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verjag-etl, die Juden ihrer Strafe Zufuhren, um dann mit den
Deutschen die Abrechnung vorzunehmen. Die Ukrainer, wichen
der List imb der Uebermacht, und der Schuh der Juden lag
darauf einzig und allein in den Händen der jüdischen Miliz,
die zu schwach war,',-um den Polnischen Räubern Widerstand zu
leisten. Die jüdische Miliz wurde sofort entwaffnet und inter¬
niert, die sich weigerten, erschossen. Die wehrlosen Jllden waren
nunmehr sich selbst überlassen. Da setzten die Plünderungen
der jüdischen Geschäftshäuser erbarmungslos ein. Die ge¬
schlossenen Geschäfte wurden aufgerissen, ihrer Ware beraubt,
vernichtet, die Weinfässer ihres Inhaltes entleert, indem die
Legionäre sich betranken. Und so in betrunkenem und nüch¬
ternem Zustande beraubten sie jeden Juden, den sie auf der
Straße antvafen, schlugen viele von ihnen nieder und trieben
den Rest in das jüdische Viertel, das sie völlig umzingelten
und gegen welches sie ein systematisches vernichtendes Ma->
schinengewehrfeuer eröffneten. Am Platz Sw. Theodora stellten
sie Maschinengewehre ans, wohin die Inden von den Straßen
Hergetrieben wurden, die sie wie Gras erbarmungslos nieder¬
mähten. Während Abteilungen von Offizieren und Mann¬
schaften am Platz beschäftigt waren, drangen andere in die
Häuser, raubten und mordeten. Diejenigen, die flüchten
wollten, zahlten mit ihrem ganzen Bargelde und den Schmuck¬
sachen. Während sie von einer Abteilung befreit waren, for¬
derten von ihnen andere Abteilungen ebenfalls Lösegeld; da sie
aber des Geldes bereits beraubt waren, wurden sie nieder¬
gemetzelt. Diele flüchteten sich in die nahelieaende Synagoge,
in dem Glauben, dort verschont zu werden. Manche in ihrem
fanatischen Glauben hüllten sich in Thorarollen, Talessim u. a.,
um auf diese Weise gerettet zu werden. Ter Glaube und die
Hoffnung verlängerten ihr gemartertes Dasein nur um
Stunden bzw. Minuten, denn als die Legionäre davon Kennt¬
nis nahmen, ließen sie die Synagoge samt den Insassen in
Flammen aufgehen. Während des Brandes versuckten manche
ans den Fenstern abzuspriugßen. Sie wurden mit Hand¬
granaten und Gewehrseuer empfangen.
Ganz auf dieselbe Art wurde in der Krakauer, Zwiebel-
nnd anderen Straßen verfahren. Weder Greise, noch schwan¬
gere Frauen, noch Kinder wurden verschont. Wer im Wege
war. mußte aushauchen. Bon Stunde zu Stunde nahm die
Mordlust zu. Es waren hauptsächlich Mörder aus der Intelli¬
genz, denn die Legionäre rekrutierten sich aus Professoren,
Studenten, Gymnasiasten, Arbeitern und Weibern (den pol¬
nischen Furien).
Nachdem die Jnnenarbeit (in den Häusern), das familien¬
weise Abschlachten, Verkrüppeln einzelner, Berauben usw. nach
ihrem Dafürhalten so ziemlich beendet war, fingen sie mit dem
Brandlegen einzelner Häuser an. Die aus den brennenden
Häusern Stürzenden wurden mit Gewehrferrer oder Hand¬
granaten überschüttet and in die brennenden Häuser zurück¬
getrieben. Um 'das Löschen zu verhindern, wurde die Wasser¬
leitung abgesperrt.
Als ich am 24. in die Stadt ging, um das Los meiner Be¬
kannten zu erfahren, waren die Aufräumungsarbeiten (ach,
wie nach einem Erdbeben) noch nicht beendet. Trümmer auf
Trümmer. Der noch aufsteigende Rauch verhinderte ein klares
Sehen. Ob Karthago wohl einen gräßlicheren Eindruck hinter¬
lassen konnte als diese Trümmer, wo noch vor Stunden ein
reges Leben herrschte, vermag ich nicht zu beurteilen. Eins
steht aber fest, daß dieses 33Iut6ab einzig in der Weltgeschichte
dasteht. Die genaue Zahl der Opfer ist bis jetzt nicht fest¬
zustellen möglich gewesen und dürfte wohl auch nie erfahren
werden.
Wer die Begeisterung der polnischen Bevölkerung, die in
Strömen wie zu einem Wallfahrtsort zur Stätte der Tausenden
von unschuldigen Opfern Pilgerte, sah, der darf wohl mit
ruhigem Gewissen sagen, daß der Pogrom in Lemberg mit
Wissen und Einverständnis der polnischen Behörde veran¬
staltet wurde. Die polnische Regierung und das Volk wollten
den Pogrom.
Uns aber, die von all diesen Schrecken verschont geblieben
sind, fällt die heilige Ausgabe zu, unsere unglücklichen Brüder
im Osten nicht zu verlassen, sondern stets für sie, mit allen uns
zur Verfügung stehenden Mitteln und Kräften, einzutreten.
Wer ein jüdisches Herz hat, muß ihnen, denen im schlimmsten
Elend Zurückgebliebenen, helfen. Heute, zum Jahrestage der
für das Judentum Gefallenen, gedenket der Hinterbliebenen.
Sir Woche.
Berlin, 10. November.
ie deutschnationalen, alldeutschen und antisemitischen
Blätter überbieten sich in den Erinnerungsartikeln,
die sie anläßlich der ersten Wiederkehr des Jahrestages. der
deutschen Revolution veröffentlichen, in Beschuldigungen und
Schmähungen gegen die Urheber dieser Revolution und gegen
die Revolution selbst, die sie in allererster Linie für all das
Elend verantwortlich machen, von dem gegenwärtig unser
armes und unglückliches Vaterland heimgesucht ist. Den
Vertretern des alten Systems, das am 9. November vorigen
Jahres sein Philippi erlebt hat, kommt es natürlich nicht in
den Sinn oder sie wollen dies wenigstens vor der Oeffentlich-
keit nicht zugeben, daß sie die Hauptschuld an all dem Unheil
tragen, das in den letzten Jahren über uns gekommen ist;
sie wollen es nicht einsehen oder wenigstens nicht zugeben, daß
nicht erst die Revolution unserem unglücklichen Vaterlande
zum Verhängnis geworden ist, sondern daß lediglich ihre
eigene verkehrte und größenwahnsinnige Politik, ihre Politik
l der Kriegshetze und Kriegsverlängerung, daran schuld ist, daß
die Dinge einen so unglücklichen Verlauf für uns genommen
haben und daß keineswegs die Juden, wie sie immer und
immer wieder in direktem Gegensatz zu der Wahrheit und
zumeist wider besseres Wissen behaupten, die Revolution her¬
beigeführt haben, sondern sie selbst. In einem „Die Schuld"
überschriebenen längeren Artikel führen die letzten „Mit¬
teilungen" des Abwehrvereins (?tr. 23) sehr treffend aus:
Mit einem Leichtsinn und einer Sorglosigkeit, die in der ganzen
Geschichte der Menschheit ihresgleichen suchen, haben diejenigen
! Kreise, die die Herrschaft in unserem Staatswesen an sich ge¬
rissen hatten und die es verstanden haben, sich in ihr trotz der
Verfassung und trotz der auf dem Papier stehenden Gleichberechti¬
gung aller Staatsbürger zu behaupten, den Staatswagen den Ab¬
hang heruntersausen lassen, so daß dieser heute vor einem Jahre
am Fuße des Abhanges fast gänzlich zerschmettert dalag; die an
der Katastrophe Verantwortlichen wußten sich rechtzeitig zu retten;
anderen Kreisen, und zwar ausschließlich solchen, die bisher von
der Leitung unseres Staatswesens ausgeschlossen waren, gelang
es dann mit vieler Mühe und Not, den Staatswagen notdürftig
zusammenznflicken und ihn wiederum, wenn auch unter großen
Widerwärtigkeiten, Beschwerden unb Hindernissen, in Gang zu
bringen. Nun aber wagen sich die früheren Leiter und Lenker
wieder hervor und sie benutzen die verhältnismäßige Sicherheit,
die die jetzt an der Regierung befindlichen Personen und Parteien
mit vieler Mühe und unter den größten Gefahren geschaffen
haben, dazu, um diejenigen zu schmähen und zu schelten, die das
Staatsgefährt in Gang zu halten suchen. Sie ziehen Vergleiche
zwischen dem Einst, wo der Wagen so pfeilschnell und glatt dahin¬
flog, und dem Jetzt, wo er nur mühsam fortbewegt werden kann
und jeden Augenblick auseinanderzusallen droht.
Mit einer fürwahr einzig dastehenden Skrupellosigkeit werden
jetzt wieder von den vor Jahresfrist Depossedierten die alten, längst
als Lügen widerlegten Märchen vorgebracht, daß die Revolution
von jeher der Stern Judas gewesen sei. und daß auch bei dieser
Revolution die Juden in allererster Reihe Nutzen aus ihr gezogen