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bleibt er fremd. Wenn ich mich erinnere, wie brüderlich-herz¬
lich Moritz Hehmann gleich zu meinen Schwestern stand, wie
vertraulich er sich mit ihnen neckte und wie besorgt und ein¬
gehend er aus Margotles schwachen Appetit achtete — es ist
HM ein ganz anderes Verhältnis. Mit den Eltern beschäftigt
sich Friedrich mehr, doch habe ich immer das Gefühl, er sieht
sie als Faktor an in seiner LebLnsrechnung. Eltern gehören zu
Kindern, sie müssen doch die Aussteuer und die Einrichtung
besorgen, und wenn man bedenkt, daß die liebe Pastorin doch
nur das eine Fremdenbett stopft, über das sie freilich mit so
viel Ausführlichkeit und Wichtigkeit berichtete, und meine
Eltern den ganzen eleganten Haushalt beschaffen, so scheint es
fast natürlich, daß er sich mit den Schwiegereltern mehr zu
sagen hat als mit den eigenen, sie mit größerer Aufmerksam¬
keit behandelt.
Er wird sie doch nicht für Millionäre halten? Ich glaube,
unsere Einrichtung sieht danach aus.
Den.1914.
Ich kann es nicht mehr mit anhören.
Immer wieder die Gespräche, ob die Trauung in der
Hauptkirche oder in der Altendvrfer stattfinden soll, immer
wieder die Frage, wo man am schnellsten und bequemsten mir
den geringsten Umständen getauft wird.
Der Pastor Schwiegerpapa wird die Taufe nicht vollziehen.
Er hat geschrieben: „Komm nicht eher zu mir, liebes
Töchterchen, als bis du von dem Geist unserer heiligen Lehre
wahrhaft durchdrungen bist, erst dann will ich ..." — Das ist
Erna ein zu beschwerlicher Umweg. Sie weiß einen Geist¬
lichen — allerdings nicht hier. Sie muß vier Stunden darum
reisen. Aber das macht nichts, sie hat ja so viel in der großen
Stadt gleich zu besorgen — der stellt nur ein paar Fragen
gleich in der guten Stube, dann vollzieht er den Akt; hierauf
zahlt man eine Summe in irgendeine Kasse und dann — ist
man Christin. Nur keine Umstände auf Dinge verwenden, die
sich schnell erledigen lassen; dem Pastor Schwiegerpapa gegen¬
über wird sich schon eine Ausrede finden. Besonders Friedrich
macht mit dieser Frage wenig Umstände. Mama und das
Brautpaar sprechen merkwürdig schamlos, nicht anders, als
ob es sich um Empire oder Biedermeier für den Salon handelte,
von all diesen Fragen. Gott sei Dank, daß sie wenigstens so
viel Rücksicht nehmen, vor Papa von all dem zu schweigen.
Den.1914.
Wäre es besser, Josua hätte mir das Gewissen nicht wach¬
gerüttelt? Ich lebte noch dumpf und stumpf dahin und enrp-
fände nicht mit tausendfacher schmerzvoller Scham, was'ich
doch täglich, stündlich hier mit erleben und ansehen muß?
Neulich fragte Erna mich sogar um Rat, wie sie den Brief
an ihren Tauspastor aufsetzen solle. „Ich kann dir in dem
Punkt wirklich nichts raten," sagte ich, „das liegt mir zu fern".
Sie sah mit scharfem Blick hoch. Direkt antisemitisch sah sie
aus. „Ach so, du bist ja Zionistin." Sie hat natürlich keine
Ahnung von Zionismus, aber er scheint ihr als der Inbegriff
alles Jüdischen, darum muß ich ihm zugehören. Und da fühlte
ich einmal wie die Schwester: ich sehnte mich eigener Vorteile
wegen nach einem Glauben, den ich nicht habe. Wie glatt, wie
glücklich würde mein Leben verlaufen, wenn ich wäre, was sie
mir als etwas besonders Herabsetzendes unterstellt.
„Nein, Erna, leider nicht."
Ich habe keine Ahnung, wie mein Schwager über Juden¬
tum und Juden vor seiner Verlobung dachte oder vielleicht
heute noch denkt. Er ist sehr verschlossen und etwas farblos
in Wesen und Miene. Aber eins weiß ich, Ernas Kinder
werden bestimmt Antisemiten, solche von reinstem Wasser, un-
überzeugbare, bei denen der Jude unter allen Umständen
verbrannt wird.
Den.1914.
Ach, ich habe einen solchen Ekel an allem.
Und so allein zu sein! So allein! Es ist doch so vieles, das
ich mit dem Kind nicht besprechen will. Sonst müßte ich doch
sagen: „Margotle, sieh, das ist unsere Mutter!" Und doch, Gott
sei Dank, so weit ist es noch nie gekommen. Auch das Kind
hat sich, Gottlob, noch nie zu mir beklagt. Auch nicht darüber,
daß sie zurückgesetzt wird, fast so, wie — ich jetzt. Nicht daran
rühren! Denn hätten wir erst angefangen, sprächen wir viel¬
leicht täglich davon.
Aber etwas anderes will ich mit ihr besprechen. Ich will
ihren Rat, ihren kindlich unbefangenen Rat. Gerade, weil sie
noch ein Kind ist und die Welt und die allzu weltliche Er¬
ziehung, die wir genießen, ihr noch nicht das Urteil über das
Verhältnis von Mensch und Mensch, von Mann und Weib
verbildet und eingeschnürt haben, soll sie mir sagen, was recht
und unrecht ist, und ob ich mich schämen muß, wenn ich Josua
frei und offen sage, er soll mich nun holen. Er hat mich
gelehrt, mein Leben so nicht ertragen zu können, und darum
muß er es mir nun anders gestalten. Ich kann nicht leben, wo
man immer von der Taufe spricht ohne einen einzigen inneren
Grund. Ich fühle mich geohrfeigt bei den Gesprächen, und
Rücksicht nehmen sie doch nicht auf mich. Vielleicht hätte ich
mehr Kraft, all das zu ertragen, wenn in all den Tagen der
Sehnsucht ein Wort der Anteilnahme, wenigstens ein Lebens¬
zeichen von Josua an mich gelangt wäre. Aber seit fast drei
Wochen habe ich nichts von ihm gehört. An zwei Sonnabenden
mußte ich ihm schriftlich absagen. Ohne ein Wort der Ent¬
gegnung nahm er es hin. Wenn er wenigstens zur Verlobung
gratuliert hätte! Das hätte die Höflichkeit doch erfordert, er
kennt doch meine Mama und meine Schwester.
Morgen ist Sonnabend, morgen muß es zur großen, end¬
gültigen Aussprache kommen. (Fortsetzung folgt.)
Litrranlche Mitteüungm.
— Die Psalmen. Bearbeitet von Dr. B. May und I. B.
Levy. Frankfurt a. M., Druck und Verlag von M. Lehrberger, 1915.
Der religiöse Geist lebt wieder aus, eine innere Frömmigkeit hat
die M-assen ergriffen. Die Gotteshäuser sind voll von Betern und
Andächtigen. Das ist die Wirkung der harten!, schweren Zeit, in der
wir leben; Not lehrt beten. Aber nicht jeder Beter ist in der Lage,
Lob und Dank, Not und Klage, Bitten und Hoffnungen zum- wür¬
digen Ausdruck zu bringen. Das- war ja auch der Grund, der An¬
ordnung feststehender Gebete, der Tesilla. Dieser Grund dürfte
auch die Herausgeber dieses für die Zeitverhältnisse eingerichteten
Psalmbuchs bei ihrer Arbeit- geleitet haben; es war ihnen „darum
zu tun, ein wirkliches Gebetbuch zu schaffen". In der Tat, kein
anderes biblisches Buch ist wie die Psalmen ein religiöses Volksbuch,
dazu bestimmt!, als' Andachts- und Lesebuch zu dienen, den Leser
zur Beschäftigung mit der Lehre Gottes und zur Befolgung, seiner
Gebote anzuhalten. Als rechtes Volksbuch enthält es keine Dich¬
tungen, deren Gedankeninhalt über das Verständnis des gewöhn¬
lichen Frommen hinausginge. Das erklärt es, daß es so bald und
so sehr populär wurde; es wurde ungemein viel gelesen, m.an hat
Tillim. „gesagt". Es dürfte kaum, ein jüdisches Haus geben, in dem
sich nicht die Psalmen mit oder ohne Uebersetzung vorfänden. An
guten Ausgaben ist kein Mangel; es liegt auch unseres. Erachtens
gar kein Bedürfnis nach einer neuen Ausgabe vor. Die Bearbeiter
dieses vorliegenden Psalmbuchs denken anders darüber. „Von
vielen Seiten angeregt," haben sie sich bemüht, „aus den in großer
Zahl vorhandenen deutschen Uebertragungen die besten auszusuchen,
haben, wo. diese den sicheren Ergebnissen -immer fortschreitender
Forschung widersprachen, die Uebersetzung und, unserem- jetzigen
Sprachempfinden entsprechend, auch den Ausruck geändert." Das
ist das eine Neue dieser Ausgabe; das andere besteht in der Prägung
von Ueberschriften, die den- Inhalt der Dichtung möglichst scharf
zum. Ausdruck bringen und gleichzeitig dem Beter im. Drange seines