63. Jahrgang. Nr. 3.
SerUn. 20. Januar 1899.
Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.
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Rabbiner 2l r - LuLmig PHMppson-Vomi.
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Leitartikel r Gegen die Dunkelmänner. — Die Woche. —
Freiherr von Mirbach über die Kaiserreise. Ein jüdisches Asyl für Kranke
und Altersschwache in Westfalen. Von I. Ostwald. — Die Ethik des
Judenthums von Lazarus. II. Von Dr. C. Seligmann. — Dogmatische
Pseudowissenschaft. Von Rabb. Dr. B. Jacob. — Feuilleton r Die Rose
von Saron. XXIX. — Jüdische Dorfbewohner. Von B ernst ei n-
Sawersky. (Schluß.)
Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin,
Landsberg a. W., Breslau, Aus der Provinz Posen, Nakel, Aus Westpreutzen,
Kolberg, Lage (Lippe), Frankfurt a. M., Aachen, Metz, Wien, Budapest, Rew-
Pork — Don Nab und Fern. — Sprechsaal. — Geschäftliche Notizen.
Gegen die Dunkelmänner.
f Berlin, 18 . Januar.
er Wochenabschnitt, der am letzten Sabbath in allen Synagogen
verlesen wurde, ist ein wuchtiger Protest gegen die Dunkel¬
männer aller Zeiten. Denn es giebt wohl, wie es scheint,
keine größere Schuld, als wenn Einer, ausgestattet mit der Kraft,
die Wahrheit zu erkennen und zu verbreiten, und sonach dazu berufen,
die Nebel zu zerreißen, welche den Blick des Volkes trüben und sein
Herz beengen, diese seine Fähigkeit dazu mißbraucht, um die Menge
im Jrrthum festzuhalten und zu bestärken, um Diejenigen, die gläubig
auf ihn horchen, durch den Glanz seiner falschen Worte zu blende»,
wenn er seinen Geist in den Dienst der Lüge stellt und mit Be¬
wußtsein als ein Herold des Wahns die Menschen bethört.
Schon ohnedies ist jeder geistige Fortschritt so unendlich er¬
schwert durch die Trägheit der Massen, die von den abergläubischsten
Vorstellungen kaum sich losreißen können, wenn sie in diesen erzogen
und groß geworden sind.
Schon diese Trägheit der Masten bereitet eine harte Pein Dem,
der für den Fortschritt der Menschheit erglüht ist; fortgewiesen wird,
wer sie unterweisen will, oder im besten Fall hören sie auf ihn mit
halbem Ohr und lasten am Ende seine Gründe gerade so lange gelten,
als sie den Schall seines Wortes vernehmen; die Arbeit der Aufklärung
gleicht nur allzu häufig jener Marter, von welcher die Sage be¬
richtet, wo Einer verurtheilt wird, einen Stein zur Spitze des
Berges zu rollen; so oft er sich aber seinem Ziele schon nahe glaubte,
immer wieder stürzte der Fels in die Tiefen hinab, und die Arbeit
mußte von Neuein beginnen.
Jndeß mit dieser Noth hat der Denker, der in echter Treue zur
Fahne der Aufklärung geschworen hat, dennoch Geduld; er arbeitet
ruhig weiter, zufrieden, auch nur einige Steine aus dem Wall des
Jrkthums herausgenommen zu haben; wie sollten die Menschen nicht
denkträge werden, da sie von Jugend an härter als die Thiere
arbeiten müssen um den kargen Bedarf des Lebens, da in ihr
sorgenumwölktes Sein so wenig Sonnenblicke des Glückes herein¬
fallen.- Die Sache der Aufklärung nnd des geistigen Fortschrittes
hängt a»fs Innigste zusammen mit der Förderung des sozialen
Wohls; es ist trivial, aber wer karg und sorgenvoll sich ernährt,
wer in harter Arbeit kaum das Nothwendigste erringt und heute
nicht weiß, wovon er morgen leben wird, wo soll der die Zeit und
Lust hernehmen, über die Ammenmärchen nachzudenken, die man ihm
in der Jugend eingeprägt hat, oder auf Den hinzuhören, der seinen
Geist zu lichteren und freieren Anschauungen führen will? Wir be¬
klagen die Dumpfheit der Masten, indeß wir haben kaum ein Recht,
sie darob anzuklagen.
Aber ungestümer Groll erfaßt jeden Freund der Wahrheit,
wenn er es sieht, wie verständige, begabte Menschen, denen er wohl
die richtige Erkenntniß zutraut, jeder Lüge, jedem Wahn, jeder
Thorheit ihre Kraft leihen, wie die zarte Aussaat der Erkenntniß
von Denen zertreten wird, die zu ihrer Hut und Pflege berufen
sind. Zuweilen haben humane, aufgeklärte, edle Männer sich zu
Akten der Gewalt hinreißen lasten gegen jene Dunkelmänner, die der
Volksausdruck drastisch, aber treffend mit Wölfen im Schafspelz ver¬
glichen hat; hin und wieder nicht ohne Schein von Grund hört
man wohl diese Lichtfeinde klagen, daß sie allein von den Segnungen
sollen ausgeschlosten werden, welche das Erbtheil Aller sind; und
diese gewaltsame Ausschließung hat auch stets ihre großen und
gefährlichen Bedenken; aber zu verstehen ist es schon, wenn edlen
Männern die Zornesader schwillt gegenüber Menschen, die einen
reichen Geist dazu ausnutzen, um die Völker in Dumpfheit und
Finsterniß zu erhalten oder gar wieder hinabzustoßen, die als Herolde
der Lüge durch die Lande streifen. Was dann in dieser Zorneswallung
geschieht, ist nicht recht, aber wohl erklärlich. Die Gerechtigkeit
hat ihre schwerste Probe gegen Diejenigen zu bestehen, die selbst, wenn
sie die Macht besäßen, ungerecht und gewaltsam wären; jedoch die
Majestät des Rechtes leidet, wenn es nicht auch in solchen Fällen
rein und unverletzt bleibt.
Als der Prophet Elia auf dem Berg Karmel, nachdem er die
falschen Propheten vor allem Volk entlarvt und gedemüthigt hatte,
diese Verführer nicht nach dem Recht richtete, sondern niederschlug,
da brachte er sich durch diese Ungebühr um allen Erfolg, er stand
nach wenigen Tagen wieder so vereinsamt wie vordem, und er hörte
die Anklage, daß sein eigenes Ungestüni ihm die Gemüther ent¬
fremdet habe, weil er vergessen habe, seinen Sieg, den Triumph
des Gottespropheten über die Lügengeister, durch Gerechtigkeit und
Milde zu krönen; aber trotz alledem ist dieser Groll des wahr¬
haftigen Mannes gar wohl zu entschuldigen, da er es sah, wie diese
falschen Propheten bald dem Volk zu Munde redeten und ihm das
Herz stahlen, bald sich geberdeten, als hätten sie die ewige Seligkeit
und die ewige Verdammniß in Verwahrung und könnten sie ver¬
theilen nach der Lust ihres Herzens.