme, tierische Wut in den Blicken der Frauen.
(Schluß folgt.)
Literarische Mitteilungen.
— Wölbe, „Moses Montefiore". Verlag von Louis Lamm/
Berlin 1909. (Preis 2.-50 Mark. 147 Seiten.) — Als am 27. Oktober 1884
Sir Moses Montefiore die Gnade zuteil wurde, in verhältnismäßiger
Frische und.Rüstigkeit des Geistes wie des Körpers den hundertsten
Geburtstag zu feiern, erschien ein in englischer Sprache geschriebenes
Lebensbild von Mr. Israel Davis, das von Dr Julius Fiebermann
in glattem und flüssigem Stil ins Deutsche übertragen wurde und
als Separatabdruck aus der „Jüdischeil Presse" wohlverdienten Absatz
fand. — Oberlehrer Dr. Wölbe, der sich durch eine Reihe rasch auf¬
einanderfolgender Iügendschriften sehr vorteilhaft als Schriftsteller
einführte, und dessen „Major Burg" soeben bereits in zweiter Auf¬
lage erschien, hatte den guten Gedanken, diesem Helden des Menschen¬
tums ein würdiges Denkmal zu setzen in Gestalt einer flott und an«-
ziehend geschriebenen Biographie aus besonderem Anlaß der Jubelfeier
des 25 jährigen Bestehens der Montefiore-Loge. Wölbe zeigt sich auch
hier wiederum als ein außerordentlich gewandter Stilist und be¬
lesener Historiker. Es ist nicht leicht, der Fassungskraft der Kinder
gerecht zu werden und dabei auch Erwachsene nicht zu langweilen. Diese
Fähigkeit besitzt der Verfasser in hohem Maße. Dazu kommt noch,
daß ihn, ein warmer Herzenston, der Ton schlichter Frömmigkeit
eigen ist, was sich darin zeigt, daß über das ganze Büchlein eine
wohltuende religiöse Weihe ausgegossen ist. nicht frömmelnd, sondern
wirklich echt empfunden. Wölbe hat selber ein Kindergemüt und
kann mit seinem psychologischen Verständnis nachempfinden. Er weis;
sehr wohl, daß das Rührselige, stark Moralisierende in Jugendschristcn
aus der Zeit der Nieritz, Kühne, Hoffmann sich überlebt hat und vor
dem Forum der heutigen Pädagogik nicht mehr bestehen kann. Er
verfällt daher auch nicht in den Fehler dersichunnatürlich und gewaltsam
aufdrängenden Moral und reflektiert weniger. Auch über die Kunst,
aus tagebuchartigen, flüchtig hingeworsenen und nur knapp und
dürftig skizzierten Aufzeichnungen ein packendes und anschauliches
Gesamtbild zu konstruieren, verfügt er in meisterhafter Weise. Er
hat auch hier wiederum „ausgegraben", aber außerordentlich vor¬
sichtig und in weiser Beschränkung. Er hält sich vorzugsweise an
die, einen Zeitraum von 70 Jahren umfassenden Tagebücher seines
Helden, die von einem Freunde der Familie, Dr Löwe, in zwei
Bänden 1890 hcrausgegeben wurden. Viel besser als bei „Major
Burg" hat er diesmal für eine übersichtliche, auch rein äußerliche
Gliederung des Stoffs gesorgt und sehr zweckentsprechend auf den
Kern der Kapitel hinweisende Ueberschriften gefunden.
Von trefflich gewählten, der Bibel wie den vaterländischen
Dichtern entlehnten Zitaten, die der Situation stets entsprechen und
Stimmung erzeugen, macht er gern und häufig Gebrauch. Etwas
überflüssig könnte das, obwohl in sehr guter freier Uebersetzung
gleichsam als „Stimmungsbild" beigegebene „Lied vom braven
Weibe" (S. 14/15) erscheinen, während das Kompertsche Gedicht
aufs „jüdische Herz" (S. 1/2) als Einführung wohl am Platze ist.
Das.Buch füllt eine längst empfundene Lücke aus und bedeutet
eine wertvolle Bereicherung . unserer Jugendliteratur. Was könnte
auch wohl die Jugend gewaltiger anzichen, was mächtiger aus sie
cinwirken, als das Bild eines Mannes, dessen ganzes Leben ein Ein¬
setzen seiner Person für die allgemeinen Menschenrechte und besonders
für die seiner unterdrückten Glaubensgenossen auf dem weiten Erden¬
rund bedeutet; eines Mannes, der seinen durch Werke der Liebe und
Barmherzigkeiten mit: der Zeit gewonnenen Einfluß dazu benutzte,
Bittsteller und Mittler vor hohen und allerhöchsten Personen zu sein
für die in ihren Rechten Gekränkten und Unterdrückten; eines Mannes
endlich, der seinen Reichtum dazu verwandte, die Not und das Elend
seiner Mitmenschen ohne Unterschied des Glaubens zu lindern und
dabei für seine eigene Person ein Muster von Bescheiden¬
heit und Anspruchslosigkeit war. Sein Bild zeichnen —
heißt das Bild eines wahrhaft Gerechten zeichnen und im
gewissen Sinne einen befruchtenden Religionsunterricht erteilen.
Abgesehen von Dr. M. Lewin, der in gerechter Würdigung in seinem
Lehrbuch der jüdischen Geschichte in älterer Auflage ihn auf zehn.
Seiten — in der neueren, gekürzten, auch noch auf sechs Seiten —
also recht ausführlich behandelt, kommt er bei den anderen Dar¬
stellern, so z. B. bei Bäck, Braun, Cassel, selbst bei Graetz, viel zu
kurz. Erst Philippson im zweiten Bande seiner neuesten Geschichte
hat für ihn bei Gelegenheit der Damaskus-Ausschreitungen mehr
Raum. Daher ist diese neueste Gabe Wolbes mit um so größerer
Freude zu begrüßen; sie wird sicherlich der jüdischen Jugend eine sehr
willkommene Schulprämie sein.
Das Buch repräsentiert sich sehr vornehm. Auf holzfreiem
Papier in großen Typen sorgfältig gedruckt, vereinigt es Solidität
und Eleganz des Einbandes und ist mit 2.50 Mark in dieser vorzüg¬
lichen Ausstattung als nicht unangemessen im Preise anznseljeu.
Wir können nur empfehlend für das Buch eintreten und ihm
segensreichen Erfolg wünschen. Ter Verfasser hatte es bereits vor
Jahresfrist fertiggestellt, wartete jedoch mit der Veröffentlichung des¬
selben, auf Wunsch der Loge, bis zum Jubiläum derselben.
Bei einer Neuauflage wäre eine größere Berücksichtigung Cremieux',
des späteren Staatsministers jüdischen Glaubens, erwünscht. Beide
Männer gehören aufs engste zusammen, und Gelegenheit wäre
geboten, ihn im XI. Kapitel etwas mehr hcrvortreten zu lassen. Doch
auch Munk, der bedeutende jüdische Gelehrte und hervorragende
Arabist/ der zu den Reisebegleitern Montefiores nach Damaskus gehörte,
ist erwähnenswert. Sehr ungern vermisse ich eine Wiedergabe des
Bildnisses der Lady Judith Montefiore wie des so charakteristischen
Wappens und Namenszuges, wie es sich selbst im vorerwähnten sehr
wohlfeilen Büchlein von Fiebermann findet und einen sehr hübschen
Buchschmuck abgeben würde. A. Auerbach.
— Eine Arbeit über Syna gogalwusik von William
Wolf. Herr Prof. William Wolf hat im Lause der letzten Jahre
eine größere Arbeit über unsere religiöse Musik vollendet, welche eine
außerordentlich wertvolle Forschung auf diesem Gebiete darstellt. Er
nennt sie: „Grundzüge einer Geschichte der Synagogalmusik nebst
Hypothesen über älteste Musiksysteme". Durch seine lauggepflegte,
intime Bekanntschaft mit den traditionellen Synagogalgesängen, im
Bunde mit seinen musikgeschichtlichen Kenntnissen, hat sich ihm all¬
mählich ein deutliches und abgerundetes Bild von der Herkunft dieser
alten Tonweisen und von den mannigfaltigen alten und uralten
Tonsystemen, auf denen diese Melodien gegründet sind, gestaltet. Er
hat seine Untersuchungen zunächst in die Form eines Vortrages ge¬
kleidet, welchen er am 23. Oktober vor einer Versammlung der „Inter¬
nationalen. Musikgesellschaft" vorlas, indem er zugleich von allem
Bezüglichen klingende Demonstrationen gab und auch durch gedruckte
Beispielblätter-das Gesagte anschaulich machte. Wolfs Arbeit wird
durch den Druck veröffentlicht werden, und wird dann die Gelegenheit
geboten sein, auf seine interessanten Ausführungen im einzelnen ein¬
zugehen. A. Friedmann-Berlin.
Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin.
Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwiv >n Berlin