SL Zabrgang. Nr. 17
Berlin, 25. Hpril 1919
Allgemeine
eitung des Judentums.
Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse
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Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon
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Innere Mission. Bon StadLravbiner Tr. Behrens
ylUJull« (Göttingen). — Die Woche. — Die Aufgaben des
Judentums bei der gegenwärtigen inner- und außenpolitischen Situation
Deutschlands. Von Geh. Kirchenrat Dr. Krön er (Stuttgart). —
Gedenkfeier für Direktor Dr. S. Adler. — Lie Belagerung von Iotapata.
Ein Rückblick von Clara Schott. — Feuilleton: Jedem daS Seinige.
vornan von M. Pulvermachn. — Literarische Mitteilungen.
Der Gemeindebote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums"):
Berlin, Posen, Kofel, Breslau, Dresden, Homburg v. d. H., Köln, Wien,
Budapest. — Von Nah und Fern.
Innere Mission.
Bon Stadtrabbincr Tr. Behrens (Güttingen-).
„Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochenen,
von Vorurteile» freien Liebe nach."
Lessing, „Nathan".
^^egriffe wie „Mas sion" und „innere Mission"
sind dem Judentum der Gegenwwrt fraglos fremd.
Wir treiben keine Mission, wir hegen Ehrfurcht vor jedem
Bekenntnis und veranlassen niemand, seinen Glauben zu
wechseln- Selbst denen, die aus freiem Antrieb sich uns
auschliehoid wollen, erschweren wir die Ausführung ihrer Ab¬
sichten. Wir sind noch immer der Ansicht des Dichters: „Man
soll die Stimmen wägen und nicht zählen."
Jeder Kenner Älterer jüdischer Geschichte weiß, daß es
einst anders gewesen ist. Der Lauf der Ereignisse hat einen
anderen Weg eingeschlagen. Wir haben die Verwirklichung
dieses Gedankens, der dem Judentum einst eigen gewesen ist,
anderen Gemeinschaften überlassen. Wir haben uns der
Macht gefügt, die unser Schicksal und unsere Geistesrichtung
zu bestimmen berufen ist. Wie wir aber stolz der Schöpfungen
unserer Religion uns rühmen, so ist nicht zu bezweifeln, baß
nur ursprünglich uns nicht eigene Erscheinungen in den Ge¬
halt unserer Vorstellungen ausgenommen, sie mit der Eigen¬
art unserer religiösen Anschauung durchdrungen und sie dann
als Erzeugnis unserer eigenen Entwickelung betrachtet und
iestgehalten haben. Diese Linie läßt sich sehr wohl durch
manche Phase jüdisch-religiösen Lebens verfolgen. Die ab¬
sichtliche oder die erzwungene Abschließung von der Welt der
WirNichkeit hat das niemals hindern können. Es bedarf
übrigens nicht der Beispiele aus den verschiedensten Zeit¬
altern, nicht der Versicherung, daß ein frischer Hauch einer in
sich abgeschlossenen Minderheit, ihrer Verjüngung und Er¬
neuerung immer förderlich sein muß. Damit begegnen wir
dem allzeit bereiten Vorwurf, als ob nun der Liberalis-
m u s für alles verantwortlich fei, was jemals an neuen Be¬
griffen, an fortschrittlichen Gedanken umgestaltond auf uns
eingewirkt hat, wenn wir gleich gern bereit sind, vor dem
Richterstuhl der Geschichte diese Verantwortung auf uns zu
nehmen. Zu diesen ursprünglich fremden Schöpfungen gesellt
sich die „innere Mission", die selbst dann ihr Daseins¬
recht beweist, wenn ihr Name, weil mit kirchlicher Gemein-
schaft verbunden, Anstoß erwecken sollte.
Die Geschichte des deutschen Judentums stand in den letzten
Jahrzehnten sehr stark unter den Einwirkungen der Abwehr¬
bestrebungen, die sich gegenüber den Anfeindungen aller Art
als eine harte Notwendigkeit erwiesen haben. Es ist gelungen,
in den großen Massen Stolz und Selbstbewnßtsein zu wecken,
Lust und Liebe zu den Leistungen unserer Väter, zu den
Idealen der Vergangenheit zu erneuern, die Jugend in ihren
mannigfaltigen Vereinsorganisationen zu gewinnen und zu
begeistern für die Aufgaben, die ihrer im Dienste der Gegen¬
wart harren. Hunderte und Tausende, die sonst vielleicht der
Berührung mit dem praktischen Judentum fern geblieben
wären, sind dadurch erfaßt und angeregt worden, sich mit den
Wahrheiten und Zielen ihrer religiösen Gemeinschaft eingehen¬
der und interessierter auseinanderzusetzen und zu beschäftigen.
Aus der Selbstbesinnung, die die Macht der Zeit anbahnte,
erstand ein Trutzjudentum, das für die Stählung des jüdischen
Charakters wertvoll geworden ist. Aber ist nicht Gefahr im
Verzüge, daß diese Arbeit auf halbem Wege stehen bleibt? Ist
das Tvutzjudentunl eine Erscheinung, die uns voll befriedigt
in dem Fortgang unserer Entwickelung? Was dann, wenn
die äußeren Antriebe, die es schufen, aufhören? Brechen dann
nicht die Stützen, auf die es gegründet?
Man wird auf die soziale Arbeit der Gegenwart verweisen,
um diese Befürchtungen zu entkräften. Gewiß, da ist ein neuer
Mittelpunkt geschaffen zur Sammlung ideeller und materieller
Kräfte, zur Verständigung der Geister, zu edelstem Wetteifer,
zur Einflußnahme auf weite Kreise. Das Judentum aber ist
iinmer sozial schöpferisch und sozialen Geistes gelvesen, und es
verdankt dem verstärkten Ruf der Zeit seine erhöhten
Leistungen. Wir bewundern, was es aus eigener Kraft ver¬
mag, was es unter dem Einfluß der Einwirkung weniger her¬
vorgebracht hat. Es ist kein Zweifel, die soziale Arbeit ist ein
gewichtiges Dokument in der Hand der inneren Mission, wie
wir sie verstehen- Aber es darf nicht geschehen, daß sie sich be¬
schränkt auf die Beratung am grünen Tisch, auf Tekretierung
und Verordnung, sondern sie muß die unmittelbare Fühlung
mit dem Leben suchen, sie muß die Leidenden persönlich zu er¬
fassen wissen, alle diejenigen, die ihrer bedürfen. Das aber ist
in hervorragendem Maße die Pflicht des jüdischen Geistlichen.
Solange die Verhältnisse in den mittleren Gemeinden sich
überblicken^ lassen, wird er dem.Rufe gern folgen, der an ihn
ergeht, wird er an jedem Einzelschicksal, aber auch an den
religiösen Bedürfnissen seiner Gemeindemitglieder persönlichen
Anteil nehmen, wird er sich unterrichten über die vorhandenen
Strömungen, wird er mit besonderem Eifer und mit besonderer
Wachsamkeit seine religiöse Einwirkung geltend machen, wird
er sich bemühen um diejenigen, die in Zweifeln und Fragen
seiner Hilfe bedürfen. Schwieriger wird diese Aufgabe in den
großen Zentren des deutschen Judentums sich gestalten. Es
gibt kaum eine Einrichtung, die Gesamtheit zu überblicken und
zu erfassen. Wie soll da der einzelne Geistliche in der Lage